Andrea Petö
Zerrieben zwischen Kommunismus und Zionismus
[English]
Vor 1944 gab es in Ungarn 152 jüdische
Frauenorganisationen, nach 1945 wurden sechzehn wiederbegründet. Ich fand
Unterlagen von acht von ihnen. Vier der Organisationen haben zwei
Auflösungsdaten. Das erste Datum liegt zwischen 1945 und 1947. Das ist wirklich
sehr interessant, denn die jüdischen Frauenorganisationen wurden gleichzeitig
mit verschiedenen Nazi-Organisationen aufgelöst oder verboten.
Es gab ein Gerücht in Ungarn, wonach jene
Organisationen, die ihre Aktivitäten nach dem Krieg nicht wiederbelebt hatten
bzw. keinen Antrag stellten, um bis zu einem bestimmten Stichtag ihre
Aktivitäten wieder aufzunehmen, verboten werden. Also wurden die jüdischen
Frauenorganisationen zusammen mit den rechtsgerichteten Organisationen verboten.
Dann kehrten überraschenderweise einige Jüdinnen und Juden, die deportiert
worden waren, zurück und wollten ihre unterbrochenen Aktivitäten fortsetzen. Der
zweite Zeitpunkt für die Auflösung war dann das Jahr 1950. Anfang 1950 kam die
Geheimpolizei in die Büros der jüdischen Frauenorganisationen, packte alles, was
sie fand, in Kisten und brachte diese in ein Geheimarchiv des Ministeriums für
Innere Angelegenheiten, das erst 1993 geöffnet wurde. Erst seit diesem Zeitpunkt
standen mir die Kisten für die Forschung zur Verfügung.
Wenn man auf die demographischen Daten der Frauen sieht, die an
diesem aktiven jüdischen Leben teilhatten, sehen wir, daß sie keiner beruflichen
Tätigkeit nachgingen. Sie machten keine Karriere als arbeitende Frauen. Sie
waren meist bei der Wohltätigkeit und bei der Verteilung der Hilfsgüter von
JOINT und UNWRA und anderer Organisationen aktiv. Ich würde sagen, ihr Ziel und
ihre Perspektive bestand im Hinblick auf die Erneuerung jüdischen Lebens darin,
sich irgendwie selbst zu reintegrieren, etwas von dem wiederherzustellen, was
verloren gegangen war, sich zu vernetzen und im ungarischen Leben erneut
akzeptiert zu werden. Sie waren in mindestens drei Organisationen Mitglied:
einer politischen kommunistischen oder sozialdemokratischen - Partei und neben
einem jüdischen Frauenverein in einer Frauenmassenorganisation oder einer
zionistischen Vereinigung.
Warum wurde diese Welt im Jahr 1950 ausgelöscht? Der erste Grund
ist die kommunistische Machtergreifung. Die jüdischen Frauenverbände wurden aus
zwei Motiven zerstört. Zum einen wegen der Religion, denn sie identifizierten
diese Organisationen als religiöse. Sie wurden daher gemeinsam mit den
katholischen, protestantischen und anderen Organisationen verboten. Das andere
Motiv bezieht sich auf die antikapitalistische Haltung der Kommunisten, denn die
Frauen, die sich in den jüdischen Frauenvereinen engagierten,
entstammten der wohlhabenden oberen Mittelschicht. Sie wurden als
Klassenfeinde angesehen. Also wurden sie, unmittelbar nachdem sie aus den
Konzentrationslagern heimgekehrt waren, wegen ihres sozialen Hintergrunds in
andere Internierungslager innerhalb Ungarns deportiert. Das zerstörte die
Grundlagen des Netzwerks, das sie nach 1945 sehr sorgsam und mit viel Erfolg
aufgebaut hatten. Ein zweiter Grund, warum die jüdischen Frauenorganisationen
untergingen, ist im Zionismus zu sehen. Es gab eine kurze Periode in der
Nachkriegsgeschichte des ungarischen Judentums, in der der Zionismus eine
wichtige Rolle spielte. Polizeiberichten aus dem Jahr 1950 zufolge waren die
Frauen, die sich früher in diesen Frauenvereinen engagierten, mittlerweile alle
nach Israel ausgewandert.
Zwischen diesen zwei Kräften, Kommunismus und Zionismus,
verschwanden die jüdisch-feministischen Vereinigungen, obwohl die Frauen gehofft
hatten, ihre sozialen Netzwerke zu erneuern, die für sie so wichtig für die
Reintegration in die ungarische Gesellschaft waren.
Dr. Andrea Petö studierte Geschichte und Soziologie und
promovierte in Zeitgeschichte. Sie unterrichtete mitteleuropäische
Nachkriegsgeschichte, Oral History und Frauengeschichte.
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