Elizabeth Tikvah Sarah
Schwul-lesbische Kidduschin
[English]
In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist
lesbisches und schwules Leben sichtbarer geworden - jedenfalls in der westlichen
Welt. Und in dem Maße, in dem die gleichgeschlechtlichen Beziehungen aus dem
Schatten herausgetreten sind, klagt heute eine wachsende Zahl von lesbischen und
schwulen Paaren die öffentliche Anerkennung ihrer Beziehung ein.
Es ist wichtig, diese Entwicklung im Kontext zu sehen. Die
Veränderung von Geschlechterrollen in den vergangenen dreißig Jahren hat dazu
geführt, daß auch heretosexuelle Ehen anders wurden. In gewisser Weise sind die
Unterschiede zwischen heterosexuellen Ehen heute und solchen aus
pre-feministischen Zeiten so groß wie die zwischen heterosexuellen und
homosexuellen Beziehungen. Viele heterosexuelle Ehen passen heute nicht mehr
ohne Weiteres in das Konzept der Ehe, das von religiösen Institutionen und vom
Staat verkündet wird. Aber nicht nur, daß die Ehe sich verändert, sie ist auch
immer weniger verbreitet. In einem Klima, in dem immer weniger Heterosexuelle
heiraten, wird die Entscheidung für die Ehe zunehmend als eine Wahlmöglichkeit
betrachtet und nicht als eine unvermeidbare Existenzgrundlage für alle
erwachsenen Heterosexuellen. Und in diesem Klima beobachten wir das Aufkommen
der lesbischen und schwulen Ehe.
Natürlich wählen nicht alle Schwulen und Lesben die Ehe. Für
manche ist es in der Tat wichtiger, daß Lesben und Schwule anders leben und
nicht in eine heterosexuelle Institution eingebunden werden. Diese Ansicht
gefällt natürlich den heterosexuellen Kritikern, die das Heiraten als ihr
ausschließliches Vorrecht ansehen, als ewiges Zeichen des höherwertigen Status
von heterosexuellen Beziehungen.
Die traditionelle Grundlage der jüdischen Eheschließung
(Kidduschin) als ausschließliches Vorrecht heterosexueller Paare wurzelt in
der Vorstellung, daß die Menschheit in zweierlei Gestalt geschaffen wurde, als
Mann und Frau, damit sie sich zum Zwecke der Reproduktion und Partnerschaft
vereinen. Diese bipolare Lesart richtet sich auf die anatomischen Unterschiede
zwischen den Geschlechtern, wie sie im ersten Schöpfungsbericht umrissen werden,
wo die Worte männlich (sachar) und weiblich (nekeva) verwendet
werden (Genesis 1:27). Sie ignoriert die Tatsache, daß sowohl Männer als auch
Frauen als zwei Erscheinungsformen des menschlichen Wesens (adam), als
"Ebenbild Gottes", geschaffen worden sind und daß in der zweiten
Schöpfungsgeschichte die Ähnlichkeit zwischen den beiden Geschlechtern
durch Verwendung der Worte Frau, Ischa, und Mann, Isch,
unterstrichen wird. Beide leiten sich von der Wurzel Alef, Nun, Schin ab was
soviel wie Mensch-Sein bedeutet (2:23).
Obwohl das jüdische Konzept der Heiligkeit, Keduscha, mit
der Idee von Trennungen verbunden ist, was sich im Ritual der Trauung (Erusin
Kidduschin) widerspiegelt, wenn die Braut für den Bräutigam
abgesondert wird, ist die Heiratszeremonie insgesamt ziemlich paradox: Während
die Braut im ersten Teil der Zeremonie dem Bräutigam geweiht und der
Unterschied zwischen ihnen betont wird, werden sie andererseits im
einzigartigen Bild der Menschheit (adam) in Eden mit sieben
Segenssprüchen (Scheva Berachot) vereint, die im zweiten Teil der
Zeremonie vorgetragen werden.
Die Menschheit ist sowohl eins als auch verschieden.
Obgleich die Schöpfungsberichte einfach die Verschiedenheit in bipolaren Termini
postulieren, wird zunehmend deutlich, daß die Unterschiede innerhalb der
Menschheit weitaus komplexer sind. Gleichgeschlechtliche Paare mögen zwar das
gleiche Geschlecht haben, aber dieses verschieden wahrnehmen und sich
voneinander in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Heterosexuelle Paare können
sich durch die äußeren Geschlechtsmerkmale unterscheiden, aber ähnliche
Neigungen und Lebenseinstellungen teilen. Eine Zeremonie, die die
Verschiedenheit der betreffenden Individuen unterstreicht, ritualisiert deren
Hingabe füreinander, feiert deren Vereinigung und ist für alle Paare
gleichermaßen relevant. Eine jüdische Heiratszeremonie, die solche Elemente
einschließt, ist Kidduschin.
Nicht nur ist es möglich, Kidduschin in einer Art und
Weise neu zu definieren, daß die Heiligung und Feier gleichgeschlechtlicher
Verbindungen einbezogen ist es geschieht tatsächlich. Es ist schon längst
Wirklichkeit, daß viele jüdische Lesben und Schwule sich gemeinsam mit anderen
schwulen und lesbischen Paaren dafür entscheiden, ihre Beziehung zueinander zu
formalisieren und zu feiern. Es ist an der Zeit, daß religiöse Institutionen und
der Staat diese Realität im positiven Sinn annehmen und ihr Verständnis der
Ehe auf gleichgeschlechtliche Beziehungen ausdehnen.
Referenzen (engl.)
Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Irene Runge
Rabb.
Elizabeth Tikvah Sarah: Soziologiestudium an der London School of Economics und
Rabbinatsstudium am Leo Baeck Collge in London.
Seit ihrer Ordination (1989) Tätigkeit als
Gemeinderabbinerin, Programmdirektorin der Reform Synagogues of Great Britain,
stellv. Direktorin des Sternberg Centre und freischaffende Rabbinerin.
Gegenwärtig arbeitet sie Teilzeit als Dozentin für Hebräisch und Spiritualitiät
und rabbinische Tutorin am Leo Baeck College, wo sie auch das rabbinische
In-Service Training Team leitet sowie als Rabbinerin an der Brighton and Hove
Progressive Synagogue. Sie hat drei Bücher herausgegeben und eine Reihe von
Artikeln und Gedichten veröffentlicht.
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