|
Erfahrungen
als erste Frau im rabbinischen Amt nach der Schoa in Deutschland
von Rabbiner Bea
Wyler, Oldenburg
Guten Abend,
meine Damen und Herren,
eigentlich sollte ich heute abend zwei Krankenhausbesuche machen, statt hier
zu sein. Beide Kranken wissen, wo ich bin, und haben großzügigerweise
zugestanden, daß sie in diesem Fall auch mit einem telefonischen
Krankenbesuch zufrieden seien. Diese Mini-Episode charakterisiert in eigentümlicher
Weise mein Rabbinat. Lassen Sie mich etwas ausholen. Ich bin seit fast vier
Jahren im Rabbinat. In der Tat wiederholt sich in wenigen Tagen, nämlich am
18. Mai, der Tag meiner Ordination zum Rabbiner am Jewish Theological
Seminary of America in New York. Nach dem jüdischen Kalender bin ich schon
seit Lag baOmer vor vier Jahren mit der Autorität ausgestattet, in
Israel als Rabbiner zu predigen und zu lehren. Meine Ordinationsurkunde
ermächtigt mich, Tora in der Öffentlichkeit zu verbreiten, also
Wissenschaft des Geistes sowie Ehrfurcht vor Gott innerhalb meiner Gemeinde
zu verbreiten, was ich seit fast vier Jahren in Deutschland tue.
Seit August 1995 bin ich
als Gemeinderabbiner für die jüdischen Gemeinden Oldenburg und
Braunschweig, seit August 1997 auch für die neugegründete Gemeinde
Delmenhorst zuständig. In den ersten drei Jahren unterrichtete ich auch
noch rabbinische Literatur an der Universität Oldenburg.Die Tora schreibt
uns vor, daß von einem neugepflanzten Baum in den ersten drei Jahren nichts
geerntet werden darf. Die Ernte des vierten Jahres gehört den Priestern,
und erst im fünften Jahr darf der Baum regulär genutzt werden. Unsere
Gemeinde-Bäume sind weit davon entfernt, ausgewachsen zu sein. An der
Schwelle meines fünften Jahres im Rabbinat stelle ich jedoch mit großer
Befriedigung fest, daß sie viele Früchte tragen, mehr und mehr, manche
zwar noch etwas klein und sauer, aber durchaus auf dem Weg zur Reife.
Niemand hätte erwartet, am wenigsten wir selber, daß wir bereits nach vier
Jahren regulär ernten würden. Unsere Widersacher von nah und fern stellen
dies inzwischen mit einigem Neid fest, worüber wir manchmal schmunzeln.Als
ich mein Amt antrat, wurde ich während Wochen in den Medien
herumgeschleppt: als erste Rabbinerin Deutschlands nach der Schoa, als erste
Rabbinerin überhaupt, als erste Schweizer Rabbinerin, etc. Ich möchte hier
festhalten, daß ich an solchen Trophäen weder interessiert war noch bin.
Gegner aus unseren eigenen Reihen stellten mich als Monster dar, das sich
schamlos der jüdischen Tradition bemächtigt, und diese somit dem
Ausverkauf preisgibt. Mir wurde vorgeworfen, nie auf dem direkten Weg,
sondern immer aus dem fiesen Hinterhalt oder über die Medien zu agieren,
ich und meine Gemeindepräsidentinnen würden nicht nur das Judentum verwässern,
sondern ihm auch bleibenden Schaden zufügen.
Wir begannen in
Oldenburg und Braunschweig mit unserer Aufbauarbeit, auch wenn der Wind
bisweilen scharf blies. Die Resultate dürfen sich sehen lassen. Ja,
inzwischen ist es sogar so, daß uns manche Kreise regelrecht hofieren,
obschon mir andererseits erst kürzlich nachgesagt wurde, ich sei ja wohl
der Ansicht, daß ich noch lange die einzige Rabbinerin in Deutschland sein
würde. Da höre ich dann plötzlich aus der Gerüchteküche, daß manche,
die vergeblich versucht haben mich zu instrumentalisieren, sich darüber
mockieren, daß die Wyler so strikt sei. Es gibt in Deutschland gar
schon einen Stellenmarkt für mich und weitere Kolleginnen damit hätte
ich am wenigsten gerechnet.Ich möchte Ihnen nun Einblick in meine Aufgaben
als Gemeinderabbiner geben, indem ich Ihnen etwas über meine Arbeit in den
Gemeinden berichte. Nehmen Sie unsere Schwierigkeiten zur Kenntnis und
freuen Sie sich mit uns über unsere Erfolgsgeschichten.
Wie bereits erwähnt,
amtiere ich als Rabbiner der drei jüdischen Gemeinden in Oldenburg,
Braunschweig und Delmenhorst, alle in Niedersachsen, im Nordwesten der BRD.
Braunschweig, 1957 gegründet, ist die älteste, gefolgt von Oldenburg,
welche 1992 neugegründet wurde, und die jüngste ist Delmenhorst, jetzt im
zweiten Jahr ihrer Existenz. Die drei Gemeinden haben insgesamt etwas über
500 Mitglieder, alle drei Gemeinden sind Mitglieder des Zentralrates der
Juden in Deutschland, verkörpern also die vielgeschmähte Einheitsgemeinde.
Doch darüber später noch etwas mehr. Von Oldenburg nach Braunschweig fährt
man mit der Bahn fast drei Stunden, Delmenhorst ist nicht weit, und wenn Sie
Exotisches aus meinem Rabbinat erwarten, so ist dies wahrscheinlich das
Exotischste, was ich Ihnen bieten kann, daß ich nämlich in Oldenburg auf
meinem Dienstrad von Ort zu Ort, von Haus zu Haus fahre: der Rabbiner auf
dem Fahrrad.Das Folgende gilt hauptsächlich für Oldenburg, doch ist die
Situation in den beiden anderen Gemeinden nicht wesentlich anders. Wir haben
keine Sekretärin, wir haben keine ausgebildeten Lehrer, wir haben kein jüdisches
Bestattungsinstitut es gibt viel Do-it-yourself. Wir sind Weltmeister im
Improvisieren, und meine Anstellung ist mit 75% eine Teilzeitstelle. Mit
solcherart limitierten Möglichkeiten müssen wir Prioritäten setzen, immer
und täglich neu. So haben wir vor vier Jahren begonnen: Talmud Tora für
Erwachsene und Kinder jede Woche, Schabbat Gottesdienste mit Kabbalat
Schabbat und vollem Schabbatmorgen-Programm einmal monatlich. Inzwischen
haben acht Mitglieder gelernt aus der Tora vorzulesen, einschließlich vier
Bne Mitzwa, die inzwischen auch mehr oder weniger regelmäßige Lejner
(Toraleser) sind. Eine beachtliche Anzahl Mitglieder haben Teile der
Gottesdienste so gelernt, daß sie als Vorbeter diese Gottesdienste
kompetent leiten können. Der Rabbiner muß für die Durchführung
gepflegter Gottesdienste nicht mehr unbedingt anwesend sein, denn für jedes
Gebetsteil haben wir drei Mitglieder, die es vorbeten können. Vor diesem
Hintergrund konnten wir in Oldenburg die Schabbatgottesdienste verdoppeln,
d.h. wir treffen uns seit eineinhalb Jahren vierzehntäglich. Braunschweig
bleibt vorderhand bei einmal monatlich. Und in Delmenhorst findet wöchentlich
Kabbalat Schabbat statt, ein Schabbatmorgen-Gottesdienst jedoch nicht regelmäßig,
doch wird sich dies nach der Einweihung der neuen Synagoge Ende dieses
Monats bald ändern.
Ein Wort zu den
Lernmethoden: Natürlich ist ein persönlicher Lehrer nicht zu ersetzen,
dies gilt besonders für Toralernen, und ich bedaure es jedesmal, wenn die
nicht vorhandene Zeit mich dazu zwingt, einen Lernwilligen auf später zu
vertrösten. Moderne didaktische Mittel wie Tonbandkassetten und Computer
haben hier wesentlich zum Erfolg in meinen Gemeinden beigesteuert. Gültig
und von uns deswegen auch häufig eingesetzt ist die Erfahrung, daß jeder,
der selbst etwas gelernt hat, der ideale Lehrer ist, es dem nächsten
weiterzugeben. Manchmal greifen wir auch zu Methoden, die für viele
Traditionalisten ein Greuel wären. Ein Junge, der sehr schön singen kann,
schlug mir kurz nach seiner Bar Mitzwa vor, das ganze Schacharitgebet
(Morgengebet) in lateinische Buchstaben zu transliterieren, so daß er bald
vorbeten könnte. Ich erlaubte dies unter der Bedingung, daß er es selber
ausführte; damit wollte ich sicher gehen, daß er zumindest beim Akt des
Transliterierens Hebräisch lesen würde. Nach dem vierten Mal Vorbeten kam
er zu mir und sagte ganz stolz, er hätte sich jetzt von seinen Krücken
emanzipiert und könne aus dem Siddur vorbeten. Für die Toravorlesung habe
ich einen Farbcode entwickelt, und manche meiner Lejner bitten mich plötzlich,
ihnen am Telefon eine hellblaue Familie vorzusingen.
Gottesdienste an den
Feiertagen sind etwas schwieriger zu bewältigen, da sie ja in allen
Gemeinden gleichzeitig stattfinden. Für die Hohen Feiertage mußte ich zu
sehr kreativen Lösungen greifen, da wir keine Machsorim (Feiertagsgebetsbücher)
besitzen. Ich stellte eine Broschüre als Ergänzung zu unserem regulären
Siddur zusammen, die bewältigbare Mengen an Liturgie enthält. Aus
naheliegenden Gründen gibt es diese Broschüre in zwei Ausgaben, nämlich
mit deutscher und russischer Übersetzung. Eines unserer Mitglieder,
inzwischen in Ausbildung zum Rabbiner, leitete im vergangenen Jahr die
Gottesdienste in Braunschweig. Zwei weitere Mitglieder aus Oldenburg
leiteten stark abgekürzte Gottesdienste in Delmenhorst. Und in Oldenburg
lernten mehrere Mitglieder kleinere Teile der umfangreichen Liturgie. Es war
viel Bewegung auf der Bima (Vorbeterpult), doch haben wir es ganz allein bewältigt,
wobei mich besonders die heilige Atmosphäre beeindruckte.Alter und
Geschlecht stellen keine Hindernisse dar in unseren Gemeinden, wenn es ums
Vorbeten geht. Die Großmutter, die zu ihrem 60. Geburtstag lejnen lernt,
ist genauso willkommen, wie der Bar Mitzwa, der zu Jom Kippur eine kurze
Dewar Tora (Textauslegung) halten möchte. In der Tat liegt der Schwerpunkt
in meinem Rabbinat auf Talmud Tora. Es liegt mir sehr am Herzen, daß wir
nicht nur unsere Tradition zur Kenntnis nehmen, sondern uns mit ihr
auseinandersetzen, mit ihr ringen und dabei lernen, ein modernes Leben nach
jüdischen Vorstellungen zu leben. Wir haben regelmäßig zwanzig und mehr
Teilnehmer an unseren wöchentlichen Toralernabenden ja, in Oldenburg
ist der Mittwoch fast so heilig wie der Schabbat.
Anfragen und Vorschläge
für zusätzliche Programme kommen jetzt aus den Reihen unserer Mitglieder.
Wir stellen auch Informationsblätter zu den verschiedensten Themen
zusammen, wie beispielsweise Mesusa oder Schabbat zu Hause.
Unsere Kinder wissen inzwischen, daß sie am Schabbat ein Recht auf einen
Segen haben, und es ist auch schon vorgekommen, daß mich ein Kind bat, bei
der Überzeugung der Eltern zu helfen, daß diese doch endlich diesen Segen
lernen sollten. Wir haben es geschafft, wenn unsere Mitglieder ihr Judentum
als etwas Selbständiges, und nicht als etwas Aufgesetztes erleben, wenn sie
ihr eigenes Judentum auskundschaften und ausprobieren, wenn sie daran
Gefallen finden, daß die Tradition einen festen Platz in ihren Herzen und
ihren Häusern bekommt. Ich bin besonders davon beeindruckt und berührt,
wie meine Gemeindemitglieder nicht mehr von der Tora sondern von meiner Tora
oder unserer Tora sprechen.Wer immer eine neue Prise Tora gelernt hat, wird
ermutigt, sie mit jemandem zu teilen, der sie noch nicht kennt. Es kommt in
unseren Gemeinden vor, daß eine Zweitklässlerin ihrem Vater Hebräisch
lesen beibringt, oder daß ein älteres Mitglied sich plötzlich an eine längst
vergessene Melodie erinnert, die wir dann gemeinsam lernen, wobei andere plötzlich
an Schawuot-Lernen den Kindern den Vortritt lassen, wenn sie als Lehrer den
Erwachsenen etwas von ihrer Tora beibringen wollen. Daß das Schawuot-Lernen
hauptsächlich von den Mitgliedern und nicht vom Rabbiner bestritten wird,
ist normal. Und in diesem Jahr werden wir sogar erstmals versuchen, die
ganze Nacht durchzulernen, Schacharit beginnt morgens um halb fünf.
Den Pessachseder haben
wir privatisiert, weil die Erfahrungen mit dem Gemeindeseder
unbefriedigend waren. Stattdessen bieten wir jeweils vor Pessach einen
Workshop aus vier Abenden an, wo wir die Teilnehmer anleiten, wie sie
Pessach zu Hause feiern können; eingeschlossen sind Notenblätter, eine
Kassette mit den Liedern, sowie ein Blatt mit Rezepten. Nur noch die
Bestellung von Mazzen und koscherem Wein erfolgt über die Gemeinde. In
diesem Jahr haben mindestens ein Dutzend, zum Teil große, Sedarim in
Oldenburg stattgefunden. Wir erreichen damit, daß das Judentum nicht nur in
der Synagoge und im Gemeindezentrum stattfindet, sondern dezentralisiert in
den privaten Haushalten.Wir regen immer wieder an, daß die Mitglieder
Fragen stellen, wenn sie etwas genauer wissen möchten. So ist kürzlich aus
der mehrfachen Wiederholung der Frage nach Jahrzeit unser neuestes Merkblatt
Kaddisch, Jahrzeit und andere Trauerrituale entstanden, von dem es
auch eine russische Version gibt. Es ist selbstverständlich, daß alle
Gemeinden eine Chewra Kaddischa für Männer und Frauen haben, die sich bei
Todesfällen um alles einschließlich der Tahara (Leichenwaschung) und der
Levaja (Begräbnis) kümmert.
Die Oldenburger Gemeinde
gründete sich vor knapp sieben Jahren mit 34 Mitgliedern, heute haben wir
gegen 200. Die meisten sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die
von ihren jüdischen Traditionen weitgehend entfremdet waren. Wir sind also
eine Gemeinde von fast ausschließlich wahren Anfängern. Wir kümmern uns
im Rahmen unserer Möglichkeiten um die Neuankömmlinge in den Heimen, indem
wir ihnen u.a. den Gottesdienstbesuch am Schabbat ermöglichen. Manche von
ihnen ziehen nach Oldenburg, Braunschweig und Delmenhorst, wo sie
Gemeindemitglieder werden können, sobald wir ihren halachischen
(religionsgesetzlichen) Status abgeklärt haben. Von manchen wünschen wir
uns, daß wir sie etwas häufiger in der Gemeinde sehen würden, manche
kommen regelmäßig, sobald ihre Deutschkenntnisse so sind, daß sie etwas
verstehen. Und manchmal führt die Begegnung auch zu unvergeßlichen
Situationen, wie der folgenden: Anhand des Tischgebetes versuchte ich das
Konzept Erez Israel als Erbschaft zu erklären. Als ich fragte, von
wem wir das Land erhalten hätten, schlug einer der Neuen prompt vor von
der UNO. Ich brachte sanft Gott ins Gespräch, doch da argumentierte er
schnell: Sie haben das Land vielleicht von Gott bekommen, wir sind
Atheisten, wir haben es von der UNO.
Unser wunderschönes
Gemeindezentrum ist bereits zu klein. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit
der Stadt Oldenburg haben wir mit der Planung der Vergrößerung begonnen.
Wir planen auch den Einbau einer Mikwe (rituelles Bad), da die kleinen Seen
in der Umgebung von Oldenburg nur während einiger kurzer Sommermonate
benutzt werden können. Der Bedarf nach einer eigenen Mikwe ist da, denn wir
haben eine ganze Menge junger Paare und Familien, die wir anregen, ihr
Eheleben in einen jüdischen Rahmen zu bringen; außerdem ist die Anzahl an
interreligiösen Familien in unseren Gemeinden noch sehr hoch.Ich erhalte
viele Einladungen in andere Kleingemeinden in ganz Deutschland, die keine
eigenen Lehrer, Rabbiner oder Kantoren haben. Es übersteigt meine Möglichkeiten,
diese Bedürfnisse alle zu befriedigen. Deshalb veranstalten wir einmal im
Jahr ein Wochenendseminar, wo Mitglieder aus anderen Gemeinden zu uns kommen
und von uns lernen. Die Tora enthält keine Geheimnisse, die wir anderen
interessierten Juden vorenthalten wollen. Wer von uns lernen möchte, wie
man Tora lernt oder wie man Schabbatgottesdienste aufbaut, kann sich dies
bei uns holen. Dabei wenden wir uns an Laien, die das Gelernte möglichst
bald in ihren Gemeinden anwenden möchten.
Als Nebenprodukt dieser
Seminare ergibt sich natürlich ein Netzwerk von Beziehungen und
Bekanntschaften, die das Gefühl der Insularität schnell vergessen
machen.Auch aus großen Gemeinden kommen inzwischen Teilnehmer zu unseren
Seminaren, weil sie mit und von uns lernen wollen. Darüber freuen wir uns
sehr. Rabbiner Leo Trepp aus Californien, der frühere Landesrabbiner von
Oldenburg von vor dem Krieg, sagt in Abwandlung eines Jesaja-Verses lächelnd:
Von Oldenburg aus verbreitet sich die Tora.Und mit der Erwähnung seines
Namens, komme ich langsam zum Schluß. Ich möchte Ihnen von einem der
aufregendsten Tage in meinem Rabbinat berichten. Am 2. Juli 1997 berief ich
ein Bet Din leGiur (Rabbinergericht für Übertritte) nach Oldenburg ein,
weil wir zehn Kandidaten, fünf Erwachsene und fünf Kinder, für den
Eintritt ins Judentum prüfen wollten. Wir flogen zwei meiner Kollegen aus
Israel ein, damit ein gültiges Bet Din gebildet werden konnte. Und für
Rabbiner Leo Trepp, der als Aw Bet Din (Vorsitzender) fungierte, schloß
sich der Kreis der Geschichte. Zwischen seinem letzten und unserem Bet Din
waren 59 Jahre vergangen, 59 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland,
voller Horror gefolgt von einem langdauerndem Vakuum, doch auch mit einigen
Wundern. Nach Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen, hatte er
Nazi-Deutschland 1938 als Flüchtling verlassen, jetzt war er wieder hier,
um Juden zu machen.
Als ich zu dieser Tagung
eingeladen wurde, baten mich die Organisatorinnen über meine Erfahrung als
Frau im Rabbinat zu berichten. Ich glaube nicht, daß meine hier
geschilderten Erfahrungen so grundlegend anders sind als diejenigen meiner männlichen
Kollegen. Es stimmt, daß ich nicht Mitglied der Deutschen Rabbinerkonferenz
bin, das liegt aber auch daran, daß ich mich um meine Mitgliedschaft in
diesem erlauchten Gemium nicht weiter gekümmert habe.Dem stehen gute,
kollegiale Arbeitsbeziehungen mit mehreren Rabbinern der verschiedenen Strömungen
gegenüber, und selbst der Sprecher der Rabbinerkonferenz gibt mit seinen
notorischen Leserbriefen in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung
zu erkennen, daß er mich eigentlich ganz ernsthaft zur Kenntnis genommen
hat. Ich meine, daß meine zum Teil frustrierenden und von Feindseligkeit
geprägten Erfahrungen im Rabbinat mit meinem Geschlecht wenig zu tun haben,
sondern weitgehend die Erfahrungen sind, die man als Rabbiner in einer
Gemeinschaft macht, die sich nach einer unermeßlichen Katastrophe im
Wiederaufbau befindet. Ich bin der Ansicht, daß wir Juden heute durchaus zu
vergleichen sind mit der frührabbinischen Gemeinde in Erez Israel nach der
Zerstörung des Tempels, die nach der Niederschlagung des
Bar-Kochba-Aufstandes zwei volle Generationen brauchte, bis sie sich durch
die Endredaktion der Mischna zumindest in groben Zügen als neu definiert
wiederfand.
Wir sind daran, uns neu
zu definieren. Es liegt auf der Hand, daß es progressivere und
konservativere Formen der Neuorientierung gibt. Die Gefahr liegt nicht in
der Vielfalt, sondern in der Sprachlosigkeit zwischen den Strömungen, die
sich eingeschlichen hat. Und gerade in diesem Bereich hat die
Einheitsgemeinde eine enorm wichtige Aufgabe: Als politische Organisation muß
es der Dachorganisation erstes und oberstes Anliegen sein, die Einheit von
Klal Jisrael (Gesamtheit des Volkes) zu garantieren. Eine enge Definition für
Mitgliedschaftstauglichkeit führt dazu, daß sich zu viele nicht
wiederfinden und sich deshalb außerhalb der Struktur selbständig machen.
Nur eine großzügige Definition, die das Gemeinsame betont, das möglicherweise
an einem kleinen Ort ist, wird Klal Jisrael erhalten können.
Gleichschaltung ist kontraproduktiv, Pluralismus bietet die einzige Chance
der Selbsterhaltung.Die gefährliche Sprachlosigkeit zwischen den
verschiedenen Strömungen betrifft nicht nur Deutschland, sondern die
Judenheit in der ganzen Welt, allem voran in Israel. Hierzulande kommt
erschwerend dazu, daß die neue Selbstfindung der jüdischen Gemeinde mit
den Umwälzungen in Deutschland selber durch den Fall der Mauer sowie der
allmählichen Vereinigung Europas zusammenfällt. Dieser ganze Prozeß ist
jedoch so spannend, daß ich gerne zugebe, daß ich unter anderem hier bin,
weil es hier spannend ist. Ich möchte meinen Beitrag an Tikun Olam
(Vervollkommnung der Welt als Partner Gottes) hier erbringen, weil ich für
die jüdische Tradition in Europa und insbesondere in Deutschland nicht nur
eine Zukunft sehe, sondern ich möchte diese auch gerne mitgestalten. Mit
meiner Anwesenheit als Jüdin in Deutschland und als Rabbiner bin ich
natürlich Berufsjüdin sehe ich meinen Beitrag nicht nur
innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, sondern ebenso wichtig auch in einem
neuen, multikulturellen und hoffentlich friedfertigen Europa.Nun möchten
Sie zum Schluß sicher wissen, wie die Episode vom Anfang meiner Ausführungen
mein Rabbinat charakterisiert.
Es ist hoffentlich
deutlich geworden,daß ich nur einen kleinen Teil meiner Aufgaben wirklich
erfüllen kann. Auch habe ich über manche Aufgabe hier gar nicht
gesprochen, weil sie eben nicht erste Priorität hat; als Beispiel möchte
ich hier den interreligiösen Dialog anführen. Die wichtigste Eigenschaft
in meinem Rabbinat ist nicht die umfassende Kenntnis unserer Tradition,
sondern ein Gespür dafür zu entwickeln, die Prioritäten richtig zu
setzen. Manches, das dringend ist, ist beim genaueren Hinsehen doch nicht so
dringend, und manches, das viel Zeit erfordern würde, wird machbar, wenn
ich nicht persönlich anwesend sein muß so kommen die Krankenbesuche
per Telefon zustande. Ich ringe immer wieder neu mit der Logistik in meinem
Rabbinat, und finde mich manchmal nur sehr schlecht damit ab, daß ich nicht
an zwei oder gar drei Orten gleichzeitig sein kann.Die Episode ist aber noch
aus einem ganz anderen Grund charakteristisch für mein Rabbinat. Die beiden
Kranken sind nicht gewöhnliche Kranke, sondern Frischoperierte, die sich
ihrer Brit Mila (Beschneidung) unterzogen haben. Sie wurde von unserem
eigenen Mohel durchgeführt. Als Chirurg weiß er, was medizinisch zu tun
ist, ich habe ihn, zusammen mit einem erfahrenen Mohel, mit den religiösen
Inhalten ausgerüstet. Und wir sind als jüdische Gemeinde wieder ein Stückchen
unabhängiger geworden, denn wir wollen unser Judentum als etwas Selbstverständliches
leben. An der Schwelle meines fünften Jahres im Rabbinat haben wir in der
Tat angefangen zu ernten. Und meinen beiden Kranken wünsche ich von Herzen
schnelle und vollständige Genesung.
Oldenburg/Berlin, 13.
Mai 1999
Bea Wyler wuchs in der
Schweiz auf. Nach einer Karriere als Agronomin und Journalistin entschloß
sie sich zu einem Rabbinatsstudium. 1995 wurde sie am Jewish Theological
Seminary in New York ordiniert.

[photo-exhibition] -
[program] - [reactions]
[history of women in the rabbinate]
- [women on the bima]
[start in german] - [start in
english]
every comment or feedback is
appreciated
debora@bet-debora.de
|