Britta Konz
Bertha Pappenheims neuer Familienbegriff
[English]
Anna O. Frauenrechtlerin Jüdin - Bertha Pappenheim
(1859-1936) war die Mitbegründerin der Psychoanalyse und hat sowohl die
Geschichte der Frauenbewegung als auch die Geschichte jüdischer Frauen ihrer
Zeit nachhaltig geprägt. Ihre umfassende Sozialarbeit zielte auf die Stärkung
des Judentums und die Rückführung zur Tradition. Mit der Gründung des Jüdischen
Frauenbundes (JFB) formierte sie 1904 eine Interessenvertretung speziell für
jüdische Frauen. Der JFB sollte ein explizit jüdisch religiöser Verein sein, und
war, laut Ottilie Schönewald als Mission für die jüdische Frauenwelt gedacht.
(Blätter des Jüdischen Frauenbundes [BJFB] Nr. 7/8 1936, S.8). Vor allem der
Kampf gegen den Mädchenhandel war Bertha Pappenheim ein Anliegen. Sie unternahm
Reisen nach Osteuropa, um Hintergrundwissen zu sammeln und persönlich mit
betroffenen Frauen zu sprechen.
Kraft, Motivation und Zielrichtung für ihre Arbeit schöpfte
Bertha Pappenheim aus ihrem orthodoxen Glauben, den sie mit ihren feministischen
Überzeugungen verknüpfte. Sie sah ihre religiöse Abstammung als Verpflichtung
und Bereicherung. Sozialarbeit war für sie ein Bekenntnis zur jüdischen
Religion, "Mizwa", Gebot und Pflicht der gesamten jüdischen Gemeinschaft.
Als kinderlose, orthodoxe Jüdin beschäftigte Bertha Pappenheim
die Frage, wie sie das Tora-Gebot, ein Haus zu gründen, befolgen und als Glied
einer Kette würdiger Geschlechterfolge leben könne. Wie viele Feministinnen
ihrer Zeit hielt sie an der Mütterlichkeitsbestimmung der Frau fest, und
versuchte die daraus resultierenden Aufgaben zu erweitern. Dabei differenzierte
sie: "Mutterschaft ist das einer Frau zugefügte, über das sie auch unglücklich
sein kann. Mütterlichkeit ist das Urempfinden einer Frau, das auch eine
Unberührte beglückt empfinden kann." (Denkzettel, 27.4.1919) Sie betonte,
daß es für eine Frau keine fremden Kinder gebe, weshalb unverheiratete oder
kinderlose Frauen ebenso Mütterlichkeit leben könnten und die gleichen Rechte
verdienten wie Verheiratete.
Auch im religiösen Kontext erweiterte Bertha Pappenheim die
Rolle der jüdischen Frau. Sie nahm die Tradition der Priesterin des Hauses und
Hüterin der Familie auf und ergänzte sie, indem sie Staat und jüdische
Gemeinschaft als Familie definierte. So erschloß sie Jüdinnen den öffentlichen
Raum als natürliches Wirkungsfeld. Die Frau war bei ihr, wie sie 1935 an
Martin Buber schrieb, Schöpferin oder Formerin des Lebens. Sie bringe durch
Schmerzen und Wehen hindurch den Nächsten hervor und müsse ihn in
unerschöpflicher Liebe führen, mahnen und zielbewußt göttliche Keime in ihm
entwickeln. Jedes Kind war für Bertha Pappenheim ein Heiligtum [BJFB Nr. 7/8
1936, S.12], es galt dafür zu sorgen, daß es, an Körper und Geist heil, den Weg
der Gottähnlichkeit ging. Dadurch würde Messiashoffnung in der Welt
weitergetragen.
Das Heim des Jüdischen Frauenbundes wurde 1907 in Neu-Isenburg
gegründet und gilt als Herzstück der Arbeit Bertha Pappenheims. In ihm wurden
ihre wichtigsten religiösen und sozialen Ziele verwirklicht, sie formulierte
Grundidee und Erziehungsleitlinie und spendete dem Heim einen großen Teil ihres
Vermögens. Hier fanden Menschen, die am Rande der jüdischen Gesellschaft
standen, wie ehemalige Prostituierte, ledige Mütter, straffällig gewordene
Mädchen, schwer erziehbare oder uneheliche Kinder und Pogromwaisen, eine Heimat.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Heim als
Ausbildungsstätte für Hauswirtschaft, Kinder- und Säuglingspflege wichtig.
Isenburg wurde vom JFB als Antwort auf den gesellschaftlichen
Wandlungsprozeß im 19. Jahrhundert gesehen. Bertha Pappenheim glaubte, daß es
ein göttlicher Auftrag der Juden in der Welt sei, die Kraft der Familie
zu sichern (BJFB Feb. 1929).
Das Leben im Heim sollte Familiencharakter haben und Sehnsucht
nach der traditionellen Familie wecken. Deshalb wurde die Erziehung im
wesentlichen durch gelebte Tradition gestaltet. Die Erzieherinnen versuchten die
Eigenart jedes Festes zu wahren, es wurde streng nach den jüdischen
Speisevorschriften und dem jüdischen Festkalender gelebt. Wie in einer Familie
bildeten die Heimbewohner eine Tischgemeinschaft, was die Gleichheit aller
Heimbewohner dokumentieren und das Gemeinschaftsleben fördern sollte. Auch
Mädchen erhielten Religionsunterricht, lernten Hebräisch und traditionelle
Gebete.
Das Heim kann jedoch gerade auch als Alternative zur
traditionellen Familienvorstellung gesehen werden: Hier bildeten Frauen eine
Gemeinschaft, die den moralischen Vorstellungen ihrer Zeit nicht entsprachen.
Indem jüdische Familientradition in einem völlig neuen Kontext gelebt wurde,
wurde sie sozusagen von innen heraus reformiert.
Entgegen dem Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie sollte
Isenburg Ausgangspunkt, Ziel und Träger des Gedankens der Solidarität in der
jüdischen Gemeinschaft sein (Bertha Pappenheim, Die jüdische Frau, 1934).
Es bildete im Kleinen das Beith Jsrael, Haus Israel ab und wurde in einen
größeren öffentlichen Zusammenhang gestellt.
Bertha Pappenheim betrachtete Isenburg als Weg. Pädagogische
Ziele sollten immer wieder neu durchdacht werden. Dieser Weg wurde gewaltsam
unterbrochen. Bertha Pappenheim starb am 28. Mai 1936, kurz nach einem Verhör
durch die Gestapo. Eines der vier Häuser wurde am 9. November 1938 vor den Augen
der Kinder abgebrannt. 1942 wurden die noch anwesenden Heimkinder und
Erzieherinnen deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Die Häuser des
Heims wurden der Hitlerjugend zur Verfügung gestellt.
Heute ist der Ort Seminar- und Gedenkstätte.
Britta Konz ist evangelische Theologin. Derzeit arbeitet sie
an einer Dissertation zu Religiosität und religionspolitischem Handeln Bertha
Pappenheims und des Jüdischen Frauenbundes.
Anruf
Mein Gott, du bist kein Gott der
Weichheit, des Wortes und des Weihrauchs,
kein Gott der Vergangenheit. Ein Gott
der Allgegenwart bist du. Ein fordernder
Gott bist du mir. Du heiligst mich mit
deinem Du sollst; du erwartest meine
Entscheidung zwischen Gut und Böse; du
verlangst, daß ich beweise, Kraft von
deiner Kraft zu sein, zu dir hinauf
zu streben, andere mitzureißen, zu
helfen mit allem, was ich vermag.
Fordere, fordere, damit ich jeden
Atemzug meines Lebens in meinem
Gewissen fühle, es ist ein Gott.
Bertha Pappenheim, 14.11.1935
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