Lynn Feinberg
Alleinerziehende Mutter in einer orthodoxen Gemeinde
[English]
Die traditionelle jüdische Familie, bestehend aus Vater, Mutter
und Kindern, ist tief im jüdischen Selbstbild verankert. In dieser Vorstellung
spielt der Vater eine bedeutende Rolle. In der Tat habe ich als alleinerziehende
Mutter mein Familienleben oft als amputiert erfahren. Eine jüdische
alleinerziehende Mutter muß viele Rollen übernehmen, die traditionellerweise dem
Vater zugeschrieben sind, wie Kiddusch und Hamozi sagen [Segen
über Wein und Brot]. Im Prinzip provozierte ich in zweierlei Hinsicht: durch
meine Entscheidung, zum einen anders als die Mehrheitskultur zu leben, und zum
anderen Rollen auszufüllen, die in der jüdischen Tradition noch nicht ausgeformt
sind. Manchmal fühlte ich mich dabei sehr einsam.
Der Besuch unserer Synagoge in Oslo mit meinen Kindern erwies
sich als die größte Herausforderung. Als Frau mußte ich oben auf der Galerie
sitzen, wo man nur von den vorderen Reihen aus sehen kann, was während des
Gottesdienstes vor sich geht. Meine Söhne wollten bei den anderen Kindern sein,
die mit ihren Vätern unten saßen. Bis zu ihrem 9. und 10. Lebensjahr war mein
Vater, ihr Großvater, noch am Leben und bei den Gottesdiensten immer in der
Synagoge. Er erfüllte ersatzweise die Rolle des Vaters. Die Schabbatfeiern mit
ihm und seiner zweiten Frau nahmen mir das Gefühl, für keine "richtigen"
Familienzusammenkünfte sorgen zu können. Doch in der Synagoge war mein Vater
während der Gottesdienste oft mit praktischen Dingen beschäftigt, so daß er
nicht immer Zeit hatte, meinen Söhnen das fehlende Elternteil zu ersetzen. Mich
frustrierte, daß ich von meinen Söhnen getrennt sitzen mußte, was meinen Einfluß
hinsichtlich ihres Verständnisses der Gottesdienste stark einschränkte.
Dies machte mich für die Judentum innewohnenden
Geschlechterfragen bewußt und spornte mein Interesse an, etwas zu unternehmen.
Irgendwann schloß ich mich unserem Synagogen-Kinderchor an (ich war eine von
zwei erwachsenen Frauen, einigen Männern, der Rest waren Kinder), damit meine
Kinder aktiver an den Gottesdiensten teilnehmen würden. Doch die Frauen und
Mädchen müssen oben auf der Galerie singen, nur die Jungen stehen unten auf der
Bima [Synagogenpodium].
Obgleich es in der norwegischen Gesellschaft ziemlich üblich
ist, daß Kinder mit nur einem Elternteil aufwachsen, war das in unserer
jüdischen Gemeinde vor 16 Jahren nicht der Fall. Damals war ich die erste
alleinerziehende Mutter, später gab es einige mehr, doch die normative Familie
bestimmt weiterhin das Bild, selbst wenn beide Elternteile nicht zwingend
jüdisch sind. Unter diesen Bedingungen empfand ich als Alleinerziehende meine
Verletzbarkeit in der Gemeinde besonders stark. Die heutigen Väter spielen eine
wichtige Rolle im Leben der Kinder. Als alleinstehende Mutter fiel ich bei
bestimmten Gelegenheiten auf. Zum Beispiel dann, wenn ich meine Kinder zu den
jüdischen Wochenend-Camps fuhr oder sie zum wöchentlichen Cheder-Unterricht
[Religionsunterricht] brachte, was meist meist die Väter tun. Alleinerziehend zu
sein bedeutete, beide Rollen, sowohl der Mutter als auch des Vaters,
auszufüllen, was oft eine schwere Belastung war.
Meine Söhne haben beide jüdische Namen, aber keinen jüdischen
Vater, das heißt, sie werden als Söhne mit meinem jüdischen Namen zur Tora
aufgerufen, was ihren und meinen Status unterstreicht. Als sich meine Söhne auf
die Bar-Mitzwa vorbereiteten, war ich ihre Tutorin - traditionell eine typische
Aufgabe des Vaters - und wie die meisten Mütter war ich dafür zuständig, das
Fest zu organisieren, Gäste einzuladen, das Essen vorzubereiten usw. Meinen
Söhnen bei der Vorbereitung ihrer Bar Mitzwa zu helfen, machte mir Spaß. Indem
ich zusammen mit ihnen lernte, eignete ich mir das Lejnen
[traditioneller Toragesang] an. Doch bei der eigentlichen Bar Mizwa hatte
ich meinen Platz oben auf der Galerie, und sie waren unten.
In unserer Gemeinde ist es üblich, daß die Familie des
Bar-Mizwa-Knaben nach dem Schabbat-Morgengottesdienst einen Kiddusch mit
Kaffee und Kuchen im Gemeindezentrum ausrichtet. Meine Rosch-Chodesch-Gruppe
hatte dies freiwillig für mich übernommen. Ohne deren Hilfe hätte ich noch eine
zusätzliche Last auf meinen Schultern getragen. Dies zeigt aber, daß ich als
alleinerziehende Mutter dennoch von der Gemeinde akzeptiert werde. Mein Status
hat mein Bewußtsein für Geschlechterfragen geschärft. Letztlich fand ich einen
Weg, mich in meiner Tradition wohl zu fühlen. Dabei war es für mich wichtig,
mich sowohl mit der "männlichen" Seite als auch mit der Rolle der Frauen im
Judentum auseinanderzusetzen. Ich habe versucht, dieses Wissen mit anderen
jüdischen Frauen in den zwei Rosch-Chodesch-Gruppen zu teilen, die ich mit
gegründet habe. Paradoxerweise werde ich heute in unserer Gemeinde auch für
diese Leistung geachtet.
Ich habe Probleme damit, wie die Tradition interpretiert und den
Kindern und Erwachsenen in einem orthodoxen Rahmen vermittelt wird. Ich verwahre
mich dagegen, daß das Judentum seine Gelehrten von früher als unanfechtbare
Autoritäten darstellt, als hätten sie alles zu sagen, und zugleich behauptet,
daß unsere heutigen Auffassungen wertlos seien. Da die sogenannten Weisen alle
Männer waren, die unter ganz anderen sozio-ökonomischen Bedingungen lebten, habe
ich Grund genug, ihre absolute Gültigkeit in Frage zu stellen. Aus meiner Sicht
enterben wir uns selbst mit jener Art und Weise, die Vergangenheit zu ehren. So
habe ich als alleinerziehende jüdische Mutter die Tradition nicht nur anders
sehen gelernt. Ich wurde auch herausgefordert, mich mit der Tradition
tiefergehend auseinanderzusetzen. Noch habe ich mehr Fragen als Antworten.
Lynn Feinberg, wurde in
Oslo geboren, wo sie heute lebt. Sie ist eine alleinstehende Mutter, Aktivistin
innerhalb der orthodoxen Jüdischen Gemeinde, in der schon ihr Vater eine
führende Rolle spielte. Sie ist Feministin, Gründerin von zwei Rosch Chodesch
Gruppen und setzt sich für experimentelle Wege in der Religion und mehr
spirituelle Inklusivität ein. Derzeit hat ihre Magisterarbeit in Geschichte der
Religionen über Gender in Beziehung zum Gebet und zur rituellen Reinheit
geschrieben.
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