Elisa Klapheck
Macht und Mystik
[English]
"Ist die Kabbala etwas wert oder nicht?" - Diese in einem 1925
an Chaim Nachman Bialik verfaßten Brief geäußerte Frage trieb den jungen Gershom
Scholem zur Erforschung der jüdischen Mystik. Scholem fragte als Zionist. Bietet
das System der zehn Sefirot [Ausströmungen göttlicher Energie in die Materie]
einen brauchbaren Rahmen, um die politische Welt aus der jüdischen
Gotteserfahrung heraus zu erfassen und zu gestalten? Diese Frage stelle ich mir
auch als jüdische Feministin heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der
Schoa, in einem postmodernen Europa.
Die Sefirot verweisen nicht nur auf Aspekte wie Gerechtigkeit
und Gnade, sondern auch auf die Ursprünge von Unrecht, Machtmißbrauch und Übel
in der von Gott geschaffenen Welt. Mögen ihre Namen - Keter [Krone], Malchut
[Königstum], Nezach [Glorie] oder Hod [Majestät] - Bilder einer anderen Zeit
widerspiegeln. Das Entscheidende ist ihr komplexes Zusammenspiel - und damit
eine in sich dynamische Gottesvorstellung. Der Tikkun Olam [Reparatur der Welt]
entsteht erst durch das rechte Verhältnis der Sefirot zueinander.
Das sind keineswegs nur intellektuelle Spielchen. In einem der
Gottesdienste während der Bet-Debora-Tagung nahmen Lori Klein und ich - beide
Rabbinatsstudentinnen der Renewal-Bewegung [Erneuerung] - verschiedene
kabbalistische Ideen auf. So formulierten wir z.B. die Birkot Haschachar
[Morgensegenssprüche] als eine Meditation entlang der Sefirot. Sie sollte uns
des Wechselspiels der Sefirot in der Welt um uns und in uns gewahr
werden lassen.
Religion wird zunehmend eine weibliche Domäne. An den liberalen
Rabbinerseminaren studieren inzwischen mehr Frauen als Männer. Auch in den
Gemeinden sind die Frauen die aktiveren. Gerade deshalb tragen sie jedoch auch
die Verantwortung dafür, daß das Judentum nicht in eine Nische von belangloser
Weltabgewandtheit gerät. Macht - so sagte Hannah Arendt, ist die Freiheit,
anfangen zu können. Die Synagoge ist kein machtfreier Raum. Ich verstehe den
Gottesdienst als eine Übung, das Anfangenkönnen meines Potentials zu ermöglichen
- anders gesagt: mich zu öffnen, um Gott in mir wirken zu lassen. Deshalb bin
ich der Meinung, daß jüdische Frauen die Machtfrage stellen müssen, indem sie
zugleich jüdisches Geistesgut aktivieren. Die jüdische Mystik enthält in dieser
Hinsicht erstaunlich viele Anregungen für eine Ethik der Macht und eine
Befähigung zur Macht - beides Voraussetzungen, um die gesellschaftliche
Wirklichkeit mit gestalten zu können.
Elisa Klapheck ist Initiatorin von Bet Debora, Autorin von
"Fräulein Rabbiner Jonas. Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?",
Chefredakteurin der Zeitschrift "jüdisches berlin" und Rabbinatsstudentin im
Aleph Rabbinic Program
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