Journal 1 - 1999
Europa

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Dr. Rachel Herweg
Wunsch-Traum und Intuition

Lilith Schlesinger, geb. 1927 in Wien, 1938 Emigration nach Belgien. 1942 geht sie in die Illegalität und überlebt, alleine auf sich gestellt, in den Ardennen. 1945 Alija, Militärzeit, Kibbuz und Geburt zwei ihrer drei Söhne. Seit 1958 lebt sie in Berlin und praktiziert heute als körperorientierte Gestalttherapeutin.

Lilith war unsere erste Anmelderin für Bet Debora. Sie hat mir früher einmal erzählt, daß sie der tiefen Überzeugung sei, jüdisches Leben in Deutschland habe keine Zukunft. Für sie als Jüdin mit spirituellen Bedürfnissen ginge es hier vor allem darum, seelisch zu überleben, gleichsam geborgen und gut aufgehoben inmitten eines jüdischen Kreises, in dem sie sich wohl fühlt und wo es gegenseitiges Vertrauen gibt. Mich, die 30 Jahre jüngere, hat das traurig und auch ein wenig mutlos gemacht. Ich möchte von Lilith hören, wie sie Bet Debora erlebt hat, und ob sie einen Sinn darin sieht, hier weiterzuarbeiten…

Lilith: Bet Debora überstieg alle meine Hoffnungen. Ich erkannte plötzlich: Hier wird das gelebt, was ich mir so lange wünsche! Ich war hell begeistert: Ich muß nicht nach Toronto und nicht nach Jerusalem. Und noch einmal in meinem Leben hatte ich das Gefühl: »Wenn ihr wollt, ist es kein Traum!«

Rachel: Wann hattest Du dieses Gefühl schon einmal?

Lilith: Nach der Schoa habe ich zusammen mit anderen jungen Leuten jüdische Kinder aus Verstecken und Klöstern geholt. Es brach mir immer wieder das Herz zu hören: »Morgen kommt meine Mama und holt mich ab…« Als dann der Sender Kol Zion la-Gola verkündete: Kommt junge Juden aus aller Welt! wurde ich innerhalb von Minuten Zionistin. Ich wollte den Umgang mit der Waffe lernen, um nie mehr hilflos ausgeliefert zu sein. Und so kam ich am 6. Oktober 1948 mit dem letzten illegalen Schiff aus Frankreich in Palästina an – Ich hörte auf meine innere Stimme, hatte eine Intuition und habe danach gehandelt – »wenn Du willst, ist es kein Traum«, das heißt: Wenn ich etwas will, liegt es auch an mir, etwas dafür zu tun. Dabei folge ich meinem Gefühl. Das habe ich bereits getan, als ich mich ab 1942 alleine durchbeißen mußte: Ich habe mich im Wald versteckt mit viel Angst und Verzweiflung, mit Kälte und Hunger – bis ich beschloß, mich zu stellen, weil ich es einfach nicht mehr aushalten konnte. Ich wollte in ein Lager mit anderen jüdischen Mädchen, landete jedoch zu meinem Glück, nachdem ich leisen Stimmen im Wald gefolgt war, bei Leuten von der Résistance. Viel später, als der Rückzug der Wehrmacht begann, gelang es mir sogar, einen deutschen Offizier davon zu überzeugen, eine Brücke nicht zu sprengen und sich den Amerikanern zu stellen. Das war damals meine erste therapeutische Intervention. Gefühlsmäßig hatte ich erfaßt, wie ich mit ihm reden mußte…

Rachel: Und bei Bet Debora hattest Du plötzlich die Intuition, daß hier »etwas« real möglich ist und Du »danach« nicht mehr in Toronto oder Jerusalem suchen müßtest?

Lilith: Seit mein jüngster Sohn in Toronto lebt, bin ich zweimal im Jahr dort und in Kontakt mit progressivem Judentum. Ich habe Reformsynagogen besucht, und die feministische Bewegung hat mich besonders angesprochen. In Jerusalem lernte ich dann die Gemeinde Kol ha-Neschama kennen, wo sich Neo-Chassidismus mit dem Gedanken des progressiven Judentums paart. In dieser Gemeinde, die ihre Gottesdienste selbst strukturiert, habe ich mit 70 Jahren meine erste Alija le-Tora erhalten. Damals hatte sich in mir schon längst der Wunsch geformt, doch auch so einer Gemeinde in Berlin anzugehören! Ich begann zu lernen, inspiriert auch durch Bea Wyler, die uns während der zwölf Monate, als sie vor ihrer Ordination in Berlin war, wichtige Impulse gegeben hat. Ich habe da zum ersten Mal verstanden, daß ich den tiefen Wunsch in mir trage, im Judentum nicht nur das Patriarchat zu sehen, wie ich es als Kind innerhalb einer orthodoxen Gemeinde in Wien erfahren hatte. Da begriff ich, daß ich Anteil habe an Rechten und Pflichten – ich gehöre dazu! Bei Bet Debora habe ich viele Frauen kennengelernt, die das, was mir lange wie eine Fata Morgana erschienen war, in Europa bereits realisierten – denen die gleichen Dinge wie mir wichtig geworden sind.

Rachel: …auch beim Lernen und in Gottesdiensten Deiner eigenen inneren Stimme und Intuition zu folgen und nicht an überkommenen Bildern und Vorstellungen und Vorschriften zu kleben?

Lilith: Ja. Lernen aus dem Bauch und Religion aus dem Herzen. Für mich als Frau ist Lernen nur denkbar und möglich, wenn es über das Emotionale geht. Nur dann verankert es sich. Das ist meine Erfahrung. Ich bringe meine ureigenen Gefühle ein und integriere sie ins Lernen. Deshalb finde ich es auch so wichtig, daß Frauen mit Frauen lernen und Frauen Frauen unterrichten. Unser besonderer Zugang zum Lernen und Gestalten ist unsere Intuition! Und das war bei Bet Debora so deutlich spürbar. Da war eine große Aufbruchstimmung, der Wille zu neuer Gestaltung – und das hat mir selbst wieder neuen Antrieb gegeben…

Rachel:…und das Gefühl: »Wenn ihr wollt, wenn du willst, ist es kein Traum!«

Lilith: Ja, hier schließt sich der Kreis. Heute, nach Bet Debora, sehe ich mehr denn je die Möglichkeit, progressives Judentum auch in Berlin leben zu können. Und das heißt, mich mit dem einzubringen, was ich als Frau bin. Als Lernende kann ich wieder auf einer aktiven Ebene an meine Ursprungsreligion anknüpfen und dabei entdecken, daß es viele Wege zu Gott gibt – aber eben nur einen Gott. Und diesen einen Gott kann ich suchen und ihm dienen, mit dem, was ich selbst einbringen kann. – Das hat mir Leben in Berlin wieder schmackhaft gemacht und den Ort, an dem ich seit 40 Jahren nolens volens lebe, sinnvoll. Denn lange dachte ich, daß wir, so wie unsere spanischen Glaubensgenossen, die nicht zu Marrannen werden wollten, den Cherem – Bann – gegenüber Deutschland aussprechen sollten. Für die Erkenntnis, jetzt hier wieder leben zu können, bin ich zutiefst dankbar und wünsche mir – ich hoffe – auf Wiederholung!

 

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