Boris Schapiro
"Zelem Elohim" und die Bindungsfähigkeit des Menschen
[English]
Grußwort zur Eröffnung der Tagung
Wenn wir über Mythos und Realität der jüdischen Familie
sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß Gott zuerst den Menschen erschuf und
dieser auf seinem Entwicklungswege ein Reifestadium erreichte, mit dem Schöpfer
in eine vertragliche Beziehung zu treten und über mehrere Entwicklungsstufen des
Vertrages zwischen Mensch und Gott durch den Empfang der Gesetzeslehre und
Praktizierung dieser Lehre in seiner Lebenswirklichkeit Jude wurde. Die Bindung
der Familie ist ein allgemein menschliches Phänomen und die Bindungsfähigkeit
ein großartiges Geschenk, die eben einen wichtigen Aspekt des Menschseins
ausmacht.
Das Jüdische in der Familie ist daher die Sichtweise und die
Formgestaltung davon, was für das Menschsein zentral ist, nämlich den Bund zu
schließen und ihn mit Liebe zu füllen. Zur jüdischen Sicht auf die Familie
gehört deswegen ein besonderes Aufmerk darauf, was der eigentliche Mensch ist.
Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten aus jeweils verschiedenen -
allemal jüdischen - Perspektiven:
-
Aus der politischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das Staats- und
Gemeinleben bildet und pflegt und die Entscheidungen des Einzelnen den
Entscheidungen der Gemeinschaft unterordnet.
-
Aus der psychologischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das
Vernunft besitzt und auf deren Basis Sinnbildung für sich als Individuum und für
die ganze Gemeinschaft betreibt.
-
Aus der philosophischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das die
Würde besitzt und die Würde des Anderen achtet.
-
Aus der religiösen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das nach Gottes
Vorbild als Mann UND Frau erschaffen wurde. Dieses Prinzip und das Verständnis
des Menschen heißt nach den Worten der Tora Zelem Elohim [Ebenbild
Gottes]. Nicht "Mann" und nicht "Frau" für sich können Ebenbild Gottes sein.
Höchstens der Götzen. Daher versteht die jüdische Tradition unter dem Bild des
Menschen und Gottes eine Qualität, die nicht tastbar, nicht riechbar, nicht
sichtbar und nicht fühlbar, jedoch erfahrbar ist.
Was ist es im Zelem Elohim, was keine sinnlichen und
sensorischen Merkmale hat und doch erfahrbar ist? Es ist die Eigenschaft, Idee
zu sein, und die Fähigkeit, Bindung zu gestalten. Für den Menschen macht das das
UND. Es ist das Sinnbild der Familie, die im kleinsten den Menschen und die Welt
des Menschen darstellt und deren Wirkung Liebe intendiert und die Praxis der
Menschlichkeit bedeutet.
Ich begrüße Bet Debora und gratuliere den Organisatorinnen
dieser Tagung, die das Zentrale am Menschsein und Menschwerden, die erste Quelle
des Lebens, der Erziehung, der Gemeinwesen- und Vernunftbildung, der Würde und
des Segens aus der jüdischen, aus der weiblichen, aus der menschlichen
Perspektive in der Moderne neu und zugleich traditionsbezogen zu Bewußtsein
bringt.
Dr. Boris Schapiro ist Mitglied des Vorstandes der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin
|