Charlotte Elisheva Fonrobert
Die Trickserin
- Eine feministische Midrasch-Lektüre
[English]
Im Vergleich zu anderem rabbinischem Schrifttum erfreut sich das
Genre des erzählerischen oder "aggadischen" Midrasch [rabbinische Auslegungen
durch Geschichten] gerade unter den jüdischen Feministinnen der zweiten
feministischen Welle besonderer Beliebtheit. Die Popularität nahm ihren Anfang
in liberalen jüdischen Gruppierungen und breitete sich dann auch in eher
orthodoxen und traditionellen Gemeinden aus. Derzeit gibt es einen wachsenden
Markt für Midraschim, die von Frauen geschrieben worden sind.
Zwei Aspekte des Midrasch tragen zu dieser neuen Hochschätzung
bei. Erstens drückt der Midrasch als eine hermeneutische Methodologie die
Quintessenz der rabbinischen und folglich jüdischen Lesart biblischer Texte aus.
Juden "machen" Midrasch, während andere sich historisch kritischer Exegese oder
Allegorien bedienen. Indem die Feministinnen Midrasch als Methodologie wählten,
konnten sie sich darüber hinaus leichter innerhalb des jüdischen Lagers
einordnen und die Kritik umgehen, bestimmte Arten von Feminismus von außen in
die jüdische Kultur hineinzutragen.
Zweitens enthält der aggadische Midrasch ein großes kreatives
Potential. Judith Plaskow betont das Fließende des Midrasch. In ihrem Buch
Standing again at Sinai [Und wieder stehen wir am Sinai, Luzern 1992], das
heute ein Klassiker ist, sagt sie: Das Schreiben von Midrasch-Texten ist ein
Prozeß mit offenem Ende gleichermaßen ernsthaft und verspielt, reich an
Phantasie, metaphorisch, es hat sich direkt einer feministischen Verwendung
angeboten... Indem wir den traditionellen Quellen lauschen, warten wir auf die
Worte der Frauen die aus den weißen Leerstellen zwischen den Buchstaben der
Tora aufsteigen, so, wie wir uns der Vergangenheit durch die Erfahrung unseres
eigenen Lebens erinnern. (53-54)
Wenden wir uns einem berühmten, immer wiederkehrenden
Midrasch-Motiv zu: dem Zusammenhang zwischen Frauen und Erlösung sowohl in der
Vergangenheit, das ist der Exodus, als auch Erlösung in der Zukunft, das ist die
messianische Zeit. Die besondere Gestalt, die dieses Motiv annimmt, und die ich
hier nachzeichnen will, ist die wiederkehrende Geschichte der "Trickserin" oder
der Frauen, die wegen ihrer Schlauheit das Verdienst haben, die Erlösung und das
messianische Versprechen herbeizuführen.
Die Legende von der Magd
Im Jalkut Hamachiri, einer mittelalterlichen Sammlung
aggadischer Midraschim (12-14. Jhr., Südfrankreich oder Spanien) finden wir im
Zusammenhang mit einem berühmten Vers aus den Psalmen die folgende Geschichte:
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden (Ps. 118:22).
Midrasch: Doch siehe, in Sünde (be'avvon) ward ich gezeugt (Ps 51:7) -
("in Sünde") wird mit zwei Vavin [zweimal der Buchstabe vav]
geschrieben. Zwei Amoräer in Palästina stritten sich, wie dieser Vers zu
interpretieren sei. Einer sagte, David war der Sohn der geliebten Frau, der
andere sagte, David war der Sohn der verhaßten Frau. Wie kommt das? Ischai war
das Oberhaupt des Sanhedrins [oberste Versammlung]. Er ging fort und kehrte mit
einer Armee von 600.000 zurück, und er hatte 60 erwachsene Söhne. Er entzog sich
drei Jahre lang dem Sex mit seiner Frau, und nach drei Jahren erwarb er eine
schöne Magd, und er verzehrte sich nach ihr. Er sagte zu ihr: Meine Tochter,
erwerbe für heute Nacht (deine Freiheit), damit du mit dem Beleg deiner
Freilassung zu mir kommen kannst. Die Magd ging und sagte zu ihrer Herrin
(Ischais Frau): Rette dich und meine Seele und meinen Meister aus dem Gehinnom
[Hölle]! Die wiederum sagte zu ihr: Was ist der Grund? Da erzählte sie ihr
alles. Die Herrin sagte: Meine Tochter, was kann ich machen, wenn ich sehe, daß
heute drei Jahre vergangen sind, in denen er mich nicht berührt hat. Die Magd
antwortete: Ich will dir einen Rat geben. Gehe und bereite dich vor, so wie ich,
und in der Nacht, wenn er die Türen schließen läßt, wirst du eintreten und ich
werde hinausgehen. So geschah es. In der Nacht stand die Magd auf und löschte
das Licht, sie ging, um die Tür zu schließen, und während sie hinausging, trat
die Herrin ein. Sie liebten sich die ganze Nacht, und sie ward schwanger mit
David."
Subversives Potential
Die Legende der Magd ist ein Beispiel dafür, wie sich durch die
klassische Imagination des Midrasch die biblische Erzählung verändert. Sie ist
ein besonders starkes Beispiel dafür, wie weibliche Charaktere oder Mütter
erfunden oder hinzugefügt werden, wo es im biblischen Bericht keine gibt. Weiter
ist sie ein Beispiel für das, was laut Norma Rosen durch den Midrasch erreicht
werden soll: ... Frauen in der Bibel eine Stimme zu verleihen, die fast keine
hatten, Fürsprecher für biblische Gestalten zu sein, über die die Jahrhunderte
viel Staub gelegt hatten, und sich deren Leben vorzustellen.
(Midrasch, Bible and Womens Voices, Judaism 45:4, Herbst 1996, 423).
Mehr noch, diese besondere Midrasch-Geschichte stellt die Frauen als handelnd
dar, die ihre Interessen gegenüber männlicher Dominanz wahren. Dieser Aspekt des
erzählerischen Midrasch darf nicht unterschätzt werden, besonders weil der
Unterschied zum biblischen Text in diesem Fall nicht deutlicher hätte
herausgestellt werden können. Schließlich spielt sich in der Bibel die
Geschichte über die Genealogie und Erwählung Davids als König ganz und gar in
einer Männerwelt ab.
Abgesehen von der bloßen Hinzufügung von Frauen in die biblische
Erzählung von der Berufung Davids, führt die Geschichte jedoch noch etwas
Weiteres ein, das sich als besonders radikales Moment lesen läßt. Der Erzähler
schreibt aus folgender Sichtweise: Zwei Frauen konspirieren, um Ischai an der
Nase herumzuführen, womit sie die Geburt des künftigen - historischen wie
messianischen - Königs von Israel ermöglichen.
Ein späterer Kommentator, Chaim Josef David Azulai (1724-1808)
betont, Ischai, der von der Moabiterin Ruth abstammt, habe "den Schluß daraus
gezogen, daß es einem Moabiter untersagt ist, eine Israelitin zu heiraten und
Nachkommen zu zeugen. Der rabbinischen Halacha [jüdische Gesetze] gemäß darf
ein Moabiter keine israelitische Frau heiraten, aber er kann eine
freigelassene (israelitische) Magd heiraten und mit ihr Kinder haben, da diese
Kinder den halachischen Status von freigelassenen Sklaven genießen. Doch durch
die halachisch (legitimen?) Skrupel Ischais wenn wir Azulais Auslegung folgen
und seiner sexuellen Verweigerungshaltung gegenüber seiner Ehefrau,
verhinderte er beinahe die Geburt seines jüngsten Sohnes David. Außerdem
erscheint Ischais Absicht, sein moralisch fragwürdiges Begehren nach der Magd
rechtlich zu legitimieren, trotz der halachischen Korrektheit (besorge dir
einen Beleg über deine Freilassung) im Kontext dieser Geschichte in keinem
günstigen Licht. Schließlich hat er seine Frau vernachlässigt.
Um es zusammenzufassen, sind die Frauen die Gerechten, sie sind
die wirklichen Heldinnen dieser Geschichte. Dank der Solidarität zwischen Frauen
wird der messianische König Israels geboren. Hingegen ist der Vater wollüstig
und ein Narr, obgleich oder vielleicht gerade wegen seines halachischen
Fanatismus. Der letzte Punkt fügt unserer Geschichte einen weiteren
interessanten, subversiven Aspekt hinzu. Er unterstreicht (Ischais) halachisch
korrektes Verhalten, das Verlangen, als Mann die Vorschriften der Halacha
hochzuhalten, zu achten und zu befolgen. Dem gegenübergestellt und als weiblich
markiert, ist die von Frauen betriebene Unterwanderung der halachischen
Vorschriften. Gerade hierin finden wir das subversive, weibliche Moment oder das
der "Trickserin", durch welches der messianische König gezeugt wird.
Über das Trickser-Motiv hat James C. Scott geschrieben, daß
nichts den verborgenen kulturellen Widerstand von unterworfenen Gruppen besser
illustriert als solche Trickser-Geschichten. (Domination
and the Arts of Resistance). Er diskutiert eine Reihe von Beispielen aus
verschiedenen Zusammenhängen von Unterjochung und stellt dabei heraus, daß sich
typischerweise der (sic!) Trickser durch eine heimtückische, feindliche
Umgebung hindurch laviert, die ihn unterdrücken will... nicht durch seine
Stärke, sondern durch seine Intelligenz und Schlauheit. Der Trickser ist
grundsätzlich unfähig, irgendeine direkte Konfrontation zu gewinnen, da er
kleiner und schwächer als seine Gegenspieler ist. Nur weil er die Gewohnheiten
seiner Feinde kennt und indem er sie hintergeht, indem er Vorteile aus ihrer
Habsucht, Anzahl, Leichtgläubigkeit oder Eile zieht, gelingt es ihm, sich ihrem
Griff zu entziehen und Siege zu gewinnen. (162) Dieses Moment in unserer
Legende von der Magd muß betont werden, es ist ein Teil ihrer Macht. Kritisiert
wird das halachische System, das vermittelt über Ischai die Bedürfnisse der
Frauen zum Schweigen bringt und sie von seiner Gnade abhängig macht. In diesem
Sinn eröffnet die Erzählung etwas vom imaginativen Atemraum, in dem die
üblichen Kategorien von Ordnung und Hierarchie nicht mehr völlig unumgänglich
sind. (168) Es werden andere Möglichkeiten als die offiziell gebilligten
denkbar.
Trickserinnen in der Bibel
Die Struktur der männlich-weiblichen Handlung in der
mittelalterlichen Midrasch-Legende von Davids Geburt, in der die Frauen als die
Garantinnen für die Früchte des göttlichen Plans dargestellt werden und die
Männer bestenfalls in ihrer Mitverantwortung beschrieben sind, ist alles andere
als ungewöhnlich für die Tradition rabbinischer Erzählkunst. Sie übernimmt
biblische Muster und schreibt sie um, inszeniert sie neu und verstärkt sie,
wodurch sie auf ganz verschiedene Weise eine zentrale Rolle in der
Midrasch-Literatur spielen. Bei jedem der nachfolgenden Beispiele von
Midrasch-Texten zu biblischen Geschichten sehen wir, daß immer wieder Frauen für
ein Verhalten belohnt werden, das in der Bibel noch keineswegs mit einem
eindeutig positiven Unterton beschrieben worden ist. Je verbreiteter das
Handlungsmuster in der rabbinischen Literatur jedoch ist, und desto
charakteristischer es somit für die rabbinische Phantasie wird, desto
zweifelhafter erscheint seine subversive Natur.
Den klassischen, biblischen Präzedenzfall bildet natürlich das
Buch Ruth in seinen letzten vier Strophen, die eine Genealogie enthalten, nach
der David der Urenkel von Ruth ist. Im Buch Ruth tun sich ebenfalls zwei Frauen
zusammen, um einen Mann, Boas, zum Sex mit einer nachfolgend zwingenden
Eheverpflichtung (Ruth 3:14) zu verführen, womit sie eindeutig den Weg zur
Geburt Davids ebnen. Wenn wir die moabitische Linie zurückverfolgen, finden wir
eine weitere Geschichte von Trickserinnen. Nach der Zerstörung von Sodom und
Gemorra meinen die zwei Töchter Lots, das kein Mann auf dieser Erde verblieben
ist, der mit uns Sex haben wird (lit: der über uns kommen wird), wie es in
dieser Welt üblich ist. (Gen 19: 31) Also verabreden sie, ihren Vater betrunken
zu machen und ihrem beizuwohnen, um dem Samen unseres Vaters Leben zu geben
(nechajeh me'avinu sara). (Gen. 19:32) In zwei aufeinanderfolgenden Nächten
werden beide Töchter durch ihren Vater schwanger und so zu den Stammüttern der
Moabiter bzw. Ammoniter. (Gen. 19:37-38) Die biblische Geschichte selber wirft
kein positives Licht auf das manipulative Verhalten von Lots Töchtern. Sie läßt
sich vielmehr als eine dunkle Geschichte lesen, in der die Feinde Israels
dadurch degradiert werden, daß ihre Ursprünge mit Inzest verbunden sind.
Der Midrasch-Kommentar in Bereschit Rabba rechtfertigt jedoch
das Verhalten der Töchter, wenn er es nicht sogar aufwertet: (Zu Gen. 19:31)
Und die Erstgeborene sagte zur Jüngeren: 'Unser Vater ist alt, und es ist kein
Mann auf Erden geblieben usw.' Sie (Lots Töchter) dachten, die ganze Welt sei
wie bei der Generation der Sintflut vernichtet worden. (Zu Gen. 19:32) 'Komm,
laß uns so handeln, daß unser Vater Wein trinkt... , so daß wir dem Samen
unseres Vaters Leben geben'. R. Tanchuma sagte im Namen Schmuels: Es steht nicht
geschrieben, 'daß wir einem Sohn unseres Vaters Leben geben', sondern 'daß wir
einem Samen unseres Vaters Leben geben'. Das ist ein Same, der von
anderswo stammt. Welches ist dieser (Same)? Es ist der König Messias."
(Bereschit Rabba 51:8).
In der Tradition des Midrasch gibt es also keine Ambivalenz im
Hinblick auf die moralische Integrität der Töchter Lots und ihre Absichten. "R.
Eleazar sagt: Normalerweise wird eine Frau nicht bereits bei ihrem ersten
Beischlaf schwanger. Trotzdem wurden die zwei Töchter von Lot, die den Schmerz
überstanden, der den ersten Beischlaf begleitet, schwanger. Denn ihre Absicht
war eine andere als Wollust auf den Vater. Sie sagten: Gott hat den Menschen
keine andere Aufgabe auferlegt als die, sich zu vermehren. Aber siehe, die Welt
ist wie in der Zeit der Sintflut zerstört. Wie soll sie weiter bestehen? Die
Antwort muß sein, daß der Heilige, gesegnet sei er, uns nur deshalb errettet
hat, um den Fortbestand durch uns zu sichern. Sie wußten nicht, daß nur Sodom
vernichtet war. Alles, was sie wußten war das, was ihnen die Engel erklärt
hatten: 'Wir werden diesen Ort vernichten'. (Gen. 19:13) Der Heilige, gesegnet
sei er, sagte: Ich werde von keinem Geschöpf den Verdienst zurückhalten. Sogar
wenn Lots Töchter die Sache nicht gründlich bedacht haben, so weiß ich, was im
Herzen der Menschen wohnt': 'Ich, der Herr, suche die Herzen. Ich zügele sie'.
(Jer. 17:10)" (Pesikta Rabbit 42).
Diese zwei Erzählungen über Trickserinnen bieten den Hintergrund
für die mütterliche moabitische Abstammungslinie des Ischai. Sie sind mit der
Legende von der Magd durch das sich wiederholende Motiv von Frauen verbunden,
die ihre Ehemänner oder in diesem Fall den Vater - überlisten, ihn berauscht
machen oder verführen. Würden Männer ihrem eigenen Plan folgen, dann würde keine
Erlösung stattfinden. Das Motiv ist bereits in den biblischen Erzählungen
angelegt, der Midrasch greift es auf und vertieft es. Wir können noch eine
weitere biblische Geschichte und Vertiefung des Motivs im Midrasch unserer Liste
von Trickserinnen, die zur Geburt Davids beigetragen haben, hinzufügen: die
Geschichte von Tamar und Juda. Tamar ist eine Vorfahrin von David. Das Buch Ruth
listet zehn Generationen der Abstammungslinie auf, die von Tamars Sohn Perez zu
David leitet. Es erwähnt in einem Einschub ausdrücklich die Geschichte der
Tamar. Die Älteren geben dem Boas ihren Segen: ... möge dein Haus sein wie
das Haus von Perez, den Tamar für Juda gebar, vom Samen, den Gott dir von
dieser jungen Frau geben wird. (Ruth 4:11-12).
Kommentatoren aller religiösen und ideologischen Richtungen
sowie der rabbinische Midrasch weisen darauf hin, daß es sich bei dieser
Anspielung im Segen nicht nur um eine genealogische Fußnote handelt, sondern um
eine Anspielung auf die gesamte Geschichte und Beziehung zwischen Juda und
Tamar. Nachdem seine zwei ersten Söhne während ihrer Ehe mit Tamar gestorben
sind, weigert sich Juda, ihr seinen jüngsten Sohn zu überlassen. Tamar greift zu
einem Trick. Sie kleidet sich wie eine Hure und verführt Juda durch etwas, was
sich als ein sorgsam ausgeklügelter Plan liest. Der Midrasch-Kommentar
unterstreicht Judas Blindheit und beinahe Versagen, den göttlichen Plan
auszuführen: Und Juda sah sie... (Gen. 38:15) Er schenkte ihr keine
Aufmerksamkeit, als er sah, daß sie ihr Gesicht verdeckt hatte. Er sagte: Wenn
sie eine Hure ist, würde sie ihr Gesicht verdecken? Das klingt befremdlich! Dazu
sagt Rabbi Jochanan: Er (Juda) wollte vorbeigehen, aber der Heilige, gesegnet
sei er, machte, daß der Engel, der für das Begehren zuständig ist, vor ihm
erschien. Der sagte: Wohin gehst du, Juda? Von woher sollen die Könige
hervorgehen, und von woher die Erlöser? (Folglich) 'wandte er sich ihr zu',
gegen sich und seine eigenen Wunsch." (Bereschit Rabba 85:18)
Frauen und Erlösung
Die Kette der Trickserinnen nimmt auf der mütterlichen Seite
Davids ihren Anfang bei Lots Töchtern, verläuft weiter mit Ruth und Naomi und
erreicht ihren Höhepunkt bei Ischais Frau und Magd. Sie findet ihren Widerhall
in der Geschichte von Juda und Tamar auf Davids väterlicher Seite. In der Bibel
sind die Erzählungen nur indirekt und retrospektiv miteinander verbunden, durch
Abstammungsreihen wie jene, mit der das Buch Ruth endet. Die Kommentare des
Midrasch verweben sie mit dem Faden einer messianischen Linie.
Unsere Legende von der Magd erhellt das Motiv der Trickserin,
die Mühen der List, die Frauen aufbringen müssen, um dem messianischen Samen
eine Zukunft zu ermöglichen. Frauen scheinen dabei eher als Männer die Fähigkeit
zu haben, das Gesamtbild zu erkennen. Lots Töchter sorgen sich um die
Fortführung der Menschheit auf der ganzen Welt. Tamar hat Einblick in Gottes
Pläne und verhält sich dementsprechend. Naomi und Ruth arbeiten zusammen, um die
Generationenkette, die zu David führt, zu sichern. Und schließlich verbünden
sich Ischais Frau und die Magd, um die Integrität von Ehefrau und Ehemann zu
erhalten und damit die Geburt Davids zu ermöglichen.
Wie sollten wir als Feministinnen diese Handlungsstruktur im
Midrasch interpretieren? In bezug auf die Zukunft scheinen unsere Frauen - aus
der Perspektive des Midrasch-Erzählers - weit mehr mit den Plänen Gottes für
Israel übereinzustimmen, als ihre sexuellen Partner, die in der Gegenwart
festgefahren sind. Die Männer lehnen Sex nicht grundsätzlich ab: Ischai hatte,
bevor er sich zurückzog, sechzig Söhne gezeugt, Lot hatte seine Töchter, Amram
und seine Frau hatten bereits Miriam zur Welt gebracht. Eher sind die Ehemänner
abgeneigt, den Sohn (oder den Vertreter der nächsten Generation) zu zeugen, der
sie ablösen und meist, wie bei Ischai und David, Amram und Moses, bedeutender
sein wird als sie selbst.
Zugleich legen die Midrasch-Erzählungen den Fokus auf die
männliche Selbstbindung oder gar Selbstversklavung an den Status Quo der
Gegenwart. Dem gegenübergestellt ist die Selbstverpflichtung der Frauen
gegenüber der Zukunft und deren mögliche Veränderung oder gar Erlösung.
Zum Schluß weise ich darauf hin, daß die rabbinische Lebensart
mit einer kulturellen Spannung kämpft, aus der der Faden dieser
Midrasch-Erzählungen gesponnen wird. Dieser ist ein doppelter. Die rabbinische
Lebensart brachte zum einen eine Kultur des Lernens hervor, welche die Frauen
fast gänzlich ausschloß. Zugleich und im Gegensatz beispielsweise zum frühen
Christentum hält sie zum anderen jedoch an der physischen Fortpflanzung als
oberstes Imperativ fest. Die Spannung in diesem Nebeneinander besteht darin, daß
die ideale Welt der Rabbiner die Welt des Bet Midrasch eine Welt ohne Frauen
ist. Die wirkliche Welt der Haushalte hingegen, die den Bet Midrasch durch die
physische Fortpflanzung durchdringt, ist eine, in der Frauen als Mütter eine
lebenswichtige Rolle spielen. Die in dieser Sphäre herrschende reproduktive
Kraft der Frauen gerät in Widerstreit mit der Phantasie von einer idealen Welt
ohne Frauen. Aus dieser Spannung heraus entstand das erzählerische Motiv von
Frauen, die ihre reproduktive Macht nur durch Tricks, Verstellung und Verführung
durchsetzen können.
Auszug aus einem Aufsatz. Der vollständige Text ist in der
englischen Version der Journaltexte auf dieser Homepage nachzulesen.
Charlotte Elisheva Fonrobert, geboren in Düsseldorf,
promovierte 1995 an der Universität Berkeley in Talmud und rabbinischer
Literatur mit einer Arbeit zu den Nidda-Gesetzen. 1996-2000 lehrte sie an der
University of Judaism in Los Angeles, wo sie u. a. konservative Rabbiner/Innen
ausbildete. Seit Herbst 2000 lehrt sie am Department of Religious Studies an der
Stanford Universitaet in Kalifornien. Ihr Buch "Menstrual Purity: Rabbinic and
Christian Reconstructions of Biblical Gender" (Stanford University Press, 2000)
wurde mit dem Salo Wittmayer Baron Preis für das beste Erstbuch im Fachgebiet
Jüdische Studien im das Jahr 2000 ausgezeichnet.
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