Dagmar Schwermer
Von Salon keine Spur
Der Jüdische Frauenbund nach
1945
[English]
Als der Jüdische Frauenbund nach seinem Verbot durch die
Nationalsozialisten im Jahre 1938 Anfang der 50er Jahre neu begründet wurde,
halfen die dort organisierten Frauen vor allem, die Not nach der Schoa zu
lindern. Aber die Frauen gewannen auch politisch neue Kraft. Drei
Mitbegründerinnen - Ruth Galinski, Inge Markus und Lilli Marx berichten im
Gespräch mit Dagmar Schwermer über den Wiederanfang des Frauenbundes.
Dagmar Schwermer: Was war
die Rolle des Jüdischen Frauenbundes nach dem Krieg?
Ruth Galinski: Wir mußten
die Zurückgekommen aus den Lagern, aus den KZs einbinden, denn alle waren
verzweifelt, waren kaputt. Deswegen haben wir eine Frauengruppe errichtet, um
diesen Menschen etwas Halt und Wärme zu geben. In den Anfangsjahren war das
zunächst das wichtigste.
Wie stand es um den Kontakt
unter den Frauen selbst, gab es eine besondere Gesprächskultur?
Inge Markus: Von Salon keine Spur! Die Leute haben sich
kennengelernt, jeder hat von seinem Schicksal erzählt. Man hat wieder ein bissl
Hoffnung geschöpft. Wir waren wirklich weit entfernt von einem Salon, wir
wollten keine Rahel Varnhagen, nein, so etwas gibts auch nicht mehr. Wir waren
ja überhaupt nur 5.000, 6.000 jüdische Mitglieder damals in den jüdischen
Gemeinden, und eine Frauengruppe mit 500 Mitgliedern war schon enorm. Leider hat
sich das nicht gehalten, durch die Überalterung vor allen Dingen.
Ruth Galinski: Nicht zu
vergessen: Es waren damals hauptsächlich Alleinstehende, die überlebt hatten.
Wie informierten Sie sich
untereinander? Frau Marx, Sie redigierten schon damals eine Zeitung eigens für
die Frauen der Gemeinden.
Lilli Marx:
Das war das
Mitteilungsblatt des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland mit dem Titel Die
Frau in der Gemeinschaft. Wir glaubten damit allumfassend zu sein. Unser Ziel
war, die Sozialarbeit, die staatsbürgerliche Bildung, das Interesse der Frau an
der Politik, das Interesse und die Mitarbeit für und über Israel auf unser
Panier zu schreiben, und vor allem den Frauen klar zu machen, wie wichtig es
ist, nicht nur Sozialarbeit, sondern die andern Dinge auch nicht zu vergessen.
Wir hatten das große Glück, daß wir die zum Teil 16-seitige Zeitung zwar
sporadisch, aber auf Kosten der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung herausgeben
konnten. Unsere Zeitung wurde der Allgemeinen beigelegt und fand damit große
Verbreitung.
Sie haben am Anfang betont, die
Frauen Ihrer Gemeinschaft hätten vor allem soziale Aufgaben erfüllt. Der
ursprüngliche Frauenbund vor Krieg und Schoa vertrat durchaus modernes
Gedankengut. Spielten feministische Gedanken bei Ihnen später wieder eine Rolle?
Ruth Galinski:
Also damals
war von Feminismus noch gar keine Rede. Wir mußten überleben und wir mußten
aufbauen. Außerdem waren wir, soweit ich das erinnere, sehr selbstbewußt als
Frauen. Wir hatten gar nicht das Gefühl kämpfen zu müssen. Religiös ist es
natürlich eine andere Sache, aber das ist die Meinung jedes einzelnen. Der eine
ist orthodox, der andere ist liberal.
Was hat sie so stark gemacht?
Ruth Galinski
Mich hat stark
gemacht, Punkt eins, daß ich überhaupt überlebt habe, das hat mich stark
gemacht, und daß ich wieder neu anfangen konnte. Ich heiratete, ich bekam einen
starken Mann, das hat mich auch etwas stark gemacht.
Ihre Arbeit, Frau Galinski und
Frau Marx, ist verknüpft mit der ihrer bekannten Männer. Der eine, Heinz
Galinski: langjähriger Präsident der Berliner Gemeinde und
Zentralratsvorsitzender. Der andere: Karl Marx: Publizist und Herausgeber des
Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung. Was war Ihre Rolle an der Seite dieser
Ehemänner?
Ruth Galinski: Mein Mann
hatte zum Beispiel das Gefühl, daß er stärker ist, wenn ich bei ihm bin. Er
verlangte immer, daß ich mitging. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel, wenn wir
abends nach Hause kamen, haben wir uns immer noch hingesetzt mit einem Glas Wein
und haben uns unterhalten. Das spielt auch eine große Rolle - dieses
gegenseitige Mitteilen.
Lilli Marx: Ich kann das nur
unterschreiben. Ich war zwar eine der ganz wenigen berufstätigen jüdischen
Frauen, in Düsseldorf gabs nur zwei. Außer mir, eine Freundin, Kinderärztin,
die aus Israel zurückgekommen war. Wir haben schon in der Emigration in England
zusammengearbeitet. Ich habe ungeheuer viel von meinem Mann gelernt. Und lernen
dürfen. Und es war nie ein Bedarf des Kämpfens, ganz im Gegenteil. Er hat
unerhört viel Verständnis gehabt für Frauenarbeit, und fand es wichtig genug,
daß man sie tut.
Die Arbeit des Frauenbundes war
nicht auf Deutschland beschränkt, Sie besuchten bald wieder Tagungen des
International Council of Jewish Women. Welche Erfahrungen machten Sie dort?
Inge Markus: Diese
internationalen Treffen war schon wahnsinnig interessant. Rein persönlich waren
wir sehr gut miteinander, wenn auch in den Hinterköpfen... Die meisten sagten, o
Gott, die kommen aus Deutschland. Wie können die da wieder leben? Oder wie
konnten die dahin zurückkehren? Wie ich, die ich noch dazu aus dem Exil England
zurück war. Die haben das schwer verstanden. Aber wir haben Ihnen das Dilemma
mit einem lustigen Reim klarzumachen versucht:
We are two
boys from Germany
They call us
Max und Moritz
Whereever we
come on the scene
Were always
having Zorres
But we dont
think we need excuse
To live in
Germany
Because,
remember, we are Jews
Where ever we
may be.
Uns hat die Arbeit damals
wahnsinnig interessiert. Es war so vielseitig - und brachten das natürlich
unseren Frauen mit und erzählten ihnen etwas aus der großen freien Welt.
Auch sonst: Für mich war die Frauengruppe ein Sprungbrett.
Ich war damals verhältnismäßig jung, hatte gerade mein drittes Kind bekommen, da
kam Heinz Galinski zu mir und sagt: Inge, ich möchte gerne, daß Du Dich
aufstellst für die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde. Ich sagt, wie kann ich
das? Ich bin mit einem kleinen Kind. Ach, das machen wir schon alles. Ja warum?
Weil wir eine große Menge Frauen hinter uns hatten.
Wie sehen sie die Aufgabe einer
Frauenorganisation heute?
Lilli Marx:
Ich glaube, daß
die Integrationsarbeit in unserer Generation auf fruchtbaren Boden fiel. Wir
fühlten uns einfach verpflichtet, der Gemeinde zur Verfügung zu stehen. Worunter
wir heute alle in allen Organisationen sehr leiden, daß sich junge Frauen heute,
die eine herrliche Berufsausbildung haben, nicht mehr zur Verfügung stellen. Von
sich aus. Das ist immer eine ziemlich Kraftanstrengung, junge Frauen zu
gewinnen.
Ruth Galinski:
Also meines
Erachtens haben sich die Frauenverbände überlebt. Heute gibt es berufsständige
Frauenorganisationen oder akademische, oder was sie wollen, aber die üblichen
alten Frauenvereine sind nicht mehr in.
Bet Debora setzt sich für die
Gleichbehandlung von Frauen im Ritus ein. Wie haben Ihnen die von Frauen
gestalteten Gottesdienste bei der Tagung gefallen?
Lilli Marx: Ich war gestern
und heute zutiefst beeindruckt. Es war seit etwa 54 Jahren mein erster Liberal-
bis Reform-Gottesdienst, den ich miterlebt habe. Ein wundervoller Gottesdienst.
Die gleichzeitige Veröffentlichung des hebräischen Textes, des deutschen und des
englischen hat mich ebenfalls tief beeindruckt. Ich konnte nämlich mitlesen, was
ich sonst in Düsseldorf nicht kann.
Dagmar Schwermer ist Journalistin in München. Ruth Galinski und
Inge Marcus wohnen in Berlin, Lilli Marx lebt in Düsseldorf.
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