Salean Maiwald
Konvertiten - oder: Wer ist am Jüdischsten in der Gemeinde?
[English]
Es darf pathetisch klingen: Daß ich zur richtigen Zeit am
richtigen Ort bin und hier in Berlin konvertieren konnte, löst immer noch die
schiere Freude in mir aus. Punkt. Daran können auch noch einige Kommentare von
jüdischen Freunden und Bekannten nichts ändern: "Nun bist du eine große Sorge",
"Willst du nicht auch noch eine Schwarze werden?" und: "Wenn du schon
konvertieren mußt, hättest du dir doch eine 'nettere' Religion aussuchen
können?".
Ich habe mir aber das Judentum ausgesucht.
Über die Gründe könnte ich einen Roman schreiben. Vielleicht
mache ich das auch einmal. Vorab ein paar Stichworte aus dem ungeschriebenen
Manuskript. Ich fühle mich oft als Archäologin im Geiste, mich interessieren
Wurzeln - und ich wollte zurück zur Ursprungsreligion mit ihrem reichen
rituellen Leben. Es bewegt mich, wie die Zeit eine andere Dimension erhält, wenn
auf einer Seite im Talmud Diskussionsteilnehmer aus verschiedenen Jahrhunderten
präsent sind durch ihre Beiträge in hebräischer Sprache. Immer wieder versetzt
mich der "Hebräische Sprachkörper", ich kann es nicht anders bezeichnen, in
Erstaunen. Das Hebräische mit seinen mystischen Dimensionen ist viel mehr als
eine Sprache. Doch ermöglicht die Sprache selbst als reines Mittel der
Kommunikation, daß Juden, ob Fremde oder Ansässige, sich in jeder Synagoge der
Welt heimisch fühlen können, da der Gottesdienst überall in Hebräisch
stattfindet.
Wo sie sich heimisch fühlte, wußte auch Ruth, eine der aktiven
Frauen in der Hebräischen Bibel, die mich ansprechen. Ruth beharrt auf ihren
Willen, ließ sich nicht wegschicken. Tamar "holte" sich, was ihr nach dem
Leviratsrecht zustand, ließ nicht zu, daß ihr Schwiegervater ihr Leben
zerstörte.
Wehmutstropfen: Werde ich nach meinen leiblichen Eltern gefragt
und sage offen, daß ich Wahljüdin bin, kommt manchmal ein zweifelnder Blick, ein
gedehntes "ach sooo...", und Trennwände drohen sich aufzurichten. Doch meist,
wenn ich dem Blick nicht ausweiche, und mein Gegenüber mich, oder die eigenen
Vorbehalte, blitzschnell abcheckt, kommt es zu einem vorsichtigen Lächeln. Das
Lächeln erstarrt mir allerdings, werde ich Zeuge des Spiels "Wer ist am
Jüdischsten in der Gemeinde?". Mitspieler: Wahljuden, Juden mit jüdischer Mutter
oder jüdischem Vater und - "reinrassige Juden". Als solchen bezeichnete sich
kürzlich ein junger Mann in einer Synagoge. Da fehlen mir erst einmal die Worte.
Salean A. Maiwald lebt als Schriftstellerin und Malerin in
Berlin.
|