James R. Baaden
Motivationen für den Giur
[English]
Historisch gesehen ist die Entwicklung jüdischer Einstellungen
zur Frage der Konversion bemerkenswert unterschiedlich und, wie ich meine,
diskontinuierlich. Es gab Zeiten, in denen die Konversion ein allgemeines
Phänomen in der jüdischen Landschaft darstellte und Zeiten, in denen
mysteriöserweise nichts darüber zu hören war. In der Mitte des 20. Jahrhunderts
war eine Konversion beispielsweise noch relativ auffällig und mit Risiken
verbunden. Jetzt ist sie fast überall Teil des Lebens in der jüdischen
Gemeinschaft. Immer mehr Jüdinnen und Juden sind Nachfahren von Konvertiten oder
selber welche. Das gilt selbst für viele in meiner eigenen Berufsgruppe, dem
Rabbinat das selbst ein Zeichen für die radikalen Veränderungen setzt, die
stattgefunden haben.
Wenn heute kontroverse Debatten über Konversion ausbrechen, wird
vergessen, daß in den letzten Jahrzehnten in der jüdischen Gemeinschaft der
ganzen Welt enorme Veränderungen vonstatten gegangen sind. Früher gingen
Jüdinnen und Juden gern davon aus, daß alle irgendwie miteinander verwandt
seien, daß alle von gemeinsamen Vorfahren abstammten. Das war jedoch eine
Illusion: Indische, polnische und äthiopische Juden wußten beispielsweise nichts
voneinander und waren daher nicht genötigt, ihre offenkundigen Unterschiede zur
Kenntnis zu nehmen. Dennoch existierte in jeder dieser Gemeinschaften in gewißer
Weise die Vorstellung, alle ihre Mitglieder seien durch Verwandtschaft und
Abstammung miteinander verbunden. Diese von allen geteilte Annahme muß jedoch
für ein neues Verständnis der Natur der jüdischen Verwandtschaft beiseite
geräumt werden. Und das ist nicht einfach.
Eine andere Perspektive, der geographische Raum, springt mir ins
Auge, wenn ich die beiden Länder miteinander vergleiche, die ich am besten
kenne: Großbritannien und Deutschland. In Großbritannien hat die überwiegende
Mehrheit der Konvertierenden eine prägende Begegnung mit dem Judentum durch die
Beziehung zu einem einzelnen Juden erfahren, für gewöhnlich dem Lebenspartner.
Folglich wird jemand von außen durch eine persönliche Beziehung Teil des
jüdischen Volkes. Dieser allgemeine Kontext erhält die Familie, die
Verwandtschaft.
Wenngleich meine Einblicke ziemlich impressionistisch sind,
glaube ich, daß die Situation in Deutschland eine andere ist, schon allein wegen
der verschiedenen historischen und sozialen Gegebenheiten. Ein faszinierender
Aspekt bei Konversionen in Deutschland, der mir aufgefallen ist, könnte man als
Konversion aus reiner Überzeugung bezeichnen: Menschen, die sich für das
Judentum entscheiden, weil diese Religion sie anspricht, nicht aber wegen
irgendeiner Bindung zu einem jüdischen Menschen. Einige haben mir erzählt, daß
sie bis zu ihrer Entscheidung für das Judentum keinen einzigen Juden kannten.
Außerdem scheinen viele mit dem Hintergrund eines aktiven Engagements innerhalb
der Kirche und einer starken Identifikation mit dem Christentum ihre Wahl
getroffen zu haben. Nicht wenige haben christliche Theologie studiert. Sie haben
nicht nur etwas gewählt, sondern auch etwas abgelehnt.
Gleichzeitig beobachte ich, daß diese Menschen teilweise mit
Mißtrauen oder Unsicherheit von anderen Jüdinnen und Juden in Deutschland
betrachtet werden und sie sich daher als Opfer von Benachteiligung, Vorurteilen
und Diskriminierung empfinden. Dennoch, wann man einige Schritte Abstand nimmt
und die Umstände aus einer breiteren Perspektive wahrnimmt, dann wird klar, daß
die ganze Situation ungewöhnlich und eigentümlich für Deutschland ist.
Indes ist sie nicht so absonderlich
Auch anderswo gibt es
Übertritte aus Überzeugung. Es lassen sich viele historische Beispiele
aufzählen: seien es die Sklaven und römische Damen in der Antike oder die Bauern
aus San Nicandro in Italien, die den römischen Katholizismus verließen und das
Judentum wählten, nachdem einer von ihnen in den zwanziger Jahren spirituelle
Visionen von Abraham hatte! Vielleicht ungewöhnlich, sogar sonderbar, aber der
Weg der reinen individuellen Überzeugung hat einen Ehrenplatz in der
Geschichte der Konversionen zum Judentum. Es läßt sich auch herausstellen, daß
solche Konvertiten oft mit ihrem Leben zahlten: Hier in England gibt es das
Beispiel des Dominikanermönches Robert of Reading, der im Jahr 1275 mit dem Tod
bestraft wurde, weil er konvertierte. Wie ein solches Beispiel zeigt, haben wir
es hier mit einem Phänomen zu tun, das nicht nur außergewöhnlich für die
jüdische Geschichte ist, sondern gleichzeitig explizit religiöse Leidenschaft
mit einschließt. Und deshalb sollten die Ängste geborener Jüdinnen und Juden
als verständlich akzeptiert werden. Ihre mißtrauischen Reaktionen sind nicht
Ausdruck von Vorurteil oder Diskriminierung, sondern schlicht eines Kampfes um
das Verständnis für eine neue und unvertraute Erscheinung in der jüdischen
Gemeinschaft. Und mit Rückblick auf die deutsch-jüdische Erfahrung des 20.
Jahrhunderts haben sie das Recht, dies als Kampf zu erleben.
James R. Baaden ist Rabbiner der South London Liberal
Synagogue.
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