Guy Hall
Interreligiöse Hochzeiten
[English]
Eines der Probleme, mit dem sich heute alle Religionen
auseinandersetzen müssen, ist, wie ererbte Traditionen in Einklang mit den
Bedürfnissen der Gemeinden gebracht werden können.
Die meisten
Glaubensrichtungen gehen davon aus, daß sie all das Wissen schützen müssen, das
durch göttliche Offenbarung, kulturelle Entwicklung und historische Erfahrung
gewonnen worden ist. Von den Menschen erwartet man, dem zu entsprechen oder ihr
Verhalten dahingehend zu ändern, daß sie sich in die ererbte Praxis einfügen,
obgleich die Tradition selbst niemals eine statische war, sondern sich immer
weiter entwickelt hat. Die Bemühungen, Tradition und Moderne in Einklang zu
bringen, haben im Judentum zwei Haltungen hervorgebracht. Zum einen gibt es die
orthodoxe Einstellung. Diese zielt darauf ab, die sich selbst regulierenden,
selbst erhaltenden und von selbst fortwährenden Gemeinschaften der Vergangenheit
nachzuahmen. Sie rühmt solche Juden, die sich dem anschließen und äußert sich
kaum über andere, die dies nicht tun. Doch wie schon das Musical Fiddler on the
Roof zeigte, waren die traditionellen Werte sogar im Stetl von nur begrenzter
Bedeutung, wenn etwa die Töchter darauf bestanden, sich ihre Ehemänner selbst
auszusuchen.
Zum anderen gibt es die liberale Haltung, die darin besteht,
Tradition und Brauchtum zu reformieren, wobei eine größere Flexibilität gezeigt
wird. Aber auch das hat seine Grenzen. Eine dritte Möglichkeit wäre es, die
soziologische Wirklichkeit in eine religiöse Herausforderung zu verwandeln. Das
Judentum hat in seinen kreativsten Zeiten immer versucht, die wichtigsten
Momente im Leben der Menschen zu heiligen. Judentum war immer dann am besten,
wenn es der Wirklichkeit am nächsten kam. Dies wurde erreicht, indem man den
neuen und tatsächlichen Situationen, in denen Menschen sich befanden, Heiligkeit
verlieh. Man brachte Verständnis auf, statt zu verdammen.
Doch einige Praktiken erscheinen aufgrund von Konvention und
Gewohnheit gegenwärtig als derart inakzeptabel, daß es schwierig geworden ist,
von Neuem über sie auch nur nachzudenken und zu überprüfen, ob sie immer noch
passen. Oft gehen die Einstellung, ein Tabu und die damit verbundenen Sanktionen
aufrechtzuerhalten, und die Gründe, die es ursprünglich einmal gerechtfertigt
hatten, weit auseinander. Die Weisen und Autoritäten der antiken Vergangenheit
helfen in der Gegenwart jedoch nicht immer weiter. Die Erkenntnisse heutiger,
außerhalb des Judentums stehender Wissenschaften, waren ihnen unbekannt. Einige
der Dilemmas, vor denen die gegenwärtige Gesellschaft steht, sind jenseits
dessen, was im rabbinischen Schrifttum in Betracht gezogen wurde. Nicht alles,
was aus der Vergangenheit ererbt ist, läßt sich heute anwenden. Es ist uns
erlaubt, unsere Intelligenz und unser Bewußtsein einzusetzen, wenn wir Moralität
und Ethik entwickeln. Rituale und Tradition haben nur dann Wert, wenn sie in
einem Kontext stattfinden, der das geistige und gemeinschaftliche Leben derer
einschließt, die sie betreffen.
Viele der Erklärungen, die heute von religiösen Führern geäußert
werden, wie inspirierend oder verdienstvoll sie auch sein mögen, haben nur wenig
Auswirkung. Vielmehr spiegeln sie den Graben zwischen religiösen Idealen und
menschlicher Realität wider. Dieses Mißverhältnis führt möglicherweise auf
beiden Seiten zu Unzufriedenheit und Enttäuschung. Rabbiner können sich nicht
einerseits über Leute beschweren, die ihre Synagogen nicht besuchen, wenn man
andererseits von ihnen nicht das Gefühl vermittelt bekommt, daß sie auf die
religiösen Bedürfnisse ihrer Gemeinden eingehen. Es überrascht kaum, daß
Menschen aufhören, Synagogen zu besuchen, wenn sie sich (ob zu Recht oder zu
Unrecht) abgewiesen und beleidigt fühlen, oder wenn es keinerlei
Hilfsbereitschaft gibt, die Wahl ihres Lebenspartners religiös zu feiern.
Die meisten Rabbiner fühlen sich durchaus in die Notlage
gemischt-religiöser Paare ein. Sie sind bewegt, doch bestenfalls bieten sie eine
Konversion an, oder aber sie schicken solche Paare fort. Für einen erheblichen
Teil der Gemeindemitglieder ist jedoch nicht allein die rabbinische
Interpretation der jüdischen Gesetze das Kriterium, mit welchem sie ihre
religiöse Identität ausdrücken. Sie beziehen sich vielmehr auf eine Mischung von
Erinnerung, Symbolen und Solidarität.
Der Haupteinwand gegen gemischt-religiöse Ehen ist, daß sie eine
Bedrohung für die Fortexistenz des jüdischen Volkes seien. Das Überleben ist für
die Nach-Holocaust-Generation eine besonders große Sorge. Doch die Angst, ob die
Eltern jüdische Enkel haben werden, ist wenig hilfreich. Sie bedeutet, Kinder zu
haben, sei bereits die Definition für eine erfolgreiche Ehe. Das mag in der
Vergangenheit gestimmt haben, doch heute zählt in erster Linie die Qualität der
Beziehung zwischen den Partnern. Großeltern geht es oft mehr darum, daß die
Enkelkinder egal welcher Religion gesund und glücklich sind und daß sie in
einer geschützten Umgebung aufwachsen können. Hier hat das Judentum sicherlich
eine Rolle zu spielen, aber es verfügt nicht über das Monopol.
Selten sieht man in jüdischen Medien Einzelheiten, Bilder oder
Ankündigungen von gemischt-religiösen Hochzeiten. Doch diese finden statt, sie
sind die Nachricht, aber es wird nicht darüber berichtet. Sogar innerhalb
rabbinischer Vereinigungen oder Gemeindeorganisationen ist es ein zu schwieriges
Thema, um offen und ehrlich darüber zu diskutieren. Es wird, zumindest nach
meiner Erfahrung, auch nicht ernsthaft als Teil der rabbinischen Ausbildung
behandelt. Bei einer Rate von 40 Prozent gemischt-religiösen Paaren in
Großbritannien, kann man sich jedoch fragen, wie viele interkonfessionellen
Paare noch nötig sind, bevor sich die Einstellung ändert. Wie lange kann
Theologie der Demographie widerstehen?
Viele Paare wünschen sich eine religiöse Zeremonie, bei der es
eine vertraute jüdische Präsenz gibt. Eine, bei der ein Rabbiner amtiert, die
aber Elemente enthält, in denen beide Familien ihre Herkunft wiedererkennen.
Dies kann eine Hochzeit, eine Lebenspartnerschaft-Zeremonie, ein Segen für ein
Kind, eine Beerdigung oder eine Einäscherung sein. Wenn der interreligiöse
Dialog ernst genommen werden soll, muß er größere Auswirkungen haben als
gelegentliche Treffen, Bildungskurse und akademische Texte. Er muß sich in
unserem Gebetbuch, Gemeindeleben und unserer Bereitschaft, gemeinsam mit anderen
zu amtieren, niederschlagen. Dies schließt auch den Willen ein, die
Glaubensrichtungen, Werte und Anliegen anderer Religionen oder jener, die keine
haben, wertzuschätzen, und nicht nur unsere eigenen. Es bedeutet, die Vielfalt
sexueller Entscheidungen anzuerkennen.
Es gibt viele Stimmen im zeitgenössischen Judentum. Unter ihnen
befinden sich das Bedürfnis nach und der Platz für einen Rabbiner in Europa, der
bereit ist, öffentlich gemischt-religiöse Vereinigungen zu feiern, ebenso wie
andere Zeremonien des Lebenszyklus. Solche Ereignisse stehen derzeit außerhalb
des jüdischen Gesetzes, aber das bedeutet nicht, daß sie keinen Wert, keine
Bedeutung oder keine Wichtigkeit haben. Die Mehrheit der Juden lebt nicht mehr
in einem Ghetto. Wenn Juden sich dafür entscheiden, in freien, aufgeklärten und
pluralistischen Gesellschaften zu leben, sind gemischt-religiöse Ehen eine der
natürlichen und normalen Konsequenzen. Man kann nicht das eine ohne das andere
haben.
Guy Hall ist unabhängiger Rabbiner und einer der wenigen, die
europaweit bei interreligiösen Trauungen amtieren.
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