Elizabeth Tikvah Sarah
Die jüdische Familie ist tot. Lang leben die jüdischen
Familien!
[English]
Das Familienleben hat sich verändert und zu einem heterogenen
Phänomen gewandelt aber was ist mit dem jüdischen Familienleben? Es
sieht so aus, als gäbe es an der ultra-orthodoxen Front, besonders in der
chassidischen Welt, seit den Tagen des Stetl kaum Veränderungen. Was aber ist
mit den Juden, der übergroßen Mehrheit, die nicht
abseits der Mehrheitsgesellschaften leben? Die Geschichte des ersten Gemeindeseders [rituelles Mahl zum Pessachfest] in meiner Synagoge gibt eine
lehrreiche Antwort auf diese Frage. Es war eine nette, lebendige Feier, begangen
von einer sehr unterschiedlichen Gruppe von Mitgliedern, Freundinnen und
Freunden der Gemeinde unterschiedlichen Alters: geborenen Jüdinnen und Juden und
zum Judentum Übergetretenen, nichtjüdischen Partnern und Familienmitgliedern,
Kernfamilien, erweiterten Familien, Alleinstehenden, Paaren darunter nicht
weniger als eine lesbische Familie und zwei lesbische Paare. Zu dieser Mischung
gehört auch eine Gruppe von Stammgästen, die zu den Feiertagen in die Synagoge
kommen einige behinderte Erwachsene mit Lernproblemen, die an dem
ehrenamtlichen jüdischen Projekt Tikva teilnehmen, das in dieser Gegend
arbeitet.
Wie wir in England sagen: Alle hatten eine gute Zeit. Aber der
Subtext zu diesem glücklichen Treffen ist komplexer. In dieser großen Nacht des
Fragens wurde ich mir meiner eigenen Fragen gewahr: Was taten wir hier an dieser
ersten Pessachnacht? Warum waren die Anwesenden nicht zu Hause und leiteten ihre
eigenen Sedarim? Warum nahmen sie nicht an einem häuslichen Familienseder bei
jemand anders teil? Natürlich mußten die Antworten auf diese Fragen genauso
unterschiedlich ausfallen wie die Zusammenkunft selber, und das führte dazu, daß
ich weitere Fragen erwog: Fehlte es einigen an notwendigem Wissen und
Selbstvertrauen, um einen eigenen Seder zu organisieren? Hatten andere ganz
einfach keine Familie, die sie einladen oder zu der sie gehen könnten? Da ich
meine Fragen nicht laut aussprach, konnte ich die möglichen Antworten nur
vermuten. Aber eins war klar: Aus vielerlei Gründen hatten sich 70 Menschen -
ungefähr 25 Prozent der Gemeinde - dafür entschieden, in die Schul [Synagoge] zu
kommen und hier den Seder gemeinsam zu feiern. Tatsächlich, das zeigte die Liste
der Anmeldungen, hätte das Treffen noch größer ausfallen können, doch wir waren
nicht in der Lage, mehr als 70 Menschen im Synagogensaal unterbringen.
Meine Bemerkungen über die Vielfalt bei diesem Treffen sind
vielleicht ein wenig irreführend. Obgleich Kinder anwesend waren, gab es
insgesamt nur zehn Jugendliche insgesamt, und wenngleich die Altersspanne bis
über 80 Jahre reichte, zeigte sich eine deutliche Kluft in den Altersgruppen
zwischen zwölf und Dreißig-Plus. Meine Beobachtungen zur der Altersstruktur
führten zu einigen weiteren unausgesprochenen Fragen: Feierten die jungen
Kernfamilien, die nicht gekommen waren, den Seder zu Hause oder mit anderen
Kernfamilien? Waren die jungen Erwachsenen, die beim Gemeindeseder fehlten, bei
ihren Familien oder feierten sie vielleicht anderswo Pessach? Als ich jung war,
gab es kaum Gemeindeseder - und noch seltener einen Gemeindeseder am ersten
Abend. Was also hat sich in den letzten dreißig oder mehr Jahren geändert?
Lassen Sie mich vom zweiten Pessachabend erzählen, den ich in
der zweiten Pessachnacht geleitet habe und den die vor fast dreißig Jahren
gegründete jüdische lesbisch-schwule Gruppe in London organisiert hat. Dieser
Seder wurde speziell veranstaltet, um einen Raum für jüdische Lesben und Schwule
zu schaffen, die oftmals von ihren Familien ausgeschlossen, ignoriert oder
marginalisiert werden, um gemeinsam - im Geiste von Pessach als freie Menschen
zu feiern. Aber dieser Seder war mehr als das. Wie ein Sprecher der Gruppe es in
einem Artikel im Jewish Chronicle ausdrückte: Wir betrachten unsere Gruppe
als eine Familie... Unser Seder untermauert die Tatsache, daß wir eine
alternative Familie sind.
Innerhalb der letzten dreißig Jahre, seitdem lesbische und
schwule Juden begannen, aus den versteckten Winkeln und Ritzen ihrer ansonsten
normalen jüdischen Familien herauszukommen, sind die entstehenden Gemeinden
jüdischer Lesben und Schwuler alternative Familien geworden, die Liebe,
Unterstützung und ein tiefes Gefühl von Verwandtschaft bieten. Der
interessanteste Aspekt bei dieser Entwicklung ist , daß der Familiensinn in dem
Maße größer wurde, wie die Vielfalt der jüdischen schwul-lesbischen Gemeinde
sichtbarer geworden ist. Im Gegensatz zu dem, was vermutet werden könnte, war
dieser zweite Sederabend eine sehr heterogene Gesellschaft. Jüdinnen und Juden
aller und keiner Richtung waren dabei, Frauen und Männer unterschiedlichen
Alters, Alleinstehende und Paare und auch zwei Kinder. Genauso deutlich wie
die Kontraste waren die Ähnlichkeiten zwischen den Zusammenkünften am ersten und
zweiten Abend: Während einerseits an beiden Sederabenden mehr Erwachsene als
Kinder teilnahmen und Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Zwanzigern und
Dreißigern fehlten, hatten andererseits bei beiden Sederabenden Individuen sich
bewußt dafür entschieden, dabei zu sein, und es gab spürbar das Gefühl von einer
vielschichtigen Gruppe, die gemeinsam als Familie feierte.
Individuen treffen bewußt eine Wahl, verschiedene Gruppen feiern
gemeinsam als Familie. Ich möchte diese zwei Konzepte, diese zwei Realitäten, in
unserem Bewußtsein festhalten, damit wir die Auswirkungen dieser auf den ersten
Blick eher unwahrscheinlichen Kombination betrachten könnte. Das Einhalten von
Pessach durch die Generationen hindurch und die Beachtung aller Praktiken, die
jüdisches Leben definieren, wurzelt in der Verpflichtung, Gott zu dienen, der
unser Volk aus ägyptischer Sklaverei befreit hat. Das bedeutet natürlich, daß
die Verpflichtung, Pessach einzuhalten, in gewisser Weise die Verpflichtung
beinhaltet, unsere Existenz als jüdisches Volk zu definieren. Die Tora
zitierend, legt die Haggada [Erzählung vom Auszug aus Ägypten] diese
Verpflichtung in eindeutiger Weise fest: Du sollst deinem Kind an diesem Tage
erzählen, daß dies um dessen willen geschieht, was der Ewige für mich getan, als
er mich aus dem Lande Ägypten herausführte (Deut. 6:23). Jedes Elternteil ist
verpflichtet, dies seinem Kind zu erzählen das ist das Modell. Aber jetzt
haben wir ein neues Phänomen: Individuen treffen Entscheidungen, Individuen
wählen, gemeinsam mit anderen zu feiern, mit denen sie ein Gefühl von
Verwandtschaft verbindet, das nicht auf biologischen Wurzeln beruht.
Und selbstverständlich sind jene, die entscheiden, am
Gemeindeseder teilzunehmen, nicht die einzigen, die eine Wahl treffen. Es gibt
auch solche, die weiterhin zu Hause feiern oder bei Verwandten oder Freunden.
Und es gibt diejenigen, die es vorziehen, nicht zu feiern. Manche der
sich Entscheidenden fühlen sich ohne Zweifel noch immer verpflichtet,
nichtsdestotrotz treffen sie ihre Wahl. Und es liegt in der Natur des Wählens,
daß eine Entscheidung nicht für alle Zeiten gilt. Es ist ein dynamischer Prozeß.
Wir können uns was die Teilnahme an einem Seder angeht - verschieden
entscheiden. Und das gleiche gilt für die biologischen Verbindungen, die wir
schaffen und brechen, für die alternativen Familien, denen wir uns anschließen
und die wir verlassen. Trotz einer feststehenden Tradition, die von den frühen
Rabbinern vor fast 2.000 Jahren kodifiziert worden ist, liegt mit der Familie -
ledor vador, von Generation zu Generation - die Fortsetzung jüdischen Lebens
in den Händen wählender Individuen.
Das aber bedeutet nicht, daß die jüdischen Gemeindestrukturen
überflüssig sind. Aufgrund meiner Erfahrungen ist mir bewußt, daß der
Gemeindeseder nicht nur eine Metapher für das heutige jüdische Leben ist und ein
Schauplatz, auf dem die Veränderungen der jüdischen Familienmuster für alle
sichtbar dargestellt werden. Er veranschaulicht auch dramatisch, wie sich die
Gemeinden selber in Reaktion auf die Veränderungen innerhalb der
jüdischen Familien wandeln. Weil das Heim für eine wachsende Zahl von Jüdinnen
und Juden nicht mehr Fundament jüdischen Lebens ist, weil die biologische
Familie für viele nicht mehr der Ort starker jüdischer Bezüge ist, wenden sich
Individuen, Paare und Familien Gemeinden, Gemeinschaften und Chawurot
[Freundeskreise] zu, um diese nährenden und verbindenden Funktionen zu füllen.
Und so werden Synagogen, deren Aktivitäten sich traditionell auf Gebet,
Lernen und Zusammenkünfte beziehen, jetzt herausgefordert, neue Rollen als
erweiterte Familien und jüdische Heime für ihre Mitglieder,
Freundinnen und Freunde zu entwickeln.
Das bedeutet, daß die Forderungen an die Gemeinden nach Familie
und Heim weitreichender sind als ein jährlicher Gemeindeseder. Eines der besten
Beispiele aus meiner Erfahrung ist die Entwicklung von Erew
[Abend]-Schabbat-Gottesdiensten und gemeinsamen Mahlzeiten die nicht nur in der
Synagoge, sondern auch in den Wohnungen von Mitgliedern stattfinden. Ich weiß
von einer wöchentlichen Zusammenkunft innerhalb meiner Gemeinde, die
Alleinstehende und Paare, die älter als sechzig Jahre sind, umfaßt. Jede Woche
findet es in einer anderen Wohnung statt, und jede Person, die teilnimmt, bringt
etwas zu essen mit. Nicht nur, daß sie das Erew-Schabbat-Essen miteinander
teilen, sie unterstützen sich gegenseitig. Oder, wie jemand zu mir sagte: Wir
sind füreinander da, wir sind wie eine Familie so, wie eine Familie sein
sollte.
Natürlich sind es nicht nur Gemeinschaften, Gemeinden und
Chawurot, die damit beginnen, neue Formen der jüdischen Familie und des
jüdischen Heims zu entwickeln. Sogar eine eher weniger verwurzelt erscheinende
Struktur wie die von Bet Debora schafft einen Zusammenhang, in dem neue
Bindungen, neue Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Individuen mit
verschiedenen Vergangenheiten und persönlichen Umständen geschmiedet werden.
Weil die Wirklichkeit jüdischen Familienlebens heute bedeutet, daß jenseits der
Reparatur gebrochener Familien Jüdinnen und Juden in vielfältigen Familienformen
leben und schaffen.
Wie meine Bemerkungen deutlich machen, haben die vielen, vielen
Familientypen biologische, nichtbiologische - und eine Mischung aus beiden -
wie auch ein Phänomen wie Bet Debora - wesentliche Merkmale gemein: Jede Familie
unabhängig von ihrem Profil geht Beziehungen miteinander ein. Jede bildet
einen Ort für geteilte Sorge, für gegenseitige Unterstützung und für
Zugehörigkeit, jede einzelne bringt jüdischen Leben hervor. Die jüdische
Familie ist nicht verschwunden. Sie hat sich zu zahllosen Formen gewandelt.
Einzig für immer verloren gegangen ist das hoffe ich der Mythos, daß die
Familie, jüdisch oder auch nicht, ein monolithischer Block sei. So können wir
meiner Meinung nach mit Zuversicht sagen: Die jüdische Familie ist tot. Es leben
die jüdischen Familien!
Rabbinerin Elizabeth Tikvah Sarah
arbeitet als Dozentin am Leo Baeck College,
wo sie das rabbinische In-Service Training Team leitet, sowie als Rabbinerin an
der Brighton and Hove Progressive Synagogue. Zahlreiche Veröffentlichungen.
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