Bente Groth und Lynn Feinberg
Familienleben im frühen Israel
[English]
Die Archäologie hat nachgewiesen, daß sich die Zahl der
Siedlungen in den Hochlandgebieten Kanaans zwischen 1200 und 1000 v.d.Z. fast
verhundertfachte. Dieser Zeitraum scheint mit der biblischen Epoche der Richter
zusammenzufallen. Es gibt jedoch keine archäologischen Belege dafür, daß die
neuen Bewohner fremde Einwanderer gewesen seien. Architektur und
Kunstgegenstände sind eindeutig kanaanäischen Stils. Sehr viel körperliche
Arbeit war erforderlich, um das Land nutzbar zu machen, Terrassen zu bauen und
Zisternen zu graben, die das Überleben gewährleisteten. Forschungen zeigen, daß
es Hungersnöte, Seuchen und Kriege gab, Beweise hierfür finden sich auch in den
frühen Geschichten der Hebräischen Bibel.
Ein Blick auf die mögliche Familienstruktur läßt uns die
grundlegenden Vorstellungen von häuslichem Leben in der Hebräischen Bibel
leichter verstehen. Die Menschen, besonders die Frauen, hatten nur eine niedrige
Lebenserwartung. Der Nachdruck lag auf großen Familien, zumal Kinderarbeit als
eine Notwendigkeit galt. Daß die Hebräische Bibel der Fruchtbarkeit und
Fortpflanzung der Bevölkerung eine besondere Wichtigkeit bemißt und eine
Ideologie begünstigt, die der Unfruchtbarkeit entgegenwirkt, scheint nur allzu
verständlich. Die Gesetze, die sich in der Hebräischen Bibel auf das sexuelle
Verhalten beziehen, sollten möglicherweise die Fortpflanzung sicherstellen.
Der Ort der Macht war die häusliche Sphäre. Die Menschen lebten
in großen Haushaltseinheiten, in zusammengesetzten Familien, die offenbar
autonom waren. Solche zusammengesetzten Familien unterstreichen die harten
Lebensumstände, denn diese Lebensweise erhöhte die Chance zu überleben. Da
Männer regelmäßig in den Krieg zogen, mußten Frauen vermutlich viel Landarbeit
selbst leisten, neben ihren Aufgaben im Haushalt und die Sorge um Wasser und
Nahrung. Die in den Zehn Geboten enthaltene Forderung, beide, Mutter und Vater
zu ehren, spiegelt wahrscheinlich jene Gesellschaftsform wider, in der die Macht
der Frauen ebenso wichtig war, wie die der Männer.
Die Geschichten von Miriam, Debora oder den Frauen von Tekoa,
die als militärische und religiöse Führerinnen auftraten, zeigen, daß Frauen
hoch angesehen waren und einige von ihnen tatsächlich Führungsmacht erlangen
konnten. Aber welche Art von religiösem Glauben hatten Frauen? Die Bibel
vermittelt kein klares Bild von der religiösen Praxis von Frauen.
Wenn, wie anzunehmen, die antiken Israeliten keine homogene
Gruppe bildeten, die mit einer sehr eigenen, deutlich anderen Wüstenreligion
nach Kanaan gelangt waren, wäre der Glaube an den einen Gott, JHWH, längst nicht
so vorherrschend gewesen, wie die Hebräische Bibel uns Glauben machen will. Die
Einführung des einzigen und einzig wahren Gottes JHWH kann keine leichte Sache
gewesen sein, wie die vielen Geschichten zeigen, die Menschen dafür verurteilen,
daß sie sogenannten fremden Dienst betrieben. Wissenschaftler hinterfragen
mittlerweile, ob solche Berichte ein reales Bild abgeben. Die Vorstellungen der
Ägypter und Kanaanäer, u.a. die Anbetung von Göttinnen, könnten auch Teil des
Lebens der meisten Israeliten gewesen sein und die Entwicklung hin zu dem
einzigen und einzig transzendenten Gott das Ergebnis eines langen und mühsamen
Prozesses.
Archäologen haben in israelitischen Siedlungen eine große Anzahl
fremder Symbole und Kunstgegenstände gefunden. Sie entdeckten an Schauplätzen
aus der Zeit der Könige viele Siegel in Form des ägyptischen Skarabäus, die
hebräische Namen, verbunden mit ägyptisierten Symbolen, wiedergaben, besonders
solche, die mit weiblicher Macht zu tun haben. Einige Siegel gehörten offenbar
Hofbeamten in Jerusalem.
Vor der kultischen Reform Josias im Jahr 622 v.d.Z. gab es im
ganzen Land Heiligtümer, die der Verehrung von JHWH gewidmet waren. Ausgrabungen
brachten jedoch in den letzten vierzig Jahren auch Kultstätten ans Licht, in
denen unterschiedliche Praktiken ausgeübt wurden. Von besonderem Interesse ist
dabei der sogenannte Ort E 207 in Samaria, wo 27 weibliche Figurinen entdeckt
wurden, darunter die Figur der Isis mit dem Horus-Kind. In einer Jerusalemer
Höhle, nur 300 Meter vom Tempelberg entfernt, wurden 16 weibliche Figuren
gefunden, die vermutlich 800 Jahre v.d.Z. entstanden. Einige Gräber zeigen auch,
daß die Judäer einen ausgeprägten Beerdigungskult praktizierten, der aber nicht
in der offiziellen Religion verankert ist. Die Toten wurden mit
Haushaltsgegenständen und Arbeitsgeräten beerdigt. Die Schädel der Toten wurden
oft auf eine Art Kissen gelegt, das an die Flügel der Hathor oder an das
Omega-Zeichen, das für die Wiedergeburt steht, erinnert.
In Kuntillet Arjud im nördlichen Sinai, einer israelitischen
Siedlung um 800 v.d.Z., entdeckte der Archäologe Zeev Meshel 1968 zwei große
Terrakotta-Vasen, versehen mit Inschriften, die Segenssprüche im Namen von JHWH
und seiner Aschera enthalten, umgeben von typisch westsemitischen
ikonographischen Symbolen. Dasselbe Bekenntnis wurde später an den Wänden eines
Grabes in Khirbet El Qom in Judäa gefunden. Viele Gelehrte glauben heute, daß
JHWH über einen langen Zeitraum mit der Göttin Aschera verbunden war in der
einen oder anderen Weise.
Aschera wird vierzig Mal in der Hebräischen Bibel erwähnt.
Einige meinen, das Wort verweise nicht auf die Muttergöttin der Kanaanäer,
sondern auf ein kultisches Symbol des JHWH in Gestalt eines Kissens oder eines
heiligen Ortes. Andere glauben, daß zu JHWH Vorstellungen von weiblicher
Partnerschaft gehört haben, aber daß diese Partnerschaft keine unabhängige
Göttin, sondern eine Art Ergießung des Lichtes von Gott selbst gewesen sei.
Kleine Tonfigurinen, als kleine weiblicher Figuren mit
friedfertigen Ausdruck, mandelförmigen Augen, großen Brüsten und einem Unterleib
in Form eines Kissens, wurden überall in Judäa gefunden. Ausgrabungen in der
Stadt Davids ließen erkennen, daß ein prozentual großer Teil der Familien Judäas
eine solche Figur besessen hatte. Viele Wissenschaftler verbinden diese
Kissenfiguren mit der Göttin Aschera.
Vielleicht ist die Überlegung nicht zu weit gegriffen, daß
Frauen in einem Gott wenig Trost finden konnten, der ihnen der Bibel zufolge nur
die schmerzhafte Geburt ihrer Kinder versprach, anstelle von Unterstützung und
Hilfe wie es die antiken Göttinnen des Gebärens taten. Wäre es überraschend,
wenn sich Frauen weiterhin an Fruchtbarkeits- oder Muttergöttinnen während der
Schwangerschaft, Geburt und Krankheit wendeten, auch wenn der einzige und
alleinige männliche Gott im Tempel eine solche Praxis verboten hatte? Ist es
Zufall, daß es meist Frauen waren, die der sogenannten heidnisch-religiösen
Handlungen bezichtigt wurden, solche wie das Weben von Tempel-Kunstgegenständen
für Aschera (2.Kön. 23:7), für das Backen von Kuchen für die Königin des Himmels
(Jer. 9:16-17) und das Weinen um Tammus (Ezek.8:14)? Die Autoren der Bibel
definierten das alles als fremde Kulthandlungen.
Neue Entdeckungen und neue Sichtweisen auf antike Texte und
Kunstgegenstände legen nahe, daß der endgültige Durchbruch der Auffassung von
einem gänzlich transzendenten, männlichen Schöpfer das Ergebnis der
traumatischen Erfahrung des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v.d.Z. gewesen
ist, obgleich die Idee lange zuvor von den Propheten befördert wurde.
Bente Groth ist Religionswissenschaftlerin an der Universität
Oslo mit dem Schwerpunkt Ursprünge der Religionen im Nahen Osten.
Lynn Feinberg studierte
Geschichte der Religionen.
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