Journal 1 - 1999
Europa

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Andrea Dunai
Szim Salom in Budapest

Über den Ticker der ungarischen Nachrichtenagentur MTI wurde im März 1999 die Nachricht verbreitet: Katalin Kelemen, die erste Rabbinerin im östlichen Mitteleuropa, hat ihr Amt angetreten. Die Zeremonie hatte wegen der ablehnenden Haltung des ungarischen Rabbinats der aus-tralische Rabbiner Fred Morgan geleitet. Die Feier konnte nicht, wie ursprünglich geplant, im King’s Hotel, wo sich Ungarns einziges koscheres Hotel-Restaurant befindet, stattfinden, sondern mußte in das Donau-Palais, dem ehemaligen Innenministerium, verlegt werden. Vertreter vieler jüdischer Organisationen blieben der Feierstunde ohne Angaben von Gründen fern. Nunmehr gibt es in Ungarn eine Rabbinerin, deren Gemeinde keine Synagoge hat und die nicht einmal im Verzeichnis »Das jüdische Gesicht von Budapest« zu finden ist.

Mitte der achtziger Jahren lernte ich zwei informelle Budapester »jüdische Kreise« kennen, die von Frauen ins Leben gerufen worden waren. Eine gewisse Tante Mária , Frau Antalfi, öffnete jeden Freitag Abend ihr Haus für interessierte Juden und Jüdinnen, die nach dem Anzünden der Kerzen miteinander frei diskutierten. Hier waren oft ausländische Jugendliche zu Gast, die von den »westlichen« Sorgen des Judentums berichteten, vor allem dem Problem der Assimilation. Allerdings hatte ich den Eindruck, daß diese Treffen einem »höheren« Ziel dienten und sich die Gastgeberin Tante Mária gern in der Rolle einer Heiratsvermittlerin sah. Diese Treffen konnten von 1982 bis 1986 aufrechterhalten werden, bis die Polizei sie wegen des Verdachts einer »zionistischen Verschwörung« verbat.

Die andere Gesellschaft trug einen eher wissenschaftlichen Charakter. Hier wurden rabbinische Schriften in Hebräisch, Englisch und Altgriechisch vorgelesen, analysiert und ins Ungarische übertragen. Die Gastgeberin war eine hochbegabte Archäologin, Magda Szelanu, die all dieser Sprachen mächtig war. Ihr Anliegen war es, ihr neu entdecktes Judentum einem engeren Freundeskreis, in erster Linie Freundinnen, zu vermitteln. Sie und ihre Gäste fanden es durchaus selbstverständlich, ohne die Beteiligung von Männern Gebete wie das Kaddisch zu sprechen oder jüdische Feste zu feiern. Sie suchten dafür keine religiöse Legitimation sondern wollten sich aus kulturellem und sprachwissenschaftlichem Interesse mit verständlichen Kommentaren zu den jüdischen Gesetzen beschäftigen.

Menora auf dem Regal n In den 80er Jahren waren sich in Ungarn, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde Europas, die meisten Juden ihrer Herkunft zwar bewußt, hatten aber einen eher kulturellen Bezug dazu. Daneben gab es auch eine kleine orthodoxe Minderheit. Kinder dieser Familien gingen in das einzige jüdische Gymnasium »Anna Frank«.

Eine weitere wichtige Einrichtung war das in der neologen (konservativ-liberalen) Tradition stehende Rabbinerseminar. Die meisten Juden gingen nur an den Hohen Feiertagen in die Synagoge, hörten vielleicht abends die Nachrichten des ungarischsprachigen Senders Kol Israel, legten großen Wert darauf, ihre Kinder über ihre Religion und das Schicksal des jüdischen Volkes rechtzeitig aufzuklären und ihnen gewisse Verhaltensregeln beizubringen. Ihre auf dem Bücherregal aufgestellte kleine Menora ohne Kerzenreste diente als Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum. Jede dieser Familien hatte Angehörige in der Schoa verloren. Waren sie Gemeindemitglieder, versäumten sie es nicht, jährlich für die Zentralsynagoge zu spenden. Fast jede jüdische Familie hatte einen ausgewanderten Verwandten in Amerika und Israel, der seine Angehörigen mit Informationen versorgte und Bücher in die Heimat schickte, die dann von Hand zu Hand wanderten.

Seit dem Systemwechsel 1989 verlegte sich das jüdisches Leben aus den vier Wänden in die neu entstandenen Institutionen. Heutzutage braucht man einen Wegweiser, um sich zurechtzufinden. Der Maimonides-Kreis, der Kulturverein, das Kulturhaus Bálint, die Schulen der Lauder Foundation sowie anderer ausländischer Stiftungen, die B’nai B’rith-Loge, der Oneg-Schabbat-Klub, der Rosch-Chodesch-Frauenkreis, die Vertretungen von Joint, Sochnut und des World Jewish Congress geben die Möglichkeit, die bisher versteckte oder verdrängte jüdische Identität auszuleben. Dutzende von koscheren Gaststätten und jüdischen Buchhandlungen wurden eröffnet. Neben dem Sprachrohr der Gemeinde, der Zeitung »Neues Leben«, erscheinen die Monatszeitschrift »Samstag« und vierteljährlich eine intellektuelle Publikation »Vergangenheit und Zukunft«.

Orthodoxe und Neologen, Zionisten und Anhänger der Lubawitscher – beinahe die ganze Vielfalt des Judentums ist heute in Ungarn präsent. Unter diesen Neugründungen war 1992 auch der Verein Szim Salom (= gebe Frieden), der bis heute nicht in den Verband Jüdischer Gemeinden Ungarns aufgenommen wurde. Als Organisation progressiver Juden, die den Frauen die gleichen Rechte wie den Männern einräumt, wird sie von dem neuen jüdischen Establishment nicht anerkannt. Sie gehört der World Union of Progressive Judaism an und ist finanziell auf deren Hilfe angewiesen. Seit März diesen Jahres amtiert Katalin Kelemen als Rabbinerin von Szim Salom. »Wir stehen auf der Grundlage der vieltausendjährigen Lehre der Tora. Ebenso wie seinerzeit die Gründer der Neologenbewegung sind wir auch offen in allen Fragen der Ausübung des Glaubens bzw. der Auslegung der Lehre«, umreißt sie das Anliegen ihrer Gemeinde.

Katalin Kelemen traf ich zum ersten Mal im Mai dieses Jahres in Berlin, wo sie an Bet Debora teilnahm. Sie wirkte selbstsicher und enthusiastisch. Sie war begeistert von der Gegend rund um die Oranienburger Straße und nicht zuletzt von ihren weiblichen Schicksalsgefährtinnen. Dabei hatte sie bereits damals große Sorgen um das Weiterbestehen ihrer Budapester Gemeinde. Deren Mitglieder – ungefähr fünfzig Personen – suchten ein neues Domizil, denn die Zweizimmerwohnung, in der die Gemeinde sich traf, war zum Jahresende gekündigt worden.

Kathartisches Erlebnis

Katalin Kelemen definierte ihr Jüdischsein lange Zeit nur in bezug auf die Schoa. Den ersten Seder, an dem sie 1979 teilnahm, beschreibt sie als »kathartisch«, denn sie erlebte die Befreiung ihrer Vorväter aus der ägyptischen Gefangenschaft als ihre eigene. Dies war der Moment, in dem sie sich ihrer jüdischen Identität bewußt wurde. Eine zweite wichtige Begebenheit folgte in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre: Sie lernte in Budapest junge, intellektuelle Reformjuden und -jüdinnen aus England kennen, die alle Jeans trugen und gleichzeitig ein authentisches jüdisches Leben führten. Der Einblick in diese freie Welt machte ihr klar, daß man nicht nur über die Erinnerung an die Schoa jüdisch sein kann. Schnell entdeckte sie ihre Freude am gemeinsamen Singen und Beten. »Jahrzehnte meines Leben mußten vergehen, bis ich entdeckte, daß ich meine persönlichsten Gefühle durch ein traditionelles Gebet zum Ausdruck bringen kann. Vor kaum sieben Jahren passierte es zum ersten Mal, daß ich für meinen früh verstorbenen Vater Kaddisch sagen konnte. Ich stand in der Synagoge der englischen Kleinstadt Weybridge und Rabbiner Fred Morgan rief mich mit dem von mir gewählten Namen Sarah zur Tora, damit ich mit meiner ersten öffentlichen Lesung eine Bat Mizwa, Tochter des Gesetzes, werde«, erinnert sie sich.

Katalin Kelemen hatte in den siebziger Jahren Slawistik und Germanistik an der Budapester Universität studiert und danach jahrelang diese Fächer unterrichtet. Nachdem sie »Szim Salom« mitbegründet hatte, bewarb sie sich am Leo Baeck College in London, wo sie eine vierjährige rabbinische Ausbildung absolvierte. Sie kehrte aus London als »Rabbi« zurück – denn das Wort »Rabbinerin« gibt es in der ansonsten einfallsreichen ungarischen Sprache bisher noch nicht.

Andrea Dunai, geboren 1964 in Budapest, lebt seit 1988 in Berlin. Zur Zeit ist sie als freie Journalistin, u.a. für die in Ungarn erscheinende deutschsprachige Budapester Zeitung, tätig.

www.szimsalom.hu

 

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