Toby Axelrod
ki Teze
Fruchtbar sein: Über Formen der Schöpfung
[English]
Ki Teze oder Jesaja 54, ist für mich eine besonders
wichtige Haftara [Prophetenlesung am Schabbat]. Sie war die Haftara bei meiner
Bat-Mizwa im Jahre 1969. Und ich habe von ihr Besitz ergriffen, geahnt, daß
dieser poetische Text auserkoren war, mir in Zukunft zu helfen. In diesem Text
sagt Gott zu einer kinderlosen Frau: Zahlreicher sind die Kinder der Einsamen
als die Kinder der Vermählten.
Als ich dreizehn Jahre alt war, wußte ich nicht, daß ich mein
derzeitiges Lebensalter ohne eine eigene Familie erreichen würde. Den richtigen
Mann zu finden und mit ihm Kinder zu haben, war das ultimative Ziel meines
Lebens. Für manche ist das überhaupt kein Ziel. Ich achte die Entscheidungen
anderer, aber für mich ist es eine schmerzhafte Erfahrung, ohne eigene Familie
zu sein. Es ist eine Situation, mit der zu leben ich lerne, obwohl ich noch
immer hoffe, daß meine Träume sich eines Tages erfüllen werden.
Nein, es ist nicht meine Entscheidung, keine Kinder zu haben.
Nicht direkt, nicht um jeden Preis. Ich bin eine von denen, die in einer Zeit
voller widersprüchlicher Botschaften heranreifte. Ich habe (und tue das noch
immer) an Romantik und Unabhängigkeit geglaubt. Mein idealer Ehemann sollte ein
Freund, Liebhaber und Partner im Leben sein. Ich glaubte daran, sexuell und
sinnlich, aber kein Sexobjekt zu sein. Ich glaubte daran, jüdisch zu sein und
gleichzeitig keinen Beschränkungen zu unterliegen (inzwischen sehe ich diese
Beschränkungen nicht mehr als diskriminierend an). Ich wollte vier Kinder haben
zwei ältere, zwei jüngere und zwei in der Mitte. Und ich habe nicht auf die
Uhr geachtet.
Wer dachte schon, daß die modernen Ziele - Karrierefrau zu sein,
die einem von Gott gegebenen Fähigkeiten zu entwickeln und finanzielle
Unabhängigkeit zu sichern - der Suche nach Beziehungen so viel Zeit entziehen
würden? Wer dachte, daß so viele junge Männer noch immer nach traditionellen
Frauen suchen würden? Und wer dachte, daß die zweideutige Botschaft unseres
liberalen Milieus liebe deinen Nachbarn und heirate einen Juden sich als
eine solche Herausforderung erweisen würde? Und wer hätte gedacht, daß sich die
ultimative Warnung, die von der Synagogenkanzel herab verkündet wurde
Vollendet nicht das Werk Hitlers! Ihr müßt jüdische Kinder haben! - als derart
paralysierend erweisen würde?
Wenn ich heute zurückschaue, dann sehe ich, daß unsere
Generation auf einer neu errichteten Brücke stand. Wir waren die
Postholocaust-Generation, und die Botschaft war klar. Wir sollten die dezimierte
jüdische Nation wieder aufbauen. Kind für Kind.
Aber für diejenigen unter uns, die nicht vom Stetl-artigen Kokon
der Ultraorthodoxie umgeben waren, wo Himmlische Hochzeiten von Eltern hier
auf Erden arrangiert werden, blieb die gewaltige Herausforderung, unseren Weg zu
Familie und Karriere gleichermaßen zu finden - in einer Gesellschaft, die neue
Möglichkeiten und Verantwortungen bot, wo es jedoch nicht genügend Vorbilder
gab, die den Weg wiesen.
Die Unabhängigkeit, die wir ererbten, ist befreiend und
fordernd. Sie verlangt nach Disziplin gegenüber großer Nachsicht. Unsere
Gesellschaft ermutigt uns indirekt, uns selbst für unsterblich zu halten, durch
die Ablenkungen des materiellen Wohlstands, Aussehens und Vergnügens alles,
was für Geld gekauft werden kann. Und in der Zwischenzeit werden wir älter.
Ich sage wir, weil ich euch alle um mich herum sehe, in
Deutschland und den USA: heterosexuelle Frauen in ihren späten Dreißigern bis
Fünfzigern, die nach einem Mann Ausschau halten, mit dem sie ihr Leben teilen
und eine Familie gründen wollen. Ich kenne kaum so viele Männer in der gleichen
Situation.
Laßt uns unsere Ziele nicht länger hinausschieben. Und, falls
wir selber physisch keine Kinder zur Welt bringen können, dann laßt uns nach
neuen Wegen suchen, jene Träume zu erfüllen, fruchtbar zu sein, wenn wir es
wollen. Und dabei zu helfen, jüdische Kontinuität zu sichern - jedoch nicht,
um zu vermeiden, als Komplizinnen Hitlers bezeichnet zu werden.
Der sehr poetische Text Ki Teze enthält einige mögliche
Antworten für Männer und Frauen, die die Partner, nach denen sie suchen, noch
nicht gefunden haben, die nach Wegen suchen, ihre schöpferische Rolle zu
erfüllen. Ki Teze handelt davon, daß eine verlassene Braut erneut
aufgelesen wird und daß die Liebe Gottes nicht von dir weichen und das Band
meines Friedens nicht wanken wird. Der Text klingt liebevoll und zärtlich,
trotz des Bildes, daß die Frau von ihrem Ehemann oder von Gott abhängig ist, um
Erfüllung zu erhalten.
Eine übliche Interpretation des Textes ist, daß die Frau das
Volk Israel repräsentiert, und daß Gott verspricht, es zu voller Blüte zu
erwecken. Aber man kann ihn auch als die Darstellung schöpferischer Erfüllung
für jene, die ohne Kinder sind, verstehen. Dies beinhaltet dennoch das Aufziehen
einer neuen Generation, die Art von Erneuerung und Inspiration, die Kinder mit
sich bringen. Es schließt das Bedürfnis ein, daß viele von uns fühlen: jenen zu
helfen, sie zu schüzen und zu führen, die es brauchen. Es schließt auch unser
Verlangen ein, unsere Spiritualität durch Musik, Kunst, Schreiben, durch das
Schaffen von Medizin und Maschinen, die das menschliche Leben verbessern,
auszudrücken.
So handelt die Haftara Ki Teze von der Schöpfung. Aber es
geht nicht um nur eine Form von Schöpfung. Indem wir sagen, wir sind im Ebenbild
Gottes geschaffen, heißt das, wir sind schöpferische Wesen. Wir sehen nicht aus
wie Gott, aber wir haben die Fähigkeit, wie Gott zu handeln. Nicht, indem wir
über andere bestimmen, nicht, indem wir etwas aus dem Nichts schaffen, sondern
indem wir etwas aus uns selbst heraus machen, das über uns hinaus geht, um
andere positiv zu beeinflussen. Eine uns innewohnende gottähnliche
Schöpfungsqualität, einmal entstanden, führt ein Eigenleben. Jede unserer
Schöpfungen hat die Fähigkeit zur Schöpfung.
Ich kann noch immer die ersten vier Zeilen von Ki Teze
aufsagen, ohne in den Text sehen zu müssen. Meine Bat Mizwa war die erste in
unserer Familie, welche, zumindest auf väterlicher Seite, sehr traditionelle
Wurzeln hatte. Es wurde nie infrage gestellt, daß ich eine Bat Mizwa
haben würde. Mein Großvater väterlicherseits, ein orthodoxer Rabbiner, kam zum
Gottesdienst, und er ging sogar zur Bima und sprach über die traditionelle
Rolle jüdischer Frauen.
Ihr könnt jetzt vermuten, ich hätte aufgepaßt, aber ich war zu
sehr mit meinen Füßen beschäftigt, die schmerzend in kleinen, weißen,
hochhackigen Schuhen steckten. Stattdessen wanderten meine Gedanken zur kleinen
Schul [Synagoge] meines Großvaters , wo Frauen und Männer getrennt saßen, aber
die Kinder frei herumtobten, frei, um die Geheimtür zu öffnen, wo das Schofar
[Widderhorn] versteckt war, frei, um den Samt des Toravorhangs zu fühlen. Es muß
irgendwo stehen, daß Kinder in der Synagoge frei sein sollen. Sie erinnern an
das wichtigste Wort am Anfang von Ki Teze: Jubele! Und sie erinnern an
die fröhliche Aufsässigkeit der Schöpfung. Wenn ich auf die Worte meiner alten
Haftara schaue, dann sehe ich viele Bilder der Fruchtbarkeit. Die Tage der Ernte
kommen kurz nach den Tagen der Erlösung. Wenn wir für sie bereit sind, gibt es
viele Früchte, an denen wir teilhaben können, und viele Wege, auf denen die
Früchte unserer Arbeit anderen Erfüllung bringen können. Wie es in Ki Teze
heißt: Gott ist der Gott der Liebe für alle Heerscharen seiner Schöpfung.
Toby Axelrod ist die deutsche Korrespondentin der Jewish
Telegraph Agency. Sie lebt seit Oktober 1997 in Berlin.
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