Wanya Kruyer
Insider und Outsider
[English]
Bei Bet Debora begegnete ich - eine jüdische Publizistin aus
Amsterdam - zu meiner Überraschung einer Reihe Nichtjüdinnen, die sich an den
Debatten beteiligten. Für europäische Juden ist es etwas Neues, daß sich
Nichtjuden am jüdischen Leben beteiligen.
Nach der Schoa gab es in Mitteleurope
nur selten die Vorstellung, daß Judentum ein reiches Erbe oder eine bedeutsame
und lebendige Gemeinschaft sein könnte, an der andere teilhaben. Während meiner
Reisen in die angelsächsische jüdische Welt stellte ich jedoch fest, daß solche
Vorstellungen unter meinen amerikanischen und englischen Zeitgenossen durchaus
gängig waren. Es scheint, daß sie in der Lage sind, sich das aus dem jüdischen
Erbe herauszusuchen, was sie brauchen, um sich damit ihre eigene persönliche
Identität zusammenzustellen. In solchen Gesellschaften werden die jüdischen
Gemeinden als erfolgreich angesehen und die Anderen ermutigt, daran teilzuhaben.
Im Post-Schoa-Holland ist dies anders. Viele Juden, mich selbst
eingeschlossen, sind zeitweise dem Anderen gegenüber verblüffend verschlossen.
Das ist um so bemerkenswerter, als viele von uns in einer liberalen und offenen
Gesellschaft aufgewachsen sind. Ich hörte mich selbst gelegentlich das Recht
verteidigen, in einem jüdischen Umfeld unter uns zu sein. Ich weiß, daß ich
dieses Recht habe, da ich in einer Gesellschaft lebe, in der sich Menschen nach
ihrer eigenen Fasson zusammentun können. Aber mein Recht fühlte sich in einer
progressiven jüdischen Umgebung falsch an, in der Offenheit gegenüber allen
Formen des Anderssein verteidigt wird. Ich könnte keine passenden Argumente
anführen außer persönliche Gefühle. Und diese sind ganz sicher keine Argumente,
die auf traditionellem jüdischen Denken basieren, das dem freundlichen "Anderen"
gegenüber grundsätzlich offen eingestellt ist.
Donnerndes Schweigen
"Ich kam mir bei Bet Debora komisch vor, ein wenig wie ein Bauer
auf einer Party von Aristokraten, sagt Maja, eine Nichtjüdin aus der Schweiz.
Mein Bruder meinte: 'Warum hast du nicht einfach eine jüdische Großmutter
erfunden? Natürlich sind Vorfahren ein starkes Argument, um Unterschiede zu
betonen. Doch es war für mich, als eine, die nicht dazu erzogen wurde, zwischen
Menschen zu unterscheiden, eine merkwürdige Erfahrung. In einem der Workshops
versuchte ich, einige meiner Gedanken auszudrücken, doch das einzige, was ich
erhielt, war eine Art donnerndes Schweigen. Ich glaube, ein Hakenkreuz aus
meinem rechten Ohr zu ziehen, hätte denselben Effekt gehabt. Sie fügt hinzu:
"Später, in der Toilette, sagte mir eine junge Frau, ich hätte nicht ganz
Unrecht gehabt. Dennoch vernahm ich die Botschaft: Sprich niemals über Juden,
wenn du unter Juden bist, sofern du nicht selber jüdisch bist.
Maja studierte islamische Kultur, Zeitgeschichte und Literatur.
Durch ihre Arbeit in einem Beratungszentrum für religiöse Gruppen erwarb sie
viel Wissen über Gruppenidentitäten und -dynamiken. Auf der persönlichen Ebene
kämpft sie mit den Folgen von Gruppenidentifikation: Ich habe gehört, daß viele
Juden gemischte Ehen als eine Gefahr ansehen. Aber wie soll ich das als
Nichtjüdin verstehen? Wenn ich mich beispielsweise in einen jüdischen Mann
verliebte, sollte ich ihn heiraten oder nicht? Ihn zu heiraten würde bedeuten,
daß die Kinder keine Juden wären. Ihn nur deshalb nicht zu heiraten, weil er ein
Jude ist, wäre irgendwie antisemitisch. Was also ist die Lösung? Jüdischen
Menschen nicht zu nahe zu kommen, um zu verhindern, daß man sich verliebt? Für
mich persönlich stehen das Interesse und die Freiheit des Individuums höher als
die Interessen der Gruppe.
Für gewöhnlich erreicht mich das Thema gemischte Ehe durch
alleinstehende jüdische Frauen, die über das mangelnde Angebot an jüdischen
Männern klagen. Aus ihrer Sicht stellen zu viele jüdische Männer das Interesse
und die Freiheit des Individuums über das Gruppeninteresse". Und wer würde
dieses Recht bei der persönlichsten aller Entscheidungen in Abrede stellen? Aber
für Jüdinnen und Juden ist dies nicht nur eine Frage der freien Entscheidung.
Ein Jude, besonders ein jüdischer Mann, der sich dazu entschließt,
herauszuheiraten, wird immer eine Stimme hören, die ihm zuflüstert:
Mini-Schoa oder Hitler helfen, seine Arbeit zu vollenden. Sogar wenn er
säkular und kein Gemeindemitglied ist, werden die meisten jüdischen Männer die
Konsequenzen ihrer Entscheidung während der ganzen Ehe spüren: wenn ein Sohn
geboren wird, oder wenn ein Kind ins jüdische Erwachsenenalter kommt. In diesen
Momenten muß sich der jüdische Mann den Konsequenzen stellen, aus einer
Gemeinschaft, die fast völlig vernichtet worden ist, herausgeheiratet zu haben.
Maja erzählt mir von ihren Erfahrungen: "Als ich im
Beratungszentrum für religiöse Gruppen arbeitete, besuchte ich Moscheen und
Hindu-Tempel, buddhistische Feste, verschiedene Kirchen und fast immer erlebte
ich zwei Haltungen: Neugier (Warum sind Sie gekommen? Woran sind Sie
interessiert? Was halten Sie von diesem und jenem?'), und der Wunsch, Bräuche zu
zeigen und erklären: Jetzt beten wir um dies oder jenes. Das Essen ist für die
Mönche usw." Sie fährt fort: "Einmal habe ich am Freitagabend mit einer Gruppe
Nichtjuden eine Synagoge besucht. Aber es war wie der Besuch eines Museums oder
Zoos. Die Neugier, die sich anderswo erlebt hatte, gab es nicht. Bei Bet Debora
hatte ich die gleiche Erfahrung.
Ich versuche ihr mein Unbehagen zu erklären, als ich unlängst in
Amsterdam in einem liberalen Gottesdienst hörte, wie ein Nichtjude Kaddisch
sagte, oder als ich zusah, wie ein Nichtjude die Torarolle wie ein Baby zu den
Betenden trug. Maja geht jedoch einen Schritt weiter. Sie stellt in einer Welt,
in der universelle Werte die Norm sind, den Partikularismus in Frage: "Es gibt
andere blasphemische Fragen wie: Worin liegt der Sinn, Menschen als Mitglieder
von Gruppen anzusehen? Brauchen wir wirklich Gruppen? Was ist mit Menschen, die
verschiedenen Gruppen oder keiner angehören?" Sie fährt fort: "Menschen als
Mitglieder von Gruppen anzusehen, kann die Wahrnehmung der Realität verzerren.
Nicht alles, was jemand tut, ist ein Ergebnis davon, daß er Mitglied einer
speziellen Gruppe ist. Daß ein Terrorist ein Muslim ist, bedeutet nicht, daß
einer Terrorist ist, weil er Muslim ist. Wenn es um Juden und Israel geht, dann
höre ich oft: Sie haben so sehr gelitten, warum fügen sie anderen Menschen Leid
zu?' Das ist eine wirklich dumme Einstellung, denn wenn jemand Opfer eines
Verbrechens war, bedeutet das ganz einfach 'jemand ist das Opfer eines
Verbrechens. Es sagt nichts aus über den Charakter. Leid macht Menschen für
gewöhnlich nicht besser, es zerstört sie.
Bunter Fisch
Ich stimme Maja voll zu. Mitglied einer Gruppe zu sein, ist
keine gültige Vorhersage für Verhalten oder Meinungen, vom Charakter ganz zu
schweigen. Und ganz sicher kann es keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen
sein. Aber auf einer anderen Ebene unterscheiden sich Maja und ich
grundsätzlich. Ich liebe Gruppen jeder Art, vorübergehende, fließende, kreative
Subkulturen und alle Gruppenkulturen, die aus einer guten Mischung von
Traditionen, Bräuchen und Werten bestehen, welche sie von weither oder aus
fernen Zeiten ererbt haben. Für mich sind all diese Unterschiede wie die
Schuppen eines bunten Fisches in einem tropischen Aquarium. Die Bedingung ist,
daß das Aquarium selbst, die ganze Gesellschaft, durch demokratische und soziale
Werte sowie gegenseitigem Respekt im Alltag zusammengehalten wird.
Weil ich Gruppen liebe, Subkulturen und das Zusammenwirken der
Zivilisationen, liebe ich es, gelegentlich unter uns zu sein. In einer offenen
Gesellschaft lebend, merke ich, wie ich zunehmend solche Momente im privaten
Bereich genießen will - wie etwa Leute auszuwählen, um mit ihnen am
Schabbatabend oder am Sedertisch zusammenzusitzen. Einer von uns zu sein,
bedeutet in meiner Wahrnehmung nicht, eine jüdische Großmutter zu haben, wie
der Bruder von Maja meinte. Es reicht nicht einmal, eine jüdische Mutter oder
einen jüdischen Vater zu haben. Wie in jeder Gruppe bedeutet, einer von uns zu
sein, ein Insider zu sein - wie die anderen Mitglieder zu sprechen und zu
handeln. Mit anderen Worten: Ich bin gern unter Menschen, die die gleiche Art
von Neschama [Seele] haben. Die verborgenen Signale, die Menschen voneinander
empfangen, unterscheiden "Insider" von Outsidern. Diese Signale sind viel
stärker als irgendein ererbter oder erworbener Status oder eine behauptete
Identität. Es bedeutet, daß ich ganz gewiß Nichtjuden an meinen Schabbattisch
lade, die die gleiche Art von Neschama haben wie wir, während ich eine Menge
Leute mit eine jüdischen Großmutter lieber nicht privat treffe.
Diese Beobachtung im Hinblick auf informelles Judentum spielt
eine Rolle bei der letzten Frage, die Maja und ich diskutieren: die Bedeutung
der Religion im Judentum. Meine Dialogpartnerin wundert sich: "Ich verstehe
nicht wirklich, was jüdisch außerhalb des religiösen Bereichs heißt. Es
scheint, daß das Wort jüdisch in unterschiedlichster Weise genutzt wird. Es
ist wie ein Behälter, den verschiedene Menschen mit verschiedenen Inhalten
füllen. Ich versuche, die informelle Jüdischkeit zu erklären und die
vielschichtige Identität, die die meisten Juden erleben. Diese vielschichtige
Identität ist besonders in Europa verbreitet, wo Jüdischkeit, anders als in den
USA, selten als Glaubenssystem wie Christentum oder Hinduismus aufgefaßt wird.
Eine jüngere Studie über die niederländische jüdische Bevölkerung ergab, daß
Religion für die übergroße Mehrheit nur eine kleine Determinante der
jüdischen Identität bildet. Die Beziehung zu Bräuchen in der Familie oder
Herkunft, die Verbindung mit Israel, egal ob positiv oder kritisch, und für mehr
als die Hälfte die Auseinandersetzung mit den dunklen Tagen der Jahre 1940-45
sind weit stärkere Determinanten als die Religion. Vieles ist darin
einbegriffen. Jüdisches Reden, Verhalten, bestimmte Einstellungen und andere
Elemente informeller Jüdischkeit machen es für Andere schwer, unsere
Gemeinschaft ganz zu erfassen.
Wenn die Juden Europas den amerikanischen Weg gehen, wird
Jüdischkeit möglicherweise in ein oder zwei Generationen auch eine sehr
persönliche Entscheidung für eine besondere Bindung oder ein Glaubenssystem
darstellen. Und jeder wird dann ein freiwilliger Jude" sein. Die Herkunft wird
nicht mehr als eine oberflächliche Schicht bilden, oder, nach mehreren
Generationen gemischter Ehen, eine Teil-Besonderheit, so wie es heute
griechische Amerikaner oder irische Amerikaner gibt. Vielleicht wird
Jüdischkeit dann für manche nur noch eine kulturelle Bedeutung haben, die eine
zeitweilige Rolle spielt, wie Maja es bei ihrer Arbeit im Beratungszentrum
beobachtete. "Einige Menschen sind religiöse Touristen, sie ändern ihre Religion
alle zwei Jahre. Ich traf sogar Menschen, die ihre ethnische Identität mehrfach
wechselten. Doch noch scheint dieser religiöse oder ethnische Tourismus in den
meisten europäischen Staaten nicht in Sicht. Judentum ist vielmehr ein Ringen
mit vielen komplexen Determinanten. Diejenigen, die sich selbst öffentlich als
Juden bekennen, entdecken, daß sie den gesellschaftlichen Konsens herausfordern.
Es braucht viel Mut, um das Recht, anders zu sein, und das Recht, unter uns zu
sein, einzufordern und gleichzeitig ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu
sein.
Wanya F. Kruyer studierte Geschichte und Soziologie. Sie
arbeitet derzeit als Journalistin in Amsterdam, spezialisiert auf jüdische
Themen.
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