Rachel Monika Herweg und Rea Gordon
Das Comingout des INTER
[English]
Interreligiosität,
Homosexualität und Transgender als Herausforderung an uns und unsere Gemeinden
Eine jüdische Familie besteht traditionell aus einer jüdischen
Frau, einem jüdischen Mann und jüdischen Kindern. Wie aber gestaltet sich
Familie, wenn eine PartnerIn nicht-jüdisch oder gleichgeschlechtlich ist oder
gar eine Geschlechtsumwandlung vollzieht?
Was geschieht hier mit Judentum, mit Familienverständnis, mit
der Kindererziehung? Wie gestalten sich interkulturelle, interreligiöse oder
gender-Partnerschaften?
Eine kleine Gruppe von Frauen traf zusammen, um sich hierüber
auszutauschen. Ein anfängliches und fruchtbares Gespräch. Denn was eignet sich
besser dafür, einen Mythos seiner zeitgebundenen Konstruktion zu überführen als
die bereits gelebte Realität? Zu dieser Erfahrung gehört auch wie eine
heterosexuell lebende TN zum Ausdruck brachte: dass der Mythos Familie so
unereichbar sei.
Bereits die Annäherung an unser gemeinsames Thema über die
Fragesstellung Was ist für uns Familie? machte sichtbar, dass unsere heutige
Wirklichkeit eine Vielfalt von Lebens- und Familienformen ermöglicht hat, die
auch in jüdischen Familien neue Perspektiven und Problemfelder eröffnen:
Entwicklungen, die einerseits als Reichtum begriffen, andererseits aber auch als
Aufgabe und Konflikte formuliert wurden. Anwesend waren jüdische Frauen, die in
nicht-jüdischen (christlichen oder muslimischen) Partnerschaften leben,
christliche Frauen mit jüdischen PartnerInnen, heterosexuell, homosexuell oder
als transgender lebende Frauen. Alle gewählten oder gewachsenen Identitäten der
Anwesenden rieben sich entweder an der Unerreichbarkeit des Mythos Familie oder
aber an seiner heterosexuellen und auch rituellen Grundlage. Vor allem für
lesbisch lebende Frauen ergab sich ein Spannungsfeld zwischen der sog.
biologischen Familie und der Freundeskreisfamilie. Diesen Begriff prägte eine
TN, die für sich eine Gleichwertigkeit herstellte zwischen diesen beiden
Familienformen, von denen die eine biologisch als zweigeschlechtlich begründet
ist und in Generationslinien verläuft, während sich eine Familie aus Freunden
erst langsam entwickeln und sich eigene Normen und Werte verleihen muss.
Gerade homosexuelle und lesbische familiäre Beziehungsformen
scheinen durch ihre Möglichkeiten der traditionsungebundenen Lebensgestaltung
klassische Familienbilder zu relativieren und die traditionelle Familie
endgültig in den Bereich des Mythos zu verweisen. Sichtbar wird hierdurch eine
Vielfalt von Familienformen, die jedoch Konflikte provozieren zwischen den
Bewegungen der Tradition und der Entwicklung auch neuer gemeinsamer und
religionsübergreifender Rituale.
Eine Erweiterung des Familienverständnisses, das sich über die
klassische und heterosexuelle Definition hinwegsetzt, formulierte eine TN so:
Familie egal ob hetero- oder homosexuell liegt dann vor, wenn Erwachsene,
unabhängig vom Geschlecht, Kinder haben oder mit Kindern zusammenleben. Diese
Sichtweise brachte sowohl die Einbindung und Wertschätzung eines traditionellen
biologischen Familienbezugs zum Ausdruck als auch die Absonderung hiervon.
Unabhängig von der Form der Familie herrschte Einigkeit darin, dass Familie ein
Ort des Vertrauens, der Sicherheit, der Verständigung und vor allem der
Kompromisssuche ist. Ein Ringen um Kompromisse wird vor allem auf der Ebene der
Teilnahme an den jeweiligen unterschiedlichen Ritualen nötig wie auch in der
religiösen Erziehung der gemeinsamen Kinder.
Gerade die Existenz von Kindern scheint bei den Eltern die Frage
nach ihrem Jüdischsein, nach jüdischen Ritualen und gemeinsamem oder auch
getrenntem Umgang erneut und verschärft zu stellen. So ist es durchaus möglich,
dass vor der Geburt eines Kindes theoretische Einigkeit darüber hergestellt
wurde, dass das einmal kommende Kind jüdisch erzogen wird, während sich nach der
Geburt auch der nicht-jüdische Partner auf seine eigene Religion zu besinnen
beginnt. Bei der Erziehung der Kinder scheint sich die Ebene des Kompromisses
als schwierig zu erweisen. Kinder werden in einer oder keiner Religion erzogen.
Eine TN brachte diese auch Generationsproblematik mit folgenden Worten auf den
Nenner: Am Kinde beweist es sich. An Kindern wird die Loyalität der
Erwachsenen gegenüber der eigenen Familie und Gemeinde, dem eigenen Volk und
Gott bewiesen. Eine Loyalität, der vor der Geburt durchaus nicht dieses Gewicht
beigemessen wird.
Die Kompromisse, die in interreligiösen Partnerschaften
entwickelt, erarbeitet, errungen, erkämpft werden, sind vielfältig und gestalten
sich entlang an Ritualen. Hier reicht die Spannweite von Verhalten von
Abgrenzung gegen das neue Ritual des/der Anderen bis hin zur Aneignung desselben
auch zum besseren gegenseitigen Verständnis der PartnerIn. Hier werden
emotionale Gefühlslagen der Wärme und Geborgenheit wie auch des Fremden und der
Vermischung erzeugt, getragen von gemeinsamen Bibelstudien, gemeinsamen
Synagogen- und manchmal auch Kirchenbesuchen wie auch gemeinsamen Hausritualen.
Doch auch das Mitmachen des/r Einen bis hin zur Überforderung ist manchmal
bedrohlich und erzeugt Partnerschaftsprobleme. Wichtig erscheint hier die
jeweilige Toleranz der Inszenierung unterschiedlicher, auch neu kreierter
religiöser Rituale. So werden etwa im gemeinsamen Gebet jene Texte ausgesucht,
die keine/n der beiden PartnerInnen in ihrem religiösen Empfinden verletzen.
Dies fordert gleichzeitig heraus zur Reflexion antisemitischer und auch
rassistischer Gebetsinhalte.
Der Effekt eines gelungenen gemeinsamen jüdisch-christliches
Rituals wurde von einer TN so beschrieben: Wir haben das so gemacht, wie wir es
für uns beide für richtig hielten. Wir haben keinen Rabbi nach seinem Urteil
gefragt. Diese Position benötigt jedoch Mut, traditionellen Gegebenheiten den
notwendigen Freiraum der persönlichen Partnerschaftsentwicklung zu gewähren.
Bis vor kurzem noch schien es nicht möglich zu sein, das
Geschlecht zu wechseln. Seit der Zweiten Frauen- und Emanzipationsbewegung
gehört es zwischenzeitlich zur Normalität, dass aus einem heterosexuellen
Menschen ein homosexueller werden kann. Die zunehmende Freiheit unserer je
eigenen Lebensweltgestaltung machte hier jedoch nicht halt. Auch wenn ein
Geschlechterwechsel immer noch von vielen Tabus umgeben ist, so ist er doch
möglich geworden und im Rahmen unserer Gesellschaft sogar gesetzlich
legitimiert. Im religiösen Bereich, in dem die Zweigeschlechtlichkeit in allen
monotheistischen Religionen als gottgegeben betrachtet und direkt aus den
Schöpfungsbericht(en) abgeleitet wird, erscheint dieser Akt geradezu als
Blasphemie, als Einmischung in eine gottgewollte Ordnung, die dem Menschen zu
ändern nicht zustehe. Somit erweist sich diese Öffnung von
Veränderungsmöglichkeiten als eine der größten Herausforderungen kultureller,
religiöser und auch säkularisierter Werte und Normen. Eklatant und real wird
diese Herausforderung gerade für das Familienverständnis und -leben, wenn eine
Tochter, ein Sohn oder gar der/die verehelichte PartnerIn das Geschlecht
wechselt. Hier wird die heterosexuelle Partnerin mit der Situation konfrontiert,
anstelle eines Ehemannes nun plötzlich eine Ehefrau an der Seite zu haben. Oder
der homosexuelle Partner, die lesbische Partnerin, wird zur heterosexuellen
Person. Beide sprengen die jeweiligen Normen. Kinder, soweit vorhanden, haben
nun plötzlich nicht mehr Vater und Mutter, sondern zwei Mütter oder zwei Väter.
Jedoch wird die Person mit ihrem gewachsenen Charakter und individuellen
Besonderheiten nicht zu einem neuen und ganz anderen Menschen. Was sich hier
ändert, sind zugewiesene soziale und Geschlechterrollen. Sie fordern
existenziell dazu heraus, das biologische Geschlecht als veränderbar zu
realisieren. Wer mag hier angesichts der bereits in der Tora postulierten
Freiheit des Menschen entscheiden, was gottgewollt ist oder nicht?
So bezeichnete eine TN ihr jüdisches comingout nach vielen
Ehejahren für die Partnerin schon als große Herausforderung, das comingout als
Transgenderfrau jedoch als die größte, aber doch notwendige Zumutung.
Wir wissen heute aus der Rechtsgeschichte, etwa aus der
Entwicklung des Familienrechts, dass sich Gesetze immer nachgängig zur gelebten
Wirklichkeit verändern. Dieser Prozess gilt auch für Religionen, ihre
Institutionen und Traditionen, die sich veränderten Bedürfnissen anpassen
(müssen). Sonst verlieren sie auf Dauer ihre Mitglieder oder erleben ihre
gläubigen Mitglieder im leidvollen Zustand der Inauthentizität, des Scheins, der
Zwiespältigkeit und Verheimlichung ihrer wirklichen Person; ein unfruchtbares
Klima auch für Gemeinden, egal welcher religiösen Ausrichtung.
Nicht nur in der feministischen Theorie gehört es mittlerweile
zum allgemeinen Bildungsgut, dass die Ausprägung der jeweiligen
Geschlechtlichkeit keine Naturkonstanten sind, sondern sich in einem
historisch-kulturellen Prozess als männliche und weibliche Stereotypen formen.
Geschlechtlichkeit wird immer wieder in Szene gesetzt durch soziales Handeln,
insbesondere auch durch religiöse Rituale bis hin zum medizinischen Ritual
frühkindlicher Geschlechtsbegradigung. Die Vielfalt der biologischen Natur
erscheint gerade nicht nur zweigeschlechtlich in stets eindeutiger weiblicher
und männlicher Ausprägung, sondern erzeugt Zwischentöne der Uneindeutigkeit, die
jedoch einem großen dualistischen Ordnungs-Machtmonopol geopfert und extremst
tabuisiert werden.
So erscheint die rituelle, auch rituelle Familienordnung wie
auch die heterosexuelle (und homosexuelle) duale Geschlechterordnung in ihrer
traditionellen und von Gott abgeleiteten Form als Ausdruck religiöser, sozialer
und auch säkularisierter Machtverhältnisse. Man könnte hier von einer
geschlechterbezogenen Dominanzkultur sprechen, die sich zwanghaft gerade auch
auf die Gestaltung von Männern als Männer und Frauen als Frauen mit all ihren
geschlechtsspezifischen und geschlechtsdiskriminierenden Rollen auswirkt.
Doch die Welt ist in ihrer Erscheinung komplizierter und
vielfältiger geworden. Gerade die Auflösung von Dualismen zugunsten des
Hervortretens von Zwischentönen ist ein Zeichen der Moderne, ein Signum unserer
Gegenwart. Sie fordert heraus zur Auseinandersetzung und Veränderung
festgefahrener und entwicklungsbehindernder Traditionen. Sie fordert auch heraus
zur Rückbesinnung auf dieselben Traditionen, um genau jenen Bestandteilen von
Tradition ihre Geltung zu verleihen, die eine offene Entwicklung für Menschen
ermöglichen. Veränderungen, die nicht mehr Mythen ohne Menschen dienlich sind,
sondern bereits gestaltete Wirklichkeiten von Menschen, egal welcher Religion
und welchen Geschlechts, gerecht werden. Sie fordert auch auf zu Prozessen der
gegenseitigen Verständigung, zu Akzeptanz, Lernen und Verstehen und auch zur
möglichen und erwünschten Integration von Menschen, die andere Lebensentwürfe
wählen als die eigenen, in religiöse Netzwerke und Glaubensgemeinschaften.
Vorauseilend zur nächsten Bet-Debora-Konferenz, die sich dem
Thema der Macht zuwenden wird, wollen wir daher das Thema Macht und Geschlecht
ausgestalten. Die Macht der Kategorie Geschlecht (gender) im sozialen und
religiösen Kontext. All diejenigen, die sich hierzu äußern und sich am
Zustandekommen einer Anthologie beteiligen wollen, sind dazu eingeladen.
Email:
rachelherweg@gmx.net /
rea.gorgon@gmx.de
LinkTipp:
agudah.israel-live.de
Aufruf an unsere Leserinnen
Jüdische Frauengruppen, Rosch-Chodesch-, Schiur-, Bet- und Lerngruppen, Egalitäre Minjanim
Für ein Bet Debora Themenheft sammeln wir Beiträge aus jüdischen Frauengruppen und zusammenhängen über
"Neue Liturgien und Rituale"
-
Wer seid ihr?
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Wie oft trefft ihr euch?
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Was ist euer Anliegen?
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Was tut ihr konkret?
Euer Beitrag soll anschaulich sein und die Beschreibung eines
von euch kreierten Rituals oder neuen Gebetstextes enthalten. Illustrierende
Fotos wären prima!
Einsendungen und Rückfragen an:
rachelherweg@gmx.net
Rea Gorgon ist Pädagogin, Philosophin und
Gesundheitsmanagerin. Sie arbeitet als Dozentin im Bildungsbereich und forscht
zu den Themen Geschlecht und Vertrauen.
Dr. Rachel Monika Herweg ist Mitbegründerin von Bet Debora,
Judaistin, Pädagogin und Familientherapeutin. Zur Zeit arbeitet sie im
EU-Forschungsprojekt Work Changes Gender.
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