Lara Dämmig
Jüdische Namen
[English]
Werdende Eltern beraten sich oft über Monate, bevor sie sich für
den Namen ihres Kindes entscheiden. Meist soll dieser zeigen, mit welcher Kultur
sie sich verbunden fühlen, welche Hoffnungen und Wünsche sie bei der Geburt
ihres Kindes hegen, in welcher Tradition sie sich sehen, welcher Familie sie
angehören. Die Bedeutung des Namens wird uns in der Parascha [Tora-Abschnitt]
Lech Lecha vor Augen geführt: Im Alter von 99 Jahren erscheint Abram Gott:
Sieh, mein Bund besteht mit Dir, und Du wirst werden zum Vater einer Vielzahl
von Völkern. Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein
Name sein; denn zum Vater einer Vielzahl von Völkern habe ich dich bestimmt.
(Gen. 17:4-5) Und später steht geschrieben: Sarai, dein Weib, sollst du nicht
mehr Sarai nennen, sondern Sara, Fürstin, soll ihr Name sein. (Gen. 17:15) Wir
erleben hier Namensgebung als konstitutiven Akt, der den neuen Status von
Abraham und Sara widerspiegelt.
Wenn Eltern ihren Kindern jüdische Namen geben, wollen sie auf
diese Weise deren Status innerhalb der Gesellschaft, deren Zugehörigkeit zum
jüdischen Volk verdeutlichen. Was aber ist ein jüdischer Name? Welche Namen
trugen und tragen Jüdinnen und Juden in Vergangenheit und Gegenwart? In seinem
1837 erschienenen Buch Namen der Juden. Eine geschichtliche Untersuchung zeigt
Leopold Zunz [1797-1886, einer der Begründer der Wissenschaft des Judentums]
auf, daß bereits im 6. und 5. Jahrhundert v.d.Z. unter den Namen der Juden
manche anzutreffen sind, die nicht hebräisch sind: So zeigt denn jene Zeit
kaum ein Festhalten an alterthümlichen Namen; ein jeder folgte, wie das
Bedürfnis ihn antrieb, dem Fortgange der lebenden Sprache, und die Empfindung
durfte frei mit dem Wortschatz walten. Über die Jahrhunderte macht sich bei der
Namensgebung der Juden der Einfluß der Kulturen, von denen sie umgeben waren,
geltend. Fremde Namen wurden übernommen und umgewandelt, hebräische Namen
erfuhren lautliche Änderungen oder Übersetzungen, geschichtliche und lokale
Vorgänge fanden ihren Niederschlag.
Ich selbst habe weder einen als jüdisch geltenden Vornamen noch
einen jüdischen Nachnamen. Mein Vorname stammt aus dem Land, in das meine
Großeltern emigrierten und in dem meine jüdische Mutter geboren und aufgewachsen
ist, mein Nachname ist der meines nichtjüdischen Vaters. Durch meinen Namen ist
mein Jüdischsein nicht offensichtlich. Dennoch stehen sie für die Geschichte
meiner Familie, für die Geschichte der Jüdinnen und Juden in dem Land, in dem
ich lebe.
Lara Dämmig ist Initiatorin von Bet Debora
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