Intergenerationelle Folgen
[English]
Ein Aspekt gerät in der Diskussion um die jüdische Identität von
Menschen mit jüdischen Vätern und nichtjüdischen Müttern (im folgenden der Kürze
halber "Vaterjuden genannt) immer wieder in den Hintergrund: die intergenerationellen Folgen. Mit diesem Fokus habe ich im vergangenen Jahr zehn
Interviews mit Vaterjuden in Wien sowie drei Gespräche mit Rabbinern geführt.
Egal welchem sozialen Hintergrund Vaterjuden entstammen, sei es
daß sie kommunistische Eltern hatten, in einem säkularen Elternhaus oder mit
einer anderen Religion aufgewachsen sind oder aber von einer jüdischen
Kindheit sprechen sie alle teilen eine Erfahrung: die Abwehr anderer Juden,
wenn sie sich öffentlich, ohne "Koscherstempel", ebenfalls als Juden definieren.
Fremdzuschreibung und Selbstzuschreibung stehen in diesem Moment einander
gegenüber. An diesem sensiblen Punkt werden Erfahrungen der Ausgrenzung
generiert und mit all ihren Konsequenzen an die nachfolgende Generation
weitergegeben. Für letztere erhöht sich die Schwelle, sich dem Judentum wieder
anzunähern, um eine weitere Stufe.
Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das unbewußte
schlechte Gewissen der Väter, durch die Heirat mit einer Nicht-Jüdin das
Judentum "nicht richtig" weiterzugeben. Zugleich wird auch von offizieller
jüdischer Seite der Beitrag der Mutter am Aufwachsen des Kindes abgewertet, da
sie ja der Grund für die "fehlende Jüdischkeit" sei. Und das trotz der Tatsache,
daß eine Beziehung mit einem Juden in welcher Form und aus welchen Gründen
auch immer eine zumindest psychische Begegnung mit der Schoa bedeutet.
Vaterjuden tragen als Nachkommen im gleichen Maße an den Folgen
der Schoa wie Kinder jüdischer Mütter. Berichte von einschlägigen jüdischen
Betreuungseinrichtungen und Studien, insbesondere von Gabriele Rosenthal,
zeichnen hier ein klares Bild. Gerade in Familien mit traumatischen Erfahrungen
ist die Wahlfreiheit der Kinder, Enkel und Urenkel in ihren Lebensentwürfen und
-entscheidungen eingeschränkter, als der gegenwärtige, eher an ökonomischen
Richtlinien orientierte "liberale Zeitgeist" glauben machen will. Bei aller
Diskussion um Zugehörigkeit ist der sogenannte "emotionelle
Selbstbedienungsladen", mittels dessen man sich die im Moment gerade passend
erscheinende Identität zurechtbasteln könnte, eine Fiktion.
Die besondere Tragik für Vaterjuden ist daher die Ignoranz des
offiziellen Judentums gegenüber der Tatsache, daß sie durch die Schoa mit den
gleichen intergenerationellen Bewältigungsaufgaben innerhalb ihrer Familien
konfrontiert sind wie Mutterjuden. Insbesondere die Rabbiner und Rabbinerinnen
zeigen nicht genügend Sensibilität für das besondere Problem von Vaterjuden. Daß
sie diese meist als Kandidaten für eine "normale" Konversion behandeln, wird
seitens der Vaterjuden oft als demütigend, weil ihrer Situation inadäquat
empfunden. Dadurch entgehen den Gemeinden unter Umständen jedoch potentielle
hochmotivierte Mitglieder.
Lösungen könnten auf beiden Seiten der "Definitionslinie"
gefunden werden: seitens der Gemeinden sollte einem ausreichend entwickeltem
Problemverständnis eine inkludierende Haltung gegenüber Vaterjuden folgen. Ideal
wäre eine eigens dafür zuständige Ansprechperson innerhalb der Gemeinde sowie
besondere Konversionskurse, die auch ein zeitökonomisches Eingehen auf die
spezielle Situation von Vaterjuden erlaubt. Möglicherweise ist es an der Zeit,
daß Vaterjuden eigene Interessengruppen gründen, um ihre Erfahrungen mit anderen
Betroffenen zu teilen, die psychischen Auswirkungen abzufedern, aber auch ihre
Anliegen in Form von Forderungen öffentlich einzubringen.
Die Schoa mag vielleicht Vergangenheit sein ihre Folgen jedoch
wirken in den Leben der Nachkommen weiter. Wenn in talmudischer Zeit eine
weitreichende Neudefinition der jüdischen Abstammung - nämlich nach der Mutter -
möglich war, sollte dies spätestens heute angesichts der enormen
intergenerationellen Tragweite ein weiteres Mal möglich sein.
SN
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