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Rubrik: Zeitläufe

Adina Ben-Chorin

Tod und Trauer

[English]

Es ist eine Tendenz in der modernen (auf jeden Fall in der westlichen) Gesellschaft, hohes Lebensalter, Krankheit und den Tod wegzuschieben. Sogar denjenigen, die einer unheilbar kranken Person am engsten verbunden sind, ist es oftmals untersagt, sich öffentlich oder privat auf diese Krankheit zu beziehen. Wir verwenden süße Euphemismen für den Tod, z.B. „Entschlafen“. Wir verstecken uns oder unsere Lieben in Zeiten der Krankheit und im hohen Alter. All das steht im Gegensatz zur traditionellen jüdischen Einstellung.

Wie verhalten wir uns gegenüber dem Altern und den Älteren? In den Pirkei Avot [Sprüche der Väter] wird uns gesagt, daß vierzig das Alter der Weisheit und fünfzig das Alter des Ratgebens ist. Ist der Höhepunkt des geistigen Schaffens erreicht (Weisheit), dann liegt es in unserer Verantwortung, sie mit anderen zu teilen. Das heißt auch, daß die anderen bereit sein müssen, uns zuzuhören. Das ist natürlich ein idealisiertes Modell, aber es unterstreicht den Ehrenplatz, den die Älteren in der Gesellschaft einnehmen sollten. Das war immer schon schwierig. Heute aber ist eine solche Haltung gegenüber älteren und alten Menschen nahezu unvorstellbar, werden doch gerade Jugend, Kreativität, Neuheit und Innovation betont. Gibt es irgendeinen Weg, mit diesem Problem umzugehen? Die talmudischen Weisen betrachteten 60 Lebensjahre und mehr als alt, 80 als außergewöhnlich. Heute müßte die Skala nach oben hin verschoben werden, aber der Grundsatz, daß die ältere Generation etwas Wertvolles weiterzugeben hat, ist ein Punkt, dem ernsthaft Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Da die Menschen anstreben, älter und älter zu werden (zumindest in der westlichen Gesellschaft), ist die Praxis des kibud av va'em [Verantwortung für die eigenen Eltern und das korrekte Verhalten ihnen gegenüber, oft schwer zu definieren] und das al taschlicheni l'et sikna [die Sorge für die Bedürfnisse der Alten] immer problematischer geworden.

Der Respekt vor dem Leben, verankert in den jüdischen Gesetzen und Traditionen, beinhaltet Respekt gegenüber Kranken, Sterbenden und gegenüber dem Tod. Das jüdische Recht [Halacha] und die jüdischen Sitten [Minhag] geben uns in dieser Hinsicht eindeutige Richtlinien vor. Beispielsweise ist uns die Mizwa des Bikur Cholim auferlegt [uns der Bedürfnisse der Kranken und der Sterbenden anzunehmen und sie nicht allein zu lassen], außerdem die Sorge um den Körper der Toten, wie es in dem Brauch der Tahara, der rituellen Vorbereitung des Körpers auf die Beisetzung, vorgeschrieben ist. (In diesem Zusammenhang stellt die Einäscherung ganz eindeutig ein Problem dar, die als Entheiligung des Körpers angesehen wird). Was aber ist mit Organtransplantation, der “Lebensqualität” eines sterbenden Menschen und der heiklen Frage des “würdevollen Sterbens” und schließlich der Euthanasie, worüber in der westlichen Welt heftig diskutiert wird. Jüdisches Recht und Brauchtum müssen sich dieser Themen annehmen. Mit Ausnahme des zuletzt Genannten sind die daraus gezogenen Schlüsse positiv, wenngleich innerhalb definierter Parameter.

Der Tod ist ein Bestandteil des Lebens. Die rabbinische Redensart dazu lautet: Bereue einen Tag bevor du stirbst. Das heißt, wir müssen uns zu jeder Zeit der Zerbrechlichkeit des Lebens und der Möglichkeit des Todes bewußt sein und uns dementsprechend verhalten. Die weitverbreitete jüdische Tradition des “ethischen” Willens, die über Jahrhunderte in vielen Gemeinden üblich war, verweist auf die Wichtigkeit, die das Judentum der Weitergabe moralischer, ethischer und religiöser Werte an unsere Nachfahren beimißt. Mehr aber noch ist es die Bereitschaft, über den Tod nachzudenken und uns eingehend mit ihm zu befassen, noch bevor er zur schmerzhaften Wirklichkeit wird. Der herannahende Tod eines lieben Menschen sollte eine kostbare Zeit sein, eine Zeit, frei von Heuchelei zu sprechen, eine Gelegenheit, Wunden und Familienzank zu heilen. Was nach dem Tode geschieht, ist eine Sache des Glaubens, und in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Glaubensrichtungen. Ganz sicher kann gesagt werden, daß Menschen den Tod durch Transzendenz überwinden: Biologisch, indem sie Kinder haben, durch Erinnerungen, die bei den Lebenden verbleiben, durch den Einfluß, den jemand weiterhin auf die Lebenden ausübt.

Zu den Ritualen, die mit dem Tod verbunden sind, gehören, daß die nächsten Verwandten den Verstorbenen die Augen schließen, Tahara und sofortige Beisetzung sowie die Pflichten der offiziellen Trauernden (d.h. wer die Mutter oder den Vater, die Schwester oder den Bruder, die Ehefrau oder den Ehemann oder ein Kind verloren hat). Die schließt ein: Onanut [besonderer Status des Trauernden vor der Beisetzung], Schiva [die sieben Tage des “strengen” Trauerns] und die zusätzlichen Tage (30 Tage für Ehemann/Ehefrau, Sohn/Tochter, ein Jahr für ein Elternteil).

Obschon der Tod eine persönliche Angelegenheit ist, so ist er im Judentum unbestritten zugleich auch eine der Gemeinde. Diese gibt physische und geistige Unterstützung während der Schiva, garantiert, daß die Trauernden nicht allein sind, versorgt sie mit Nahrung und kümmert sich darum, daß ein Minjan [Gebetsgruppe] vorhanden ist, damit die Trauernden wie erforderlich das Kaddisch [Totengebet] sagen können. Am Schabbat während der Schiva wechseln die Trauernden die Kleidung, verlassen das Haus und gehen in die Synagoge, um den Schabbat zu ehren, aber auch um symbolisch die Bindung an die Gemeinde, die Rückkehr in diese und in die Welt der Lebenden zu zeigen.

Heute leben die meisten Jüdinnen und Juden nicht in derart traditionell orientierten Gemeinden. Vielmehr tendieren sie dazu, Teile der Kultur, in der zu leben sie gewählt haben, zu übernehmen, die jedoch meist mit dem traditionellen jüdischen Modell kollidieren. In der westlichen Welt wird die Beisetzung zum Beispiel hinausgeschoben, Trauer ist privat (“Bitte keine Besuche”). Es gibt keine offizielle Akzeptanz des Bedürfnisses nach einer besonderen Trauerzeit für Individuen, so daß die Trauernden nicht sich nicht von der Arbeit freinehmen können, um „Schiva zu sitzen”. Viele von uns sind keine Mitglieder einer jüdischen Gemeinde, während jene um uns herum (Familie oder Freunde, wenn wir Glück haben) nichts von den jüdischen Traditionen wissen oder, noch schlimmer, sich in irrationaler Weise an Bruchstücke von Information und Erinnerungen klammern, die in keinem Kontext mehr stehen und folglich wenig Kraft für Unterstützung oder Heilung geben.

In der jüdischen Tradition ist viel Weisheit enthalten, die sich auf Krankheit, Altern, Tod und das Sterben bezieht. Diese Weisheit muß studiert und neu interpretiert werden, um den Bedürfnissen von heutigen Jüdinnen und Juden zu entsprechen.

Adina Ben-Chorin, geboren in den USA, lebt in Zürich, wo sie Judentum mit Schwerpunkt Bibel und die Rolle der Frau unterrichtet.

European Conference of Women Rabbis, Cantors, Scholars and all Spiritually Interested Jewish Women and Men
Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden

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