Katrin Bettina Müller
Geschichten aus Ton - Die
Skulpturen von Rachel Kohn
[English]
In den Skulpturen von Rachel
Kohn ist die Formung durch die Hand sehr präsent. Ihre gegenstandsbezogene, oft
Formen der Architektur verwandte Sprache der Dinge steckt voller Informationen
über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Es gibt keine unbelebte und
keine unbeseelte Materie in diesem Kosmos aus Ton. Türme, Tore, Stufen, Tische,
Stühle, Räder, Rutschen und Leitern: All dies alltägliche Inventar verschmilzt
in ihren Skulpturen mit den Figuren, die damit leben.
"Erinnerung" heißt eine
Skulptur, in der sich ein gezacktes Band durch ein Tor wie eine Schlange
davonmacht. Da ist die Bewegung des Entgleitens und Verschwindens ebenso Form
geworden wie die Vorstellung von der Vergangenheit als einem Raum, zu der man
den Eingang wiederfinden muß. Man kann die jüngsten Skulpturen der Bildhauerin
mit einem Fotoalbum vergleichen, in dem sie die Zeit mit ihren kleinen Töchtern
festgehalten hat.
Viele Eltern fotografieren ihre
Kinder, um sich gegen das schnelle Verfliegen der Zeit zu stemmen. In den
Heranwachsenden spüren sie mehr als am eigenen Leib die ihnen zugemessene
Lebensstrecke vorbeirasen. Die Skulpturen von Rachel Kohn dagegen sind weniger
am·äußeren Bild der Veränderung als vielmehr an körperlichen Erfahrungen und
emotionalen Momenten orientiert.
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Trägerin

Trägerin

Aus dem Zyklus
"Mutter mit Kind"

Erinnerung |
Sie ermöglichen ein müheloses
Gleiten zwischen den Perspektiven von unten und oben, groß und klein, dem
runtergucken und dem raufwollen. Ein kleiner fünfbeiniger Hocker, der wackelig
an einer großen Form lehnt oder ein kleines Zweibein, das an einem großen
Dreibein hängt, visualisieren die Instabilität der Beziehung Mutter/Kind. Ein
kleiner und ein großer Stuhl oder ein Stuhl und ein Tisch werden zu Darstellern
der Geschichten vom Größer-werden-wollen. Eine runde Form, aus der ein Segment
herausgeschnitten und wieder eingefügt ist, erzählt vom Moment der harmonischen
Verbindung der beiden kleinen Schwester im Kuß.

Auch in früheren Skulpturen hat
Rachel Kohn autobiographische Erfahrungen in abstrahierende Formen umgesetzt.
Anfang der neunziger Jahre waren die "Trägerinnen" ihr Thema, ein Zyklus
stehender Figuren, die mit ihren Lasten zu einer Symbiose verschmolzen waren.
Schon in der Form erinnerten sie an archaische Idole und diese Anmutung des
Mythischen setzte sich im Thema fort. Ihre Lasten waren Sinnbilder für das nicht
mehr loslassen und nicht mehr abgeben können der Aufgaben, die Frauen durch
Erziehung und Tradition nach wie vor angetragen werden.
So offen zu thematisieren, wie
die Zeit mit kleinen Kindern die eigene Empfindungs- und Wahrnehmungswelt
umkrempelt, bedeutet für Künstlerinnen ein Risiko, müssen sie doch den Vorwurf
fürchten, vom Subjektiven nicht loszukommen und im Alltag hängen zu bleiben.
Doch Rachel Kohn macht in ihren Skulpturen aus dem Muttersein keinen Kult von
wegen natürlicher Bestimmung. Sie beschreibt vielmehr mit fast dokumentarischer
Sachlichkeit, wie weit man denn nun kommt, wenn im Parallelogramm der Kräfte
eine neue Energie auftaucht und in unvorhergesehene Richtungen zieht und zerrt.
Sie beschreibt das Hinderliche daran ebenso wie die Entdeckung neuer Richtungen.
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In ihrem Atelier in einer Remise
in Berlin Charlottenburg hat die 1962 in Prag geborene Bildhauerin viele ihrer
Skulpturen als kleinen Entwurf stehen: Das sieht aus wie eine Spielzeugstadt. In
dem Hingeworfenen, Unangestrengten der Maquetten liegt für sie eine
handwerkliche Herausforderung: nicht zu sehr auszuformulieren, spielerisch zu
bleiben. So schält sich unter dem biographischen Thema eine weitere Motivation
für die Arbeit heraus: In der Skulptur offenzubleiben für dynamische
Veränderungen, das Dinggewordene nicht im Stillstand festzusetzen. Kein Wunder,
da· ihre Skulpturen gerade das Fahren auf Rädern lernen. |