Nelly Shulman
Das jüdische Wunder
[English]
In den Nachfolgestaaten der UdSSR müssen wir die Menschen von
Grund auf ausbilden. Viele wissen nicht, was Schabbat, Chagim [Feiertage],
Aleph-Beth [hebräisches Alphabet] usw. ist. Und erst etwas später können wir
dann Ideen wie Verantwortung, Pluralismus, Inklusivität, etwa das Einbeziehen
von Menschen am Rande der Gesellschaft, einbringen und Mut.
Es gibt wahrhaftig eine Menge Mut! Als ich anfing, als
Rabbinatsstudentin in Minsk zu arbeiten aufgewachsen bin ich in St. Petersburg
da überraschte mich, wie viele Menschen ihre Jüdischkeit angenommen hatten und
sich dementsprechend zu verhalten begannen. Ich war verblüfft, wie viele
Menschen es vorzogen, sich nicht zu verstecken, was ein sehr gutes Zeichen ist!
Jeden Tag kommen Menschen in meine Gemeinde, die sich entschlossen haben, ihre
jüdische Identität wieder zu entdecken. Viele von ihnen versteckten ihre
Jüdischkeit in den kommunistischen Jahren, und viele haben noch immer Angst,
sich selbst als Juden anzunehmen. Wir müssen ihnen Tag um Tag sagen: Seid mutig!
Seid ehrlich euch selbst gegenüber! Sage: Ich bin jüdisch. Wenn wir nicht so
viele Menschen hätten, die mutig sind, gäbe es in Weißrußland keine
Reformbewegung, hätten wir hier keine 18 Gemeinden. Und wir hätten nicht nahezu
100 Reformgemeinden in der früheren Sowjetunion wenn nicht durch die Menschen,
die mutig sind.
Wer heute in den GUS-Staaten in das organisierte jüdische Leben
einsteigt, trägt schweres Gepäck. Oft ist es die falsche Familie ob es eine
gemischte Ehe ist oder ob du halachisch nicht ganz jüdisch bist. Menschen, die
dreißig Jahre und älter sind, kommen mit Erfahrungen unter dem kommunistischen
Regime, mit der Erfahrung des Versteckens, nicht in der Lage zu sein, plural,
frei, offen und ganz ihre Meinung ausdrücken zu können. Zumeist kommen sie und
wissen noch nicht, was Jüdischkeit für sie bedeutet - ob sie Juden sein wollen
oder nicht. Wir arbeiten täglich mit ihnen machen sie zu jüdischen Menschen.
Ich arbeite seit drei Jahren unter nicht gerade einfachen
Bedingungen für die Reformgemeinde Minsk. Das Leben ist schwer, die Regierung
des Landes steht der jüdischen Gemeinschaft nicht gerade hilfreich zur Seite,
und die jüdische Gemeinschaft ist ziemlich vielschichtig. Außerdem beeinflussen
die ökonomischen Verhältnisse die Handlungen der Menschen. Sie machen sich sehr
große Sorgen um Arbeit, Arbeitslosigkeit, Löhne und solche Dinge, aber trotzdem
bemühen sie sich, jüdisch zu sein. Der Hunger nach Lernen ist unvorstellbar. Sie
wollen zu jeder Tages- oder Nachtzeit lernen!
Ich erzähle nur von einem kleinen Ereignis, das mir neulich
geschah. Ich mußte ein Jugendferienlager in Sibirien mit rund 50 Kindern
verlassen. Mein Rückflug nach Minsk war für drei Uhr in der Frühe vorgesehen,
also mußte ich gegen ein Uhr nachts losfahren. Ein Auto sollte kommen und mich
abholen. Ich ging, um den Kindern Auf Wiedersehen zu sagen, sie waren etwa 15-17
Jahre alt. In dieser Nacht fand eigentlich eine Disco statt. Ich kam herein,
aber niemand tanzte. Ausnahmslos alle saßen in einer kleinen Halle außerhalb.
Kurz vor dem Essen hatte ich ihnen ein Exemplar des Tanach [Hebräische Bibel]
gegeben, den ich in Russisch und Hebräisch hatte, sowie ein Exemplar der Pirkej
Avot [Sprüche der Väter, Mischna]. Jetzt hatten sie sich in zwei Gruppen
aufgeteilt, eine davon las Tanach, die andere Pirkej Avot. Als ich Auf
Wiedersehen sagen wollte, sagten sie: Nun, das Auto ist noch nicht hier. Setze
dich für die nächsten zwanzig Minuten und lerne mit uns, damit wir von dir
lernen können, denn wir haben keine andere Gelegenheit, mit einem Rabbiner zu
lernen. Um ein Uhr nachts! Und das war nicht einmal eine ungewöhnliche
Situation, so etwas passiert jeden Tag.
Meine Vision für die Reformbewegung in der früheren Sowjetunion
ist, nicht von nur drei Rabbinern abhängig zu sein. Stellt euch vor das Gebiet
ist riesig. Manchmal muß ich acht Stunden fliegen, um in Sibirien zu
unterrichten, um Sommerferienlager und Seminare für junge Leute zu leiten. Es
gibt mindestens eine halbe Million Menschen in der früheren Sowjetunion, die
sich als Juden definieren, aber wir haben nur drei Reformrabbiner drei. Und
das ist ganz und gar inakzeptabel. Es ist sehr schwer, Menschen in das Judentum
zurückzuführen, wenn man in einer Stadt arbeitest, die 1940 zum letzten Mal
einen Rabbiner hatte, und wo sich niemand an diesen Kerl erinnern kann, aber
jeder fleht: Bitte, bleibe! Nun, ich kann nicht bleiben, denn ich habe in
Weißrußland 18 Gemeinden, die auf mich warten. Und diese Menschen betteln
weiter: Bitte, schicke jemanden zu uns! Wir haben in unserer Stadt 7.000 Juden
und keinen Rabbiner.
Hoffentlich - das ist meine Vision - werden viele unserer jungen
Menschen aus der früheren Sowjetunion, aus Osteuropa, ein Rabbinatsstudium
aufnehmen und, was weit wichtiger ist, hierhin als Rabbiner zurückkehren.
Hoffentlich wird jede Stadt mit einer nennenswerten jüdischen Bevölkerung in
etwa fünfzehn Jahren eine progressive Gemeinde und progressive Rabbiner haben.
Und ich lade euch alle dazu ein, in die frühere Sowjetunion zu kommen, um mit
eigenen Augen das jüdische Wunder zu sehen, das jeden Tag geschieht.
Rabbinerin Nelly Shulman
wurde 1999 am Leo Baeck College in London ordiniert. Seit 1998 arbeitet sie in
Minsk, Weißrußland, für die Weißrussische Union für Progressives Judentum.
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