Natalja Sharandak
Der jüdische Großvater
[English]
Jede Familie hat ihre Geheimnisse. In unserer Familie war die
Herkunft meiner Mutter ein solches Geheimnis. Wer war mein Großvater? Ein Dieb
oder gar Mörder? Nein, er war einfach nur - Jude. "Das Unglück aber hast du,
weil du den Stern trägst", schreibt Ilja Ehrenburg über das ewige jüdische
Schicksal. Auf meine Mutter fiel so die Hälfte dieses Unglücks, auf mich nur ein
Viertel.
Dieser Essay soll Versuch sein, die Geschichte der Familie
meines Großvaters zu rekonstruieren. Ebenso soll die Frage beantwortet werden,
wie es dazu kam, daß sich so mancher in der Sowjetunion - einem Staat, der die
Gleichberechtigung aller Nationen verkündet hatte - in der Situation wiederfand,
seine Herkunft verleugnen zu müssen.
Wie die Mehrzahl der Juden Osteuropas stammt auch der Vater
meiner Mutter, Oskar (Ojzer) Berljand (*1887) aus einem Stetl, in dem Juden das
Recht auf Ansiedelung hatten. Sein Großvater, mein Ururgroßvater, Schimon war
ein Vertreter der jüdischen Aufklärung, der Haskala, der sich für die Zulassung
der jüdischen Bevölkerung zum europäischen Schulwesen eingesetzt hatte.
Die Ansichten von Schimons Sohn Semjon, meines Urgroßvaters,
waren ebenso progressiv. Alle seine Söhne erhielten eine solide Ausbildung -
trotz der berüchtigten Zulassungsbeschränkung zu Hochschulen für die jüdische
Bevölkerung.
Die Existenz der Familie Berljand, wie auch die vieler anderer
ähnlicher jüdischer Familien, wurde jedoch durch den zügellosen Antisemitismus
zu Zeiten der Regentschaft Zar Nikolaj II. empfindlich gestört. Höhepunkte der
antijüdischen Kampagne wurden die vom Zar angeordneten Pogrome während der
ersten russischen Revolution im Jahr 1905.
Mein Großvater Oskar Berljand und sein Bruder Alexander, genannt
Sascha (Isril, *1890 ), der nach dem Tode Oskars meiner Mutter den Vater und mir
den Großvater ersetzte, - die beiden jüngsten der Familie - waren
unzertrennlich. Für einige Zeit jedoch trennten sich ihre Wege, Oskar studiert
in Moskau, Sascha beginnt sein Studium an der Fakultät für Chemie und Pharmazie
der Kiewer Universität, das er im russischen Schicksalsjahr 1917 beendet. Mein
Großvater und sein Bruder interessierten sich nur wenig für Politik. Wie so
viele andere versuchten sie während der Zeit von Revolution und Bürgerkrieg
einfach nur zu überleben. Doch gerade für Juden war das Überleben unter diesen
Umständen nicht sehr leicht. Eine fürchterliche Welle von Pogromen erfaßte die
gesamte Ukraine.
Die sowjetische Macht gewährte der jüdischen Bevölkerung
zunächst den Zugang zu Bildungsanstalten und gesellschaftlichen Bereichen, die
ihr früher verschlossen waren. Oskar ergibt sich seiner Neigung zum unsteten
Leben. Sein Beruf bringt ihn nach Petrograd, wo ihn das Schicksal mit meiner
Großmutter zusammenführt, einer jungen Estin namens Lilian, Bibliothekarin von
Beruf. Alexander beendet sein Studium am Institut für Medizin, schreibt seine
Promotion und Habilitation, wird Professor für Medizin.
Bald jedoch schon zeigte sich, daß der Antisemitismus keineswegs
verschwunden war. Der Kampf gegen die Gefahr der "jüdischen Vorherrschaft" wird
zur Generallinie der Partei und der sowjetischen Machthaber; doch dieser Kampf
wurde schweigend geführt, mit Hilfe geheimer Direktiven und Befehle. Die
Selektion wurde erleichtert durch den 1932 als "fünfter Punkt" des überall
vorzulegenden Personalbogens und des Passes eingeführten Paragraphen der
"Nationalität", wobei "jüdisch" in der Sowjetunion als
Nationalitätszugehörigkeit aufgefaßt wurde.
Alexander Berljand hatte in der Lotterie des Lebens ein gutes
Los gezogen. Er überlebte nicht nur, sondern konnte auch seinen
Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, ohne jedoch seine Prinzipien zu opfern. Er
hatte angesehene Posten inne und war doch bis zum Lebensende nicht
Parteimitglied, was in jenen Jahren nicht eben einfach, sondern überaus
verdächtig war.
Der Krieg begann. Anfang Herbst 1941 droht Kiew die Okkupation
durch die Deutschen. Das Medizinische Institut, an dem Alexander der
Allgemeinmedizinischen Fakultät vorstand, bot ihm die Evakuierung an. Wer weiß,
ob er und die Kinder seines Bruders Oskar, meine Mutter und mein Onkel, sonst
nicht auch am Abgrund der Schlucht Babi Jar gestanden hätten.
Im Jahr 1948 kam ich zur Welt. Ich erlebte eine glückliche
Kindheit. Erst Jahre später habe ich verstanden, daß diese für mich so
ungetrübte Zeit für die sowjetischen Juden "dunkle Jahre" waren. Der Gipfelpunkt
der von Stalin entfachten Verfolgung der Juden wurden die Ärzte-Prozesse.
Als die Hexenjagd begann, trat Alexander Berljand selbst an die
Direktion seines Instituts heran und bot die Kündigung seiner Tätigkeit an, man
antwortete ihm jedoch, er könne seine Arbeit weiterführen. Einige seiner
Patienten zogen es vor, die Dienste des verdächtig gewordenen jüdischen Arztes
nicht mehr in Anspruch zu nehmen.
Abschluß der antisemitischen Kampagne sollte die Ausweisung der
Juden aus den europäischen Teilen der Sowjetunion werden (obwohl eine Reihe von
Wissenschaftler diese Version anzweifeln). Doch ein Wunder sollte die Juden
retten. Dieses Wunder war der Tod des Diktators.
Zwei Jahre darauf starb Onkel Sascha. Einige Zeit später wurden
jüdische Gräber des Friedhofes, auf dem er begraben ist, geschändet. An seinem
Grabstein wurde die Nase seines Relief-Porträts abgeschlagen. Meine Mutter sah
dies als Anlaß, zur Verteidigung überzugehen. So begann die Geschichte der
"Psychose" meiner Mutter, die langsam aber sicher auch mich erfaßte.
Die Entwicklung unserer "Psychose" wurde durch den aggressiven
Antisemitismus der Breschnew-Ära ermöglicht. Im Streben, ihrem Kind die
"Behinderung" bezüglich des "fünften Punktes" zu ersparen, ließen Eltern mit
Kindern aus "Mischehen" in die Geburtsurkunde die vorteilhaftere Nationalität
des nicht-jüdischen Elternteils eintragen.
Ich hatte Glück mit den Lehrern. Sie schafften uns Kindern eine
menschliche Atmosphäre. Schon früh jedoch begannen meine jüdischen
Klassenkameraden zu begreifen, daß sie in dem Land, das sie für ihre Heimat
hielten, nur Stiefkinder waren. Ihr "Versagen" bei den Aufnahmeprüfungen zur
Universität oder anderen prestigevollen Instituten war von den Bewahrern der
sowjetischen Wissenschaft vorherbestimmt, die das "Eindringen jüdischer Kräfte"
zu verhindern wußten.
Was meinen jüdischen Altersgenossen unmöglich war, wurde für
mich Wirklichkeit. Ich konnte ein Studium an der Kunst-Akademie in Leningrad
beginnen. Es gab jedoch immer noch Anlaß genug, meine Familiengeschichte wenn
möglich zu verheimlichen. In dem Museum, in dem ich lange Jahre arbeitete, waren
genügend offene oder versteckte Antisemiten.
Eines Tages jedoch wollte ich nicht mehr von den Antisemiten als
eine der ihren verstanden werden, denn ich begriff, daß kein Grund besteht, mich
meiner jüdischen Herkunft zu schämen. So entstand die Idee, in einem Buch die
Biographie meiner Familie zu erzählen, woran ich zur Zeit arbeite.
Natalja Sharandak, geboren in Kiew, ist
Kunstwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Filmemacherin. Sie lebt in Berlin.
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