Sylvia Rothschild
Mut zu neuen Liturgien
[English]
Als ich aufwuchs, haben mir meine Lehrerinnen und Lehrer sehr
deutlich vermittelt, daß der Begriff, der mein Judentum definiert, das Wort
Reform, in der Gegenwartsform steht und bewußt gewählt wurde, um einen
fortlaufenden Prozeß zu kennzeichnen. Historisch gesehen gab es im Judentum nie
ein monolithisch orthodoxes Judentum, das zu einem bestimmten Zeitpunkt
reformiert wurde. Das Judentum meiner Gemeinde war von lebendigem und
dynamischem religiösen Ausdruck. Meine Lehrer und Rabbiner wußten, daß der
Reformprozeß im Judentum ein kontinuierlicher ist und daß jeder in der Gemeinde
dafür verantwortlich war.
Als ich Judentum gelehrt bekam, spielten Worte wie prophetisch
und ethisch und verantwortlich eine wichtige Rolle. Meine Lehrer benutzten
auch den Begriff traditionell, waren aber ehrlich genug zu erkennen, daß es im
Judentum viele Traditionen gibt und wir dazu tendieren, jene zu bevorzugen, die
wir kennen und andere, die uns unbekannt sind, abzuwerten. Die Idee, auf
Menschen und ihre tatsächlichen Lebenszusammenhänge einzugehen, in gleicher
Weise wie es die Propheten taten, war für mich eine wichtige Lehre. Gleichzeitig
bracht man mir bei, Autorität zu respektieren, doch sie nicht unbedingt
kritiklos zu akzeptieren. Ein Begriff, der in dieser Konferenz für das verwendet
wurde, was wir als jüdische Frauen in unserem Leben tun können, war Mut. Ein
zweites wichtiges Wort war Pluralismus. Und es gibt ein drittes Wort, das ich
hinzufügen möchte: Verantwortung. Wir müssen ein Gefühl für unsere eigene
Verantwortung entwickeln, Judentum am Leben und bei guter Gesundheit zu
erhalten.
Ich bin eine leidenschaftliche Erfinderin und Schreiberin von
Liturgien. Wenn ich neue Liturgien schaffe, bin ich mir immer des Mutes bewußt,
dessen es bedarf, Dinge liturgisch zu erfassen, die nie zuvor auf solche Art und
Weise betrachtet wurden, und der vielen Möglichkeiten, wichtige Ideen und
Ereignisse auszudrücken. Und sehr bewußt ist mir, daß die Liturgie jüdisch sein
muß. Jüdische Formen und Ausdrücke, jüdische Strukturen, jüdische
Vorstellungswelten sollten darin verwendet werden; sie muß Jüdinnen und Juden
auf hohem Niveau ansprechen. Liturgie ist ein religiöser Ausdruck, nicht einfach
ein kultureller oder eine Art von Therapie. Sie muß eine Beziehung zu unserer
Geschichte und unserer Zukunft haben, aber auch für unsere augenblickliche
Situation wichtig sein. Ich bin mir dessen sehr bewußt, da Leute anfangen, mehr
und mehr über Liturgie zu sprechen, daß Liturgie eines der Dinge ist, die das
Judentum mit unserer besonderen Identität zusammengehalten hat. Heute morgen
habe ich hier am Gottesdienst teilgenommen, der ganz anders war als der
gestrige. Aber beide waren erkennbar Schacharit-Gottesdienste
[Morgengottesdienste]. Es war anders als das Schacharit, das meine Gemeinde in
England betet, und doch gab es Ähnlichkeiten und eine Verbindung. Es gibt etwas,
was uns beim Gottesdienst zusammenhält. Ich denke, das hat damit zu tun, wie wir
beten, welchen Strukturen wir folgen, mit der Geschichte, die wir einander
erzählen.
Die Liturgie ist nur ein kleiner Teil unserer jüdischen
Erfahrung, aber sie ist wichtig. Sie gestaltet unsere Identität und stärkt uns.
Sie sagt uns, was wir wirklich brauchen und erlaubt uns, einander zu sagen, was
wir tatsächlich glauben. Die Liturgie gestattet es uns, unser Judentum
auszudrücken und zu erleben. Sie macht es uns möglich, in den Dialog zu treten.
Es war mir ein großes Vergnügen, beim Liturgie Studium zu entdecken, wie wenig
Neugeschriebenes es tatsächlich gibt. Ich empfehle wirklich allen, sich einen
Siddur [Gebetbuch] mit Anmerkungen zur Geschichte der Gebete und ihrer Herkunft
zu besorgen. Es ist eine solche Genugtuung zu sehen, wie Juden über Jahrhunderte
Sätze aus den biblischen Büchern herausgezogen und anders verwendet, sie
umgedichtet oder in einen anderen Zusammenhang gestellt und so ein neues Gebet
geschaffen haben. Dialoge mit Gott zu entdecken, die für andere funktioniert
haben, diese in neuer und anderer Art zu verwenden, um den Dialog zu entwickeln,
der für uns funktioniert. Eines meiner Vergnügen besteht nicht so sehr im
Schreiben neuer Gedichte und Gebete, wenngleich ich das auch tue. Sondern darin,
im Tanach [hebräische Bibel] zu lesen und gerade den halben Vers zu finden, der
das sagt, was ich sagen möchte. Dann mich mutig und verantwortlich genug zu
fühlen und - wissend, daß ich mich innerhalb der rabbinischen Tradition bewege -
den halben Vers zu nehmen und ihn in einem neuen Rahmen einzufügen. Manchmal
sogar die ursprüngliche Bedeutung zu verändern und ihn aus dem Kontext
herauszulösen oder nicht alle Worte für den Satz oder Vers zu verwenden. Das ist
nichts Neues, dieser Prozeß ist so alt wie das jüdische Gebet, aber wir brauchen
heutzutage Mut, um unsere Texte zu nehmen und sie in neue Zusammenhänge zu
stellen. Wir müssen daran glauben, daß diese Texte uns gehören, daß sie zu uns
verschieden sprechen, daß sie etwas Neues zu sagen haben. Und wir brauchen das
Gefühl der Verantwortung für diese Texte, damit wir etwas Neues schöpfen können,
etwas Jüdisches, ein Gebet.
Die strenge Interpretation oder Übersetzung vieler unserer
heutigen Gebete kann abstoßend wirken. Das bedeutet aber nicht, daß wir uns von
der Liturgie abwenden müssen. Viele Liturgien, die heute geschrieben werden,
sind Liturgien von Frauen. Das ist sicherlich auf die Tatsache zurückzuführen,
daß uns die meisten Frauengebete verloren gegangen sind. Es ist nicht neu, daß
Frauen Gebete schreiben. Wir wissen, daß Frauen bis in biblischen Zeiten zurück
gebetet haben. Die Gebete von Frauen wurden aber nicht in gleicher Weise
weitergegeben wie die der Männer. Meist unbemerkt wurden sie eher selten
veröffentlicht, vielleicht in den handschriftlichen Anmerkungen von jemandem.
Daher ist wichtig, daß wir nicht nur damit fortfahren, neue Liturgien zu
schreiben, sondern daß wir diese auch in den öffentlichen Raum einbringen.
Frauen müssen in der Liturgie präsent sein. Als Rabbinerin und Verfasserin von
Gebeten und neuen Ritualen habe ich die Erfahrung gemacht, daß wir die
Verantwortung für die Umgestaltung und Neudefinition unseres Judentums in die
Hand nehmen müssen, sonst wird es zu einem musealen Ausstellungsstück, das wir
liebevoll konservieren und bei gelegentlichen Besuchen betrachten, das aber
keine Bedeutung für unser Leben und das unserer Kinder hat.
Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Irene Runge.
Sylvia Rothschild ist Rabbinerin der Bromley and District
Reform Synagogue in Südost-London und Vorsitzende der Rabbinic Assembly.
Mitherausgeberin von "Taking up the Timbrel. The
Challenge of Creating Ritual" (2000)
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