Journal 1 - 1999
Gottesdienst und Liturgie

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Elizabeth Tikvah Sarah
Kewa und Kawana

Gemeinsames Beten kann erhebend und inspirierend sein, aber auch erstickend und hemmend. Die Tatsache, daß nur etwa zehn Prozent der Mitglieder einer jüdischen Gemeinde an den Gottesdiensten teilnehmen, legt nahe, daß die meisten in letztere Kategorie fallen. Und doch gibt es Zeichen der Veränderung.

Jüdische Frauen – Rabbinerinnen im besonderen – haben das Gebet in den vergangenen zwei Jahrzehnten so umgestaltet, daß es eine dynamischere, integrierendere und spirituellere Erfahrung geworden ist.

Aber das heißt nicht, daß wir damit beschäftigt sind, alles zu verändern. Jeder jüdische Gottesdienst hat einen Rahmen, eine feste Struktur. Das hebräische Wort für Gebetbuch ist Siddur, was Ordnung heißt. Und obwohl es drei tägliche Gebete gibt – Ma’ariv ›Abend‹, Schacharit ›Morgen‹, Mincha ‚ ›Nachmittag‹ (sowie ein zusätzliches Gebet – Musaf – nach dem Morgengebet am Schabbat oder zu Feiertagen) – und jedes durch eine feste Ordnung charakterisiert ist, so ist das Gebet auch Avodat Halev »Arbeit des Herzens«. Dazu bedarf es Kawana »Hingabe« und innerer Ausrichtung auf seiten des Individuums.

Während einige jüdische Gelehrte eine problematische Spannung sehen zwischen der fixierten (Kewa) Liturgie – fixiert im Sinne von festen Gebetszeiten, der Ordnung der Liturgie und dem Inhalt der Gebete – und dem Bedürfnis nach Kawana, dem spontanen Verlangen des Individuums zu beten, (siehe hierzu besonders »Understanding Jewish Prayer«, Jakob J. Petukowski, Ktav, New York, 1972), empfinde ich und viele andere Rabbinerinnen mit mir, daß Kewa und Kawana sich gegenseitig ergänzende Aspekte des Gebets sind. Und beide sind wesentlich.

Aber um beide im Gebet verbinden zu können, ist es wichtig, daß wir die Liturgie nicht zu sehr festlegen. In den Tagen der ersten rabbinischen Weisen, die nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 eine jüdische Liturgie an Stelle des Opferkultes im Tempel schufen, wurden der Rahmen und die Zeiten der Gottesdienste sowie die Themen der Gebete festgelegt – nicht jedoch die Worte der Gebete. Im Geiste dieser Herangehensweise integriert jeder Gottesdienst, an dem ich organisatorisch beteiligt bin, innerhalb des festen Gebetrahmens kreative Texte, Gebete und Gedichte sowie die Möglichkeit privater Meditation, welche den »festgelegten« Gottesdienst beleben und erneuern und die Teilnehmenden ermutigen, ihre eigenen Gebete zu beten, ihre eigenen Bedürfnisse und Segnungen auszudrücken, auf den Augenblick zu reagieren und Gottes Atem in sich frei zu lassen.

Mein Teil beim Bet-Debora-Morgengottesdienst umfaßte die Gebetsleitung vom Barechu, dem »Ruf« zum Gemeindegebet, bis zum Ende der Amida, dem »stehenden« Gebet, das von den alten Weisen einfach als HaTefilla, »das Gebet« also die zentrale Komponente des jüdischen Gottesdienstes, betrachtet wurde. Meine Vorbereitung schloß ein, über den Rahmen nachzudenken, in dem der Schabbat-Morgengottesdienst stattfinden würde – er sollte Teil von Bet Debora sein, einer feierlichen Konferenz jüdischer Frauen in Berlin. Und doch wurde mein Gefühl freudiger Erwartung gedämpft durch die Geschichte, die mit Berlin verbunden ist – den Auswirkungen der Schoa auf jüdisches Leben in Deutschland.

Aber das war noch nicht alles – ein besonderer Aspekt Berliner Schoa-Vergangenheit fand auch einen besonderen Widerhall in mir als Rabbinerin: In Berlin studierte die erste Rabbinerin, Regina Jonas (1902– 1944), an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Weil ihr Wirken als Rabbinerin in die Nazi-Zeit fiel – im Dezember 1935 hatte sie Max Dienemann in Offenbach ordiniert – wurde sie deren Opfer. Im November 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und im Oktober 1944 nach Auschwitz. Vielleicht – wenn die Schoa nicht den größten Teil des europäischen Judentums vernichtet hätte – wären schon lange vor den frühen 70er Jahren Rabbinerinnen in Erscheinung getreten.

Das also bildete den Rahmen. In diesem Zusammenhang hatte ich außerdem das Gefühl, Teil eines neuen Gliedes in der Kette zu sein – eine von vielen aktiven jüdischen Frauen, die die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden. Diese beiden Wirklichkeiten beeinflußten meine Wahl der Gebete, Gedichte, Meditationen, Melodien und Lieder.

In den Gottesdienstabschnitt, der als Schma U‘virchoteha – »das Schma und seine Segnungen« – bekannt ist und der mit dem Barechu eröffnet wird, fügte ich neue Texte ein, die sich thematisch auf die Segnungen beziehen, die dem Schma vorausgehen und ihm folgen: Schöpfung, Offenbarung und Befreiung.

Für das Schöpfungsthema wählte ich eine Meditation aus dem Erew-Schabbat-Siddur der Jewish Lesbian and Gay Group in London, den ich mitgestaltet habe. Die Meditation konzentriert sich auf das Individuum als Teil von Gottes Schöpfung. Sie beginnt wie folgt: »So wie die Zeit ein Teppich von Tag und Nacht ist, so sind unsere Leben ein Gewebe aus Licht und Dunkelheit.«

Nach der Meditation entschied ich mich, die Worte von Hannah Szenes zu singen: Eli, Eli, »Mein Gott, mein Gott« (deutsch in: »Esther erhebt ihre Stimme«, Pnina Navè Levinson, Gütersloh 1993). Sie drücken unsere Antwort angesichts des Staunens über die Welt aus – das, was Abraham Heschel einmal als unsere menschliche Fähigkeit zu »radikalem Staunen« bezeichnet hat. Interessanterweise sah auch Heschel keinen Konflikt zwischen Kewa und Kawana. Er meinte, daß die feste Gebetsordnung »bestimmte Momente« vorgibt, um Gott wahrzunehmen und auch um unsere eigenen Gebete zu beten. (Siehe auch: »Quest for God«, New York, 1982). Für das Offenbarungsthema wählte ich eine andere Meditation aus dem Siddur der Lesben und Schwulen – auch sehr relevant für Frauengemeinden:

»Du gabst uns Deine Tora aus Liebe, /
eine Tora des Lebens. / Aber einige Worte der Tora / geben
uns kein Leben.«

Frauen werden nicht aufhören, mit der Tora zu ringen. Durch unser Ringen lassen wir die Tora mit unseren eigenen Worten und aus unseren eigenen Erfahrungen heraus zu uns sprechen. Für das Befreiungsthema, bei dem das traditionelle Gebet an den Auszug aus Ägypten und das Überqueren des Schilfmeeres erinnert, wählte ich ein Gedicht von Ruth Sohn. Sie stellt sich Miriam vor, die am Ufer steht und sich auf den Sprung in die Freiheit vorbereitet:

»Den ersten Schritt zu tun / ein neues Lied
zu singen / heißt, die Augen schließen / und eintauchen / in
unbekannte Wasser…«

(Kol Ha-neshamah. Shabbat Vehagim,
The Reconstructionist Press, 1994).

Von allen biblischen Frauenfiguren ist es Miriam, HaNevia, die Prophetin, die die Frauen mit Gesang, Tanz und Tamburinen führte und die mich als eine Inspiration begleitet, wenn ich mich vorwärts – ins Unbekannte– bewege. Mich der Amida zuwendend, wählte ich Marge Piercys poetische Version der Amida (in: »The Art of Blessing the Day. Poems on Jewish Themes«, Five Leaves Publications, Nottingham 1998).

Sie sollte eine Anregung für private Gebete sein, bevor wir den Text, den wir für den Gottesdienst benutzten, öffentlich vortragen würden. Ich entschied mich anstelle des festgelegten Textes außerdem für eine »einschließende« Version des ersten Absatzes der Amida bei unserem gemeinschaftlichen Gebet – eine Version aus dem liberalen britischen Gebetbuch »Siddur Lev Chadash« (Union of Liberal and Progressive Synagogues, London 1995), die neben unseren Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob auch unsere Stammütter Sara, Rebekka, Rachel und Lea mit einschließt. Ich beschloß, beide – die »erneuerte« Segnung und den Rest der Amida – zu einer Folge bekannter Weisen aus dem 19. Jahrhundert und chassidischer Melodien zu singen – einfach wegen der Freude, sich im Lied erhebende Frauenstimmen bei einer sonst eher traditionellen Gebetsform zu hören.

Marge Piercys Gedicht vorher gelesen zu haben, sollte einen Rahmen für diese Erfahrung geben. Uns zu erinnern – nicht nur an die Wichtigkeit unseres kollektiven Erbes –, sondern auch an das Geschenk unserer eigenen persönlichen Erinnerungen und an die Forderungen der Gegenwart: »Heilig ist die Hand, die für Frieden und Gerechtigkeit wirkt, / Heilig ist der Mund, der Güte spricht / Heilig ist der Fuß, der zur Barmherzigkeit strebt. / Laßt uns einander auf die Schultern heben und einander mittragen.«

Es ist schwer, ein Zitat aus Marge Piercys Gedicht auszuwählen, weil alles darin so wunderbar ausgedrückt ist; es ist eine tiefsinnige Aussage über die Macht und die Schrecken des Lebens und über die Entscheidungen, die vor uns liegen. Trotzdem, diese Zeile: »Laßt uns einander auf die Schultern heben und einander mittragen.« Sie faßt für mich nicht nur die Erfahrung des gemeinsamen Gebetes zusammen, sondern aller kollektiver Unternehmungen, der Aufgabe von Bet Debora, der Verantwortung für jede und jeden einzelne/n von uns, einander zu unterstützen und zu nähren, die Welt zu heilen und unsere Leben zu einem Segen zu machen.

Aus dem Englischen übersetzt von Jessica Jacoby

Elizabeth Tikvah Sarah ist eine glücklich verheiratete Lesbe ohne Kinder und eine engagierte Feministin, so lange sie zurückdenken kann. 1989 wurde sie nach einem Studium am Leo Baeck College Rabbinerin. Nachdem sie als Gemeinde-rabbinerin und als Programmdirektorin für die Reformbewegung Großbritanniens tätig war, arbeitet sie jetzt freiberuflich. Sie ist Rabbinerin der Leicester Progressive Jewish Congregation, der Jewish Lesbian and Gay Group in London sowie Dozentin am Leo Baeck College und Mitherausgeberin von »Hochmah «. Derzeit schreibt sie ein Buch mit dem Titel: »Teasing Texts and Telling Tales. A Jewish Feminist Exploration of Torah« (SCM Press).

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