Elisa Klapheck und Lara Dämmig
Horizonte
[English]
Nach der Haggada ist rühmenswert, wer seinen Kindern vom Auszug
aus Ägypten erzählt. Das jüngste Kind fragt, die Eltern antworten. Jüdische
Erfahrungen werden von Generation zu Generation weitergegeben - "Ledor Vador".
Wir sind beide Singles, ohne Kinder - und dies bislang aus
freier Wahl. Ist es nicht merkwürdig, daß ausgerechnet wir eine Tagung zum Thema
"jüdische Familie" veranstalten? Doch - auch wir gehören zur jüdischen Familie
und sind auch ohne Kinder Bindeglied zwischen den Generationen! Auch wir haben
einen Platz am Sedertisch. Auch wir haben Fragen und Antworten.
Das Pessachfest vereinigt nicht nur die Familie, seit jeher
feiert man zusammen mit Verwandten und Freunden, sogar Bedürftige werden
eingeladen. Im Ritual des Sederabends konstituiert sich Gemeinschaft über die
biologischen Bande hinaus. Auch die Institution des "Minjan" fordert
Verantwortung für die ganze Gemeinschaft.
Ist also Judentum tatsächlich so familienorientiert, wie der
Mythos besagt? Die Gemeinden werden jedenfalls nur dann eine Zukunft haben, wenn
sie der Realität der heutigen Gemeinschaft Rechnung tragen. Auch in der
Vergangenheit reagierten sie auf veränderte Familienverhältnisse, richteten z.B.
Kindergärten und Altersheime ein. Insofern ist die Entwicklung der Familie
keineswegs eine Privatangelegenheit.
An wen aber richten wir unsere Forderungen? Wer ist die
Gemeinde?
Wir sind die Gemeinde! Und dies verpflichtet uns, unsere
Anliegen einzubringen. Wir sollten uns von Vorstellungen eines Nischendaseins
als "Außenseiterinnen" ebenso verabschieden, wie von Bildern der Zuweisung, wie
wir als jüdische Frauen zu leben hätten. Lassen wir uns von den vorgegebenen
Strukturen nicht abschrecken!
Lassen wir auch von den Erfahrungen der Generation vor uns
lernen. Die Beiträge der Müttergeneration zeigen, daß diese uns sehr wohl etwas
zu sagen hat und dem jüdischen Leben im damaligen Kontext einen neuen Horizont
eröffnete. Ebenso müssen wir uns einbringen, damit kommende Generationen
sich daran reiben und ihre eigenen Standpunkte entwickeln können. Das heißt
auch, daß wir nicht ewig nur Töchter und Söhne bleiben, ewig "nur" die Zweite
Generation, d.h. die Nachkommen derjenigen, die in der Schoa gelitten hatten,
sondern auch eine "erste Generation danach" bilden.
Als diese Generation haben wir das Recht, etwas Neues
einzubringen, Frauenrollen, Familienmodelle, Machtverhältnisse in Frage zu
stellen. Sicherlich können wir dabei viel von den Erfahrungen der amerikanischen
Feministinnen lernen. Aber die unterschiedlichen historischen Bezüge in Europa
zwingen uns, unsere eigenen Erfahrungen für uns und miteinander zu machen.
Ledor Vador - al jisrael - ve'al rabbanot - ve'al
talmidotehon - ve'al kol talmidot talmidotehon - allen, die lernen und lehren,
hier und überall, gib ihnen die Fähigkeit, Menschen zuzuhören, viele Meinungen
gelten zu lassen, Zutrauen in sich selbst haben, Mut zu entwickeln, die eigenen
Ziele umzusetzen!
|