Dragica Levi
La Benevolencia
eine multi-religiöse Vision
[English]
Sarajevo eine wirklich multi-religiöse Stadt. Auf drei- bis
vierhundert Quadratmetern kann man Synagogen, Moscheen, christlich-orthodoxe
Kirchen, katholische Kathedralen und eine institutionalisierte Nachbarschaft
finden einen guten Nachbarn zu haben, ist in Sarajewo so etwas wie eine
Institution. Das ist der Grund, warum uns alle geholfen haben, als wir 1992
unsere Aktivitäten aufnahmen.
Der Anfang war traurig. Fast alle unserer
Mitglieder verließen die Stadt für einen sichereren Ort. Wir erwogen sogar, die
Türen unserer Synagoge zu schließen. Es war ein sehr schwieriger Moment. Aber
dann geschahen zwei Dinge. In der ganzen Welt erhoben sich Juden und standen uns
bei. La Benevolencia das ist Ladino oder Judeo-Spanisch wurde durch die
Hilfe vieler Freunde aus ganz Europa zu unserer kulturellen, bildenden und
humanitären Gesellschaft. Die zweite Sache, die geschah, war, daß Menschen in
unsere Gemeinde kamen. Sie waren vor dem Krieg keine Mitglieder, aber sie
brachten Originaldokumente mit, welche nachwiesen, daß ihre Väter, Mütter oder
Großeltern jüdisch waren. Wir waren froh, alte Registerbücher zu besitzen,
sowohl für Aschekenasim als auch für Sephardim, so daß wir in der Lage waren,
dies zu überprüfen. Auf diese Weise hatten wir plötzlich 340 Juden. Und viele
unserer Freunde unterschiedlicher Religion oder nationaler Herkunft wollten uns
ebenfalls helfen.
Durch die Hilfe der gesamten jüdischen Welt und der Freunde von
La Benevolencia wurde eine großartige Leistung für alle Menschen in Sarajevo
möglich, für all unsere Freunde, all unsere Nachbarn Juden, Muslime, Kroaten
und Serben. Beispielsweise verteilte La Benevolencia 1993 in Sarajewo über 50
Prozent aller Medikamente. Wir gründeten Suppenküchen, wir hatten eine
Erste-Hilfe-Station mit Ärzten und Krankenschwestern, drei Apotheken in der
Stadt und ein Programm der häuslichen Hilfe für alte Menschen Menschen, die
wirklich notleidend waren, die ohne unsere Hilfe den Krieg ganz gewiß nicht
überlebt hätten.
Eine andere interessante Sache: Zu Beginn des Krieges kamen
einige jüdische Kinder, Gemeindemitglieder, und wir eröffneten plötzlich eine
Sonntagsschule. Jetzt fragten sie: Ich habe einen besten Freund in der Nähe. Er
ist Muslim oder Kroate. Darf ich ihn mitbringen? Unsere Antwort lautete Ja. So
lernten sie gemeinsam die jüdische Tradition und Geschichte. Und dann taten wir
das Gleiche mit den jungen Leuten aus unserer Gemeinde.
Um aber ehrlich zu sein im Hinblick auf die spirituelle
Geschichte der Gemeinden Osteuropas: Wir haben noch immer keinen Rabbiner, aber
wir alle lernen viel. Ich kann euch stolz berichten, daß wir jetzt an jedem
Schabbat Gottesdienste haben und an den wichtigen Feiertagen Gastrabbiner aus
Israel. Aber wenn ihr fragt, was für eine Art von Synagoge wir haben, kann ich
das nicht beantworten. Einerseits sitzen Männer und Frauen getrennt,
andererseits leben wir nicht koscher. Aber wir bemühen uns, wir lernen...
Ich glaube, daß unsere jüdische Gemeinde viel Kredit für die
Zukunft hat, weil wir offen für alle waren und all unseren Freunden und Nachbarn
in Sarajevo halfen. Ich nenne einige Beispiele. Es gibt keine ausländischen
Gäste, keinen Botschafter in Sarajevo, der nicht in unsere Gemeinde kommt, um zu
fragen: Was braucht ihr? Sie alle haben davon erfahren, was La Benevolencia
während des Krieges tat. Dank der Unterstützung der norwegischen Regierung wurde
der alte jüdische Friedhof, der während der Belagerung die Frontlinie bildete,
von Minen befreit. Der Rabbiner aus Norwegen kam zur offiziellen
Wiedereinweihung des Friedhofs. Aber wir erleben diese Solidarität nicht nur in
Sarajevo, sondern auch in anderen Städten der Herzegovina, wo es Kämpfe gegen
Muslime und Kroaten gab. Die winzige jüdische Gemeinde von Mostar, eine Handvoll
Mitglieder, half bedürftigen Menschen. Nun haben wir im vergangenen April den
Grundstein für eine neue Synagoge und ein neues jüdisches Kulturzentrum in
Mostar gelegt. Es wird durch die Stadt Mostar finanziert, dank jenes Kredits,
den das jüdische Leben in unserem Lande genießt.
Dragica Levi ist Geschäftsführerin von
La Benevolencia in
Sarajevo
|