Antje Vollmer
Die geschützten Häuser verlassen
[English]
Grußwort zur Eröffnung der Tagung
Die Gesellschaft in Europa befindet sich im Umbruch. Nicht nur
in Deutschland stehen bahnbrechende Entscheidungen zu Themen wie Gentechnologie,
Menschenrechtsfragen, extremistische Strömungen und neue Formen der Familie auf
der Tagesordnung. Diese Themen, die wesentliche Weichenstellungen für unsere
Zukunft sein werden, haben auch Einfluß auf unsere Traditionen. Und die wirken
sich umgekehrt auch wieder auf unsere Entscheidungen zu den Themen aus.
Tradition und tägliches Geschehen müssen sich gleichzeitig bewegen, keines darf
stillstehen, sonst nützen sie einander wenig.
Wie auf der ersten Tagung werden sich dieses Mal wieder jüdische
Frauen und Männer über den Einfluß austauschen, den die Umwälzungen auf die
jüdische Tradition haben.
Wie lassen sich Glaube und neue Formen des gesellschaftlichen
Zusammenlebens vereinbaren? Wie kann sich die moderne Frau in das
althergebrachte System einbringen, ohne es zu zerstören?
Ich freue mich außerordentlich, die Tagung begrüßen zu dürfen,
denn diese Fragen haben mich schon immer beschäftigt. Ich hatte das Glück und
die Herausforderung in einer Zeit in das politische Leben einzusteigen, als die
Stellung der Frau von der heutigen Rolle unendlich weit entfernt war. Ich habe
gesehen, wie zu den "revolutionären Zeiten" der 60er und 70er Jahre die
Emanzipation geprobt wurde. Und ich habe dafür gekämpft, daß sie nicht
scheiterte, sondern sich von einer Schein-Emanzipation hin zu einer wahren
Emanzipation entwickeln konnte. Mit der Veränderung der Frauenrolle ist auch
eine Entwicklung der ganzen Gesellschaft einher gegangen, in der die
althergebrachte Vorstellung der Familie als grundlegendes Element der
Gemeinschaft verändert werden mußte. Berufstätige Frauen, neue Formen der Arbeit
und neue Formen der Freizeit, verlagerte Interessen bei Männern und Frauen, das
alles verlangt nach neuen Ideen für das Zusammenleben.
Diese weltlichen Entwicklungen in die jüdische Tradition hinein
zu tragen, erfordert viel Mut. Und die Teilnehmerinnen an dieser Tagung und an
der ersten Tagung vor zwei Jahren haben diesen Mut bewiesen. Sie haben ihre
geschützten Häuser verlassen und sich in die Welt hinaus gewagt. Sie sind
Rabbinerinnen und Kantorinnen geworden und haben gezeigt, daß die Frau das Gebet
nicht stört, sondern bereichert. Sie haben gezeigt, daß es möglich ist,
gemeinsam mit den Männern dem Glauben nachzugehen, ohne es an Respekt fehlen zu
lassen.
Daß dies jetzt möglich ist, ist ein Zeichen dafür, daß die
großen Strömungen der Zeit nirgends halt machen, auch nicht vor den Religionen
und Traditionen. In turbulenten Zeiten wie diesen sollen Religionen und
Traditionen Halt bieten können. Allerdings können sie dies nur leisten, wenn die
Menschen, an die sie sich wenden, ihnen Vertrauen schenken. Dieses Vertrauen
braucht Offenheit und Toleranz.
Die vielfältigen Themen der Tagung - sie reichen von der
Neudefintion der Rollen von Frau und Familie über die Beziehung zu Nicht-Juden
hin zum Umgang des Traumas von Verfolgung und Vernichtung - versprechen eine
solche große Offenheit und Toleranz. Die Tatsache, daß sich so viele Menschen
zusammengefunden haben, um sich in dieser Form auszutuschen und nach neuen Wegen
für die Tradition zu suchen, ist ein Meilenstein in der Geschichte des
Judentums.
Ganz besonders freut mich, daß Berlin Ort dieser Veranstaltung
ist. Das zeigt, wie lebendig und entwickelt das jüdische Leben hier ist und
spricht für die Jugend und Aufgeschlossenheit dieser Stadt. Ich wünsche Ihnen
allen interessante und aufregende Diskussionen und allergrößten Erfolg bei Ihrem
mutigen Unterfangen.
Dr. Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutschen
Bundestages und Abgeordnete der Partei Grüne/Bündnis 90
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