Lori Klein und Irene Reti
Oral History - spirituelles
Bezeugen
[English]
Irene Reti: Ich bin die Tochter von
Holocaust-Flüchtlingen aus Deutschland und Ungarn, die versucht haben, mich vor
ihrem Trauma zu schützen, indem sie mir nicht sagten, daß sie Juden waren. Mein
Lebensweg besteht in der Wiedergewinnung meiner Familiengeschichte aus dem
Schweigen. Es hat mir geholfen, meine Familie zu interviewen, um die Bruchstücke
unserer Geschichte in meinen Erinnerungen The Keeper of Memory wieder
zusammenzusetzen. Ich trat durch das Tor der Oral History und begab mich auf
eine spirituelle und kreative Reise. Das ist auch der Schwerpunkt meiner
beruflichen Tätigkeit an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz.
Was ist Oral History? Es ist gesprochene Erinnerung von
historischer Bedeutung. Sie erhellt, wie wir sowohl Geschichte machen als auch
durch Geschichte gemacht werden. Oral History ist so jung wie das Tonbandgerät
und die Videokamera, und so alt wie die Geschichten, die am Feuer gewispert
wurden. Denn Oral History ist keine Konversation, es ist eher ein gelenkter
Monolog.
Was unterschied unsere Familien von anderen Familien? Was sind
die wichtigsten Erinnerungen, mit denen wir aufgewachsen sind? Wer wurde in
unseren Familien ausgegrenzt? Wie hat uns die Schoa geprägt? Was ist die
Geschichte der Geschlechterrollen in unseren Familien? Schließlich, wie
definieren wir Familie? Definieren wir sie biologisch, oder denken wir uns die
Mitglieder einer Gemeinschaft als Familie?
An einem regnerischen Nachmittag in Berlin gingen zwölf jüdische
Frauen durch das Tor der Oral History und wurden füreinander zu Zeugen. Nach
einer Stunde nahmen wir Anteil an manchem von dem, was wir gehört hatten. Einige
von uns hatten solche Intimität noch nie erlebt. Bevor der Workshop zu Ende war,
gab es Tränen. Frauen, die einander nie zuvor getroffen hatten, getrennt durch
Land oder Ursprung, durch Sprache, Alter, sogar durch Kontinente, waren
überrascht, wie viel Geschichte uns gemeinsam ist.
Lori Klein: Ich gehöre der zweiten bis dritten Generation
amerikanischer Juden an, deren Eltern und Großeltern stolz ihre kulturelle
Identität als Juden betonten, sich jedoch vom religiösen und spirituellen
Bekenntnis meist abwendeten. In den letzten zehn Jahren war ich sehr damit
beschäftigt, kreative Rituale zu entwerfen. Für mich kann jede Gelegenheit,
eingeschlossen ein Workshop zu Oral History, von tiefer Spiritualität sein.
Den heiligen Rahmen unseres Workshops bildeten zu Beginn das
Schema und am Ende das heilige Feuer aller Buchstaben der Tora. In der
Tora-Rolle sind der Buchstabe Ain am Ende des Wortes Schema (Höre)
und der Buchstabe Dalet am Ende des Wortes echad (eins) größer
gedruckt. Zusammen bilden sie das Wort ed oder "Zeuge". Auf diese Weise
lernen wir, daß Zuhören, Zeugnis ablegen, für uns eine heilige Pflicht ist.
Nachdem wir mehr als eine Stunde damit verbracht hatten, uns
gegenseitig unsere Geschichten zu erzählen, war die Luft voll von weißem Feuer,
welches das schwarze Feuer der Buchstaben der Tora umgab.
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