Pnina Navè Levinson
Debora - ein politischer Mutter-Mythos
[English]
Bekanntlich legen wir Hebräisch-Denkenden großen Wert auf die
Bedeutung von Namen. Dewora ist "die Biene". Sie schafft Honig und wehrt sich
bei Bedrohung. Ein männlicher Spruch lautet: "Gib mir weder Stachel noch Honig!"
Das Bild drückt die Ängste aus, die sich bei Männern so leicht entwickeln.
Männliche Ängste führten zu der Aussage, daß die Gabe der
Prophetie vorübergehend von Debora genommen wurde, weil sie sich in ihrem Liede
rühmte: "[all dieses Unheil herrschte vor], bis ich aufstand, Debora, bis
ich aufstand, eine Mutter in Israel!" Der Tadel befindet sich im Talmudtraktat
Pessachim (66b), der ein Beweis dafür ist, daß die häufige Lesart "bis du
aufstandest" nicht dem gängigen jüdischen Verständnis entspricht. Handelt es
sich hier um eine bourgeoise vermeintliche Ehrenrettung der jüdischen Prophetin
vor dem Anwurf des Selbstbewußtseins, das man so ungern an Frauen sah? Es gibt
eine ganze Reihe solcher Entschärfungen, u.a. in den Übersetzungen des Hohelieds
sowie im großen Frauenlob am Ende des Buches der Sprüche: dort machte man aus
der ebenbürtigen starken Frau gern "ein tugendhaftes Weib".
Im Lied heißt Debora "eine Mutter in Israel". Wir hören
zwar beiläufig den Namen ihres Mannes, Lapidot, - aber es werden keine Kinder
genannt. Was macht die jüdische Bibeldeutung aus diesem ungewöhnlichen Umstand?
Eine exegetische Methode der Rabbinen ist der philologische
Vergleich. Die Frage lautet hier: finden wir einen Sprachgebrauch für "Mutter in
Israel" in einem nicht-biologischen Sinn? Einen solchen Text gibt es in 2. Sam.
20. Dort geht es um die Bluttaten bei einem Aufstand gegen König David. Der
Feldherr befiehlt, eine Stadt zu zerstören. Während der Belagerung verhandelt
eine weise Frau mit ihm, erinnert ihn an die bedeutsame Rolle der Stadt und ruft
ihm zu (19): "Du willst töten eine Stadt und Mutter in Israel."
"Mutter in Israel" bezeichnet hier die integrative Bedeutung. So
ist es also auch bei Debora eine Anzeige ihres politischen Amtes. Die aramäische
Bibel-Paraphrase zur Stelle lautet entsprechend: "Öde waren die unbefestigten
Orte des Landes Israel, gefangen und verschleppt ihre Einwohner, bis ich gesandt
wurde: ich, Debora, wurde gesandt, zu prophezeien über das Haus Israel".
Aber, so fragten einige Männer der Spätantike, weshalb sandte
Gott denn eine Frau und nicht einen damaligen gottnahen Mann? Um Namen waren sie
nicht verlegen. Darauf erwiderte ihnen ein feministischer Kollege: "Ich rufe mir
Himmel und Erde zu Zeugen, daß die ruach hakodesch [heiliger Geist], auf
den Menschen je nach ihren Taten ruht - ob Nichtjude oder Jude, Mann oder Frau,
Knecht oder Magd." (Midrasch Elija Rabba, Kap. 9)
In Deboras Fall handelt es sich allerdings um eine besonders
starke gesellschaftliche Position. Im frühen Israel um 1200-1000 v.u.Z. gab es
nacheinander zwölf Stammesführer mit dem Titel "Richter". Die elf Männer waren
Heerführer in Notlagen. Keiner von ihnen war Prophet. Debora übte alle drei
Ämter aus, und zwar nicht nur für ihren Stamm, sondern als Richterin für ganz
Israel (Ri. 4,5). Es war eine Zeit der Unterdrückung durch die hochtechnisierten
kanaanäischen Nachbarn, die über ein bedrohliches Overkill-Potential verfügten:
gegenüber den altertümlichen Handwaffen der Israeliten besaßen sie 900 eiserne
Streitwagen (Ri. 4,7). Außerdem wohnten sie oben im Gebirge.
Debora wird so geschildert, als sei sie ein zweiter Mose oder
eine neue Mirjam, ohne die Mose nicht hätte wirken können. Wie bei der Befreiung
aus dem ägyptischen Sklavenjoch versinken die zahlenmäßig und an Rüstung
überlegenen Bedroher im Schlamm, und das eben noch vom Tode bedrohte Israel
erfährt eine Gotteserscheinung (Ri. 5,4-5; 20-22). Das Land hat für 40 Jahre
Ruhe (31), und dazu das überzeitliche Trostwort: "Die Gott lieben, sind wie die
Sonne, die mächtig aufgeht." (5,31) - 40 bedeutet biblisch: "lange Zeit" und ist
nicht wörtlich zu nehmen.
So wurde die kinderlose Frau zur Retterin, ebenso wie einst die
unverheiratete, kinderlose Mirjam, der nach unserer Tradition Israel während der
40 Jahre in der Wüste den lebenserhaltenden Brunnen verdankte.
Zu Deboras Wohnort heißt es im Text: "Sie saß unter der
Debora-Palme zwischen Rama und Bet-El im Gebirge Efrajim" (Ri. 4,5). Dazu blieb
eine Frauentradition erhalten: die Palme wuchs auf dem Grab einer anderen
Debora, die etwa 600 Jahre vor ihr lebte, in der Zeit der Stammütter und -väter.
Dies war Debora, die Amme und Vertraute der Mutter Rebekka. Als Rebekkas Sohn
Jakob nach langen Jahren in seine Heimat zurückkehrte, baute er einen Altar an
der Stelle in Bet-El, wo er einst den Traum von der Engelsleiter hatte. Im
nächsten Vers heißt es: "Da starb Debora, Rebekkas Amme, und sie wurde begraben
unterhalb von Bet-El, unter einer Steineiche, und man nannte sie die
Träneneiche" (Gen. 35,8). Für die Frauen, die es erzählten, wuchs dort jene
Palme, die das Sinnbild beider Deboras wurde.
Hierzu eine frauengeschichtliche Anmerkung: "Rebekkas Amme"
wurde eine vertraute Gegenwart für Juden des 17. Jahrhunderts, denn so hieß ein
verbreitetes Ethikbuch in jüdisch-deutscher Sprache. Die Autorin, Rebekka
Tiktiner, Tochter eines Rabbiners, wirkte um 1520 und starb um 1550. Ihr
Manuskript wurde 1609 in Prag gedruckt (24. Auflage Krakau 1618). Der
Herausgeber hofft, daß jede Frau, die hineinschaut, das Buch kaufen wird, weil
etwas Neues geschehen ist: "eine Frau hat aus ihrem Kopf ein Buch erdacht, mit
Bibelversen und Predigten", es möge "ihr sein zum Gedächtnis und allen Frauen zu
Ehren, daß eine Frau auch Autor sein kann von Ethiklehren und guten Deutungen
genau wie ein Mann."
Zurück zur Richterin "unter der Palme". Nach einer Meinung
jüdischer Kommentatoren befand sich dort ihr Haus; nach einer anderen war dort
ihr Gericht: im Freien, um zweideutige Situationen zu vermeiden, die sich beim
Alleinsein mit fremden Männern im Haus ergeben könnten.
Wie stand es eigentlich um die Gehaltsfrage in biblischer Zeit?
Das Annehmen von Geldern konnte zu Korruption führen, das Mitleid mit den Armen
zu Einseitigkeit. Vor beidem warnen die Gebote der Tora. In den Vorschriften für
den Rechtsspruch heißt es (Lev. 19,15): "Handelt nicht ungerecht bei Prozessen!
Bevorzuge nicht den Geringen, erhebe nicht den Großen! In Gerechtigkeit richte
deinen Nächsten!"
Von Debora sagen die Rabbinen, daß sie unentgeltlich wirkte. Das
entspricht ganz der jüdischen Tradition, in welcher bis zur Neuzeit
Tora-Gelehrte sich höchstens für den Zeitverlust entschädigen ließen, da die
Arbeitszeit für den anderweitigen Brotberuf ausfiel. Große Meister waren stets
Handwerker, Ärzte, Kaufleute, Winzer, Gutsbesitzer - und Familienväter! Sie
lebten in keinem mönchischen Elfenbeinturm.
Entsprechend wurden die kurzen Angaben zu Debora ausgefüllt, von
der es heißt, daß sie "zwischen Rama und Bet-El im Gebirge Efrajim" wohnte. Sie
wurde unter die Großgrundbesitzerinnen eingereiht, die seit biblischer Zeit
geschildert werden. So ist sie in der aramäischen Bibelparaphrase beschrieben,
die eine Handreichung für Prediger war, und so übernahm es Raschi in seinem
volkstümlichen Kommentar. Er lebte im 11. Jahrhundert in Troyes, Champagne,
hatte ein Weingut und gründete eine Hochschule, die älter war als die Sorbonne
(ggr. 1253). Seine Studenten kamen aus ganz Mitteleuropa, arbeiteten im Weingut
mit und konnten so Kost, Logis und Studium im Gegenzug erhalten. Sie waren auch
seine Assistenten und wirkten in vielen jüdischen Gemeinden im deutschen und
slawischen Sprachkreis. Wenn Raschi und seine Schule über Ackerbau sprachen, war
das keine graue Theorie.
Im Raschi-Kommentar zu unserem Vers Ri. 4,5 lesen wir: "Sie
wohnte in der Stadt Atarot und ernährte sich von ihrem Eigentum. Sie besaß
Palmen in Jericho, Zitrushaine in Rama, Olivenbäume mit gutem Öl im Bekaa-Tal,
bewässerte Gemüsefelder in Bet-El, feine Tonerde in Tur-Malka"; für letzteres
bietet Raschi eine Variante an: "Weißgemüsefelder": Spargel, wie er ihn kannte
und schätzte? Debora war unabhängig von Gehalt oder Ehemann. So ist sie dem
klassischen Judentum Vorbild, auch für die vielseitige, umsichtige, unabhängige
Berufstätige.
"Debora, die Frau des Lapidots" (Ri. 4,4) - nach einer
exegetischen Meinung ist er identisch mit ihrem Kampfgefährten Barak, denn
dieser Name bedeutet Blitz, und Lapidot - Fackeln. Vielleicht war Barak sein
Beiname. Andere Erklärer deuten den Lapidot völlig weg. Das hebräische Eschet
Lapidot wird nicht als "Fackels Frau" verstanden, sondern als "Fackelfrau".
In einem Volkskommentar des 18. Jahrhundert in der gängigen hebräischen Bibel
mit Kommentaren heißt es: "So nennt man eine tatkräftige und geschickte Frau,
sie ist 'feurig wie eine Fackel'". Daneben befindet sich die weniger harmlose
Deutung des Philosophen Gersonides (Provence, 14. Jhr.): "Sie erlangte solch
hohe Stufe der Prophetie, daß Feuerschein um sie war, wenn sie prophezeite, wie
es die Tora von unserem Meister Mose berichtet".
Das steht in einer ähnlichen Tradition der Verehrung wie ein
Ausspruch der Mystiker: "Komm und schaue: zwei Frauen gab es in der Welt, die
sprachen Lobpreisungen für Gott, wie sie alle Männer in der Welt nicht so machen
konnten! Wer sind sie? Debora und Hanna. Und all dies,
weil die Männer sich in der Sünde befanden, und sie waren nicht würdig, daß der
Geist in der Heiligung auf ihnen ruhte, wahrlich". (Sohar 3, 19b)
Als enge Verbündete erscheint Jael, die Frau des Kain-Nachkommen
Heber. Den Gegenpol bilden die Mutter des feindlichen Feldherrn und ihre
Fürstinnen. Sie stellen die Welt der Götzendiener dar, und um Israels Widerstand
zu verstehen, beginne ich mit ihnen. Hazor war einer der mächtigsten
Stadtstaaten an den frühen Handelswegen. Vielleicht gehörte er wie Jericho, die
Mondstadt, zu einer Gruppe von Völkerschaften, die den Mond besonders verehrten.
Jedenfalls befindet sich im Israel-Museum in Jerusalem ein ausgegrabenes kleines
Heiligtum aus Hazor, dessen mittlerer Stein zwei betende Hände und die
Mondsichel zeigt. Im Debora-Lied werden die, die Gott lieben, mit der Sonne
verglichen; im Schöpfungsbericht wird die Größenordnung herausgehoben (Gen.
1,16). Hier prallten zwei Religionen aufeinander. Aus Ugarit bei Sidon kennen
wir gut die kanaanäische Dichtung, ihre Götterdramen und Psalmen. Wir hören von
der blutrünstigen Kriegsgöttin Anat und ihrem Bruder-Gatten. Vielen galt das als
gottgefällig.
Wie also war es bei den Kanaanäerinnen? Ihnen ging es nicht um
Wasser und Nahrung bei diesem Überfall auf die Halbnomaden. Sie waren sich ihrer
Hochkultur und ihrer Waffen sicher. Aber die Mutter ahnt dennoch das Unheil:
Weshalb ist der Sohn noch nicht zurück, wo bleibt sein siegreicher Panzertank?
"Die weiseste ihrer Fürstinnen antwortete ihr: Sie müssen erst
die Beute verteilen, jedem Mann ein-zwei Uterusse, viele schöne Farbgewänder,
vielen Halsschmuck!" (Ri. 5,25-30). Hier spiegeln sich die bitteren Erfahrungen
der Jüdinnen wider, die so oft davongeschleppt und als Sklavinnen entrechtet und
vergewaltigt wurden. Daher gibt es in der Tora das Gesetz zum Schutz der schönen
Kriegsgefangenen, deren Frauenwürde gewahrt werden muß (Deu. 21,10-14): eines
der vielen Gebote der Nächstenliebe gegenüber Frauen. Es wurde im Laufe der
Geschichte so oft angewandt, daß ein großer Teil der heutigen Juden die
Nachkommen von gekauften und freigelassenen Sklavinnen sind, die ins Judentum
aufgenommen wurden: schwarze, gelbe und weiße Frauen.
Und das bringt uns zu der Nichtjüdin Jael: sie rettete gemeinsam
mit Debora die israelitischen Nordstämme. Es liegt im Auge des Beschauers, ob
sie Verräterin oder Retterin ist. Nicht anders als bei der Hure Rahab von
Jericho, die sich für Israel entschied. Jael war stammesverwandt mit der
nichtjüdischen Frau des Mose (Num. 10,29). Sie entschied sich, den fliehenden
Feldherrn zu töten, so daß endgültig die Macht von Hazor gebrochen, die Gefahr
abgewendet war. Ihr Mann war der Verbündete jener Stadt. Aber ihre
Loyalität galt Debora.
Die jüdischen Meister kamen zur Überzeugung, daß Jael in Notwehr
handelte, als sie Sissera umbrachte. Das entnehmen sie dem Text in Ri. 5,7: die
dort gebrauchten sieben Verbformen sind: knien, liegen, fallen, zwischen ihren
Beinen. Daher die Meinung: "Der Schurke hat sie siebenmal vergewaltigt". (Bab.
Talmud, Jewamot 103a) Andere sagen: Gott selbst bezeugt, daß sie sich
rechtzeitig wehrte. (Midrasch Levitikus Rabba 23,10) Sie ist gesegnet "mit" oder
"durch" oder "mehr als die Frauen im Zelt" (Ri. 5,21): das sind die
Matriarchinnen Israels. Ihnen wird Jael als würdig zugesellt. Anstelle der
verlorenen Ehre der Jael - Kainsochter - spricht diese Midrasch-Tradition von
einer, die den Weg zu Israel gefunden hat, in jener "unkritischen Solidarität"
(Barbara Just-Dahlmann), deren die Bedrohten noch nach Jahrtausenden dankbar
gedenken.
Auszüge eines Vortrags zur Tagung "Frauengestalten der
Bibel", Hohenheim, Dezember 1991. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Rabbiner Prof. Dr. Nathan Peter Levinson
Prof. Dr. Pnina Navè Levinson, geboren 1921 in Berlin,
geflüchtet zusammen mit ihrer Familie nach Palästina 1935, erwarb 1952 als erste
Frau an der Jerusalemer Fakultät für Jüdische Studien den Doktorgrad. Zunächst
in Israel Redaktionsmitglied der Encyclopaedia Hebraica und Mitbegründerin der
ersten Liberalen Synagoge, kehrte sie in den 60er Jahren nach Deutschland zurück
und lehrte insbesondere an der Universität und Hochschule für Jüdische Studien
in Heidelberg. Neben ihrem Engagement im christlich-jüdischen Dialog widmete
sich Pnina Navè Levinson vor allem dem jüdischen Feminismus und war lange Zeit
die einzige namhafte jüdisch-feministische Theologin in Deutschland. 1998 starb
sie in Jerusalem. Zu ihren wichtigsten Werken gehören: "Einführung in die
rabbinische Theologie" (1982), "Was wurde aus Saras Töchtern? Frauen im
Judentum" (1989), "Eva und ihre Schwestern. Perspektiven einer
jüdisch-feministischen Theologie" (1992), "Esther erhebt ihre Stimme. Jüdische
Frauen beten" (1993).
|