Lidia Drozdzynski
Mein säkulares Judentum
[English]
Ich fühle mich als ein Bestandteil
der jüdischen Gemeinschaft, ohne ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu sein.
Wie ist das zu verstehen? Ich bin areligiös, und die Gemeinde ist ein Ort des
religiösen Glaubens, ergo ist es nicht mein Ort? Meine Haltung betrifft sowohl
die liberale als auch die orthodoxe Ausrichtung. Da es eine organisierte
jüdische Gemeinschaft mit kulturellem Programm nicht gibt, zähle ich mich zu
einer recht großen losen Gruppe, die weltlich und unorganisiert existiert. Zu
meiner säkularen Identität gehört meine Arbeit als Journalistin, denn genau
dabei befasse ich mich mit allem, was mich im Judentum interessiert in
professioneller Weise. Zuletzt ist da die Bindung an Israel und die Menschen,
die mir dort nahe stehen und zu meiner Geschichte gehören.
Als Kind aus einer atheistischen,
sogenannten interkonfessionellen Ehe, hatte ich es nicht leicht, meine Identität
zu finden, zumal das Leben mich als Jüdin definiert hat, bevor ich es für mich
tun konnte. Die äußeren Ereignisse waren oft schneller als meine persönliche
Entwicklung. Ich bin die Tochter einer nichtjüdischen Mutter und eines jüdischen
Vaters. Er hieß vor dem Krieg Alexander Kahane, gehörte also zu den "Kohanim".
Kurz nach dem Krieg änderte er seinen Namen, aus Kahane wurde Drozdzynski. Er
war ein junger und überzeugter Kommunist, bereit viel zu geben für seine Ideen,
sogar den Namen. Als ich geheiratet habe, eröffnete sich neben der Möglichkeit
den Namen meines Mannes anzunehmen, auch der Weg "Kahane" wiederzuerlangen. Ich
blieb bei meiner eigenen holprigen und konsonantenreichen Namensversion hängen.
Ich blickte zurück und stellte fest, daß sich dahinter bereits ein ganzes Stück
eigene Identität befand, und so beschloß ich weiterhin "D - wie Dora, R - wie
Richard, O - wie Otto" etc. zu buchstabieren und dafür länger im Gedächtnis
eines jeden Beamten zu bleiben, der mit mir zu tun hatte. Trotzdem flackert bis
heute von Zeit zu Zeit der Wunsch auf, den Namen Kahane wieder anzunehmen.
Als der Zweite Weltkrieg begann,
zählte mein Vater gerade mal vierzehn Jahre. Im Getto Lodz versuchten die
Bundisten, Zionisten und Kommunisten, die Situation der Gettobewohner zu
erleichtern und ihnen Mut zu machen. Auch Jugendorganisationen wirkten mit. Sie
kämpften um gerechte Verteilung der Essensrationen, richteten Suppenküchen ein,
belebten den Alltag durch Kulturveranstaltungen und sorgten für Informationen
aus versteckten Rundfunkgeräten. Sie bildeten den Untergrund. In dieser Zeit hat
sich mein Vater wahrscheinlich einer kommunistischen Gruppe angeschlossen.
Man kann völlig unpathetisch sagen,
daß er sein Überleben in Auschwitz den Kameraden aus der Organisation verdankte
und seine ganze Hoffnung aus den kommunistischen Ideen schöpfte. Er wollte nicht
nach Palästina. Deshalb bin ich in Polen und nicht in Israel geboren.
Mein Vater war Journalist und ein
genauer Beobachter der politischen Landschaft im In- und Ausland. Als es für
mich wichtig wurde, eine ideologische oder religiöse Richtung einzuschlagen, war
zu Hause bereits der Bruch mit dem System vollzogen. Im März 1968, als ich
vierzehn war, begannen in Warschau die ersten Studentenstreiks. Wir Schüler
durften die Häuser nicht verlassen, hatten in unsere Hefte verlogene Erklärungen
diktiert bekommen. Ich fühlte bereits wie eine Oppositionelle und war trotz des
Verbots auf der Straße. Dieses Regime war gegen Juden und ganz viele polnische
Bürger auch. Das hörte ich auf der Straße und erlitt den ersten Schock. Das
machte mich zur Jüdin. Plötzlich war meine Position klar.
Doch das aktive jüdische Leben lernte
ich erst später in der Emigration kennen. Wenn ich die Konsequenzen der
antisemitischen Hetze der polnischen Regierung im Jahr 1968 positiv
interpretieren möchte, dann hatte die Ausreise aus Polen mich in der jüdischen
Identität erst recht gestärkt.
Der Gedanke an eine Konversion war
mir immer fremd, denn dieser Schritt ist ein Zeichen für den Bund mit dem G´tt ,
bei dem man sich zu einer Lebensführung verpflichtet, die ich nicht leisten kann
und will. Für mich ist die Synagoge ein Ort, den ich erst seit ein paar Jahren
besuche, um an den Hohen Feiertagen meinen verstorbenen Vater zu ehren, an ihn
zu denken und symbolisch meine Verbundenheit mit den Großeltern zu zeigen, die
ermordet wurden. Dieses Haus ist für mich mit der Zeit zum Ort der Meditation
und des Disputs zwischen mir und meinen Angehörigen geworden. Manchmal, wenn ich
in der Synagoge stehe, sehe ich meinen Vater vor mir, der ja ein Kommunist war,
einer der jedoch nie aufgehört hat ein Jude zu sein, und muß lächeln. Er sieht
zu, wo ich bin und was ich tue. Ein wenig skeptisch quittiert er diese Szene
wohlwollend mit einem Witz oder einem Gleichnis. Womit sonst, denn er war ein
Sammler des jiddischen Humors. Zu meinem säkularen Judentum gehört die Aufgabe,
eine Chronistin oder auch Archäologin der Familiengeschichte zu sein. Ich fühle
mich hier in eine lange Reihe der Zweiten Generation Kinder eingegliedert, die
diesen Job als Vermächtnis verstehen und ihr Leben lang erledigen.
Lidia Drozdzynski (1953) lebt sich
als Fernseh- und Hörfunkjournalistin in Köln.
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