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Journal 1 - 1999 |
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Sylvia Rothschild Ich hatte gerade mein Amt als Rabbinerin angetreten, da wurde ich als erstes darum gebeten, eine Mutter zu besuchen, die nach neunmonatiger Schwangerschaft ein Baby geboren hatte, das in jeder Hinsicht perfekt war, außer in einer es atmete nicht. Die Mutter fragte mich, ob ich ihren Sohn »richtig« beerdigen würde, was ich ihr zusagte. Es war am Morgen vor Erew Jom Kippur. Alle meine erfahreneren Kollegen waren mit den Vorbereitungen für die 25 Stunden des erhabensten Tages im Jahr beschäftigt. Ich hatte keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die noch kommen würden. Die jüdischen Beerdigungsunternehmer zeigten sich mitfühlend und verständnisvoll, doch ebenso wie die Friedhofsverwaltung waren sie darüber erstaunt, daß ich einen vollständigen Trauergottesdienst halten würde. Mich erstaunte wiederum ihr Erstaunen hatte ich doch selbst ein sechs Monate altes Kind. Im Tiefsten meines Inneren verstand ich, was die Mutter und der Vater des Babys wollten und brauchten ein richtiges jüdisches Ritual, mit dem sie ihr Kind zur Ruhe legen könnten. Ich nahm an, daß es ein solches geben würde. Ich legte den Termin für die Beerdigung auf den Morgen nach Jom Kippur, bestimmte eine winzige Grabstelle an einem Ort, der später der »Baby-Friedhof« heißen würde, damals jedoch nur ein ungenutzter Teil des Friedhofes war, und wendete meine Gedanken der drängenderen Arbeit für Jom Kippur zu. Nach dem Gottesdienst-Marathon wieder zu Hause angekommen, setzte ich mich hin, um herauszufinden, wie man einen Trauergottesdienst für ein totgeborenes Kind gestaltet, fand jedoch nirgendwo eine Anleitung dafür. Kinder, die innerhalb von 30 Tagen nach ihrer Geburt sterben, gelten als »solche, die noch nicht ganz zur Welt gekommen sind«. Ihnen werden keine Beerdigungs- und Trauerrituale zuteil. Sie werden ohne Zeremonie begraben, und man erwartet von den Eltern, daß sie nach dieser Erfahrung zur Tagesordnung übergehen. Ich kannte das 30-Tage-Gesetz, aber es kam mir nie in den Sinn, daß es letztlich ein derart trostloses Verscharren, eine derartige Leere für die Familie bedeuten würde. Mochte diese Bestimmung aufgrund einer hohen Säuglingssterblichkeit entstanden sein, um den Eltern die lange Trauerphase zu ersparen, war sie doch kein Grund, einem zuvor erwünschten Kind eine richtige Zeremonie zu verweigern und den Eltern nicht dabei zu helfen, das, was geschehen war, zu verarbeiten. Ich setzte mich an meinen Eßtisch und stellte auf meiner alten, strapazierten Reiseschreibmaschine einen Gottesdienst für den kommenden Tag zusammen. Dabei benutzte ich den Standard-Beerdigungsgottesdienst und Psalmen als Vorlage, fügte Gedichte, Zitate aus Psalmen und aus dem Buch Hiob sowie den Text über den Tod des Kindes von König David und Batschewa hinzu alles, was mir einfiel, um den Schmerz der betroffenen Familie anzusprechen und sie auf jüdische Weise ins Geschehen einzubeziehen. Am nächsten Morgen fotokopierte ich die Texte des kleinen Gottesdienstes und nahm ihn mit auf den Friedhof, wo wir zusammen das Baby in Würde und Trauer beerdigten. Der sehr orthodoxe Friedhofsaufseher hatte noch nie dergleichen gesehen und bat mich, ein Exemplar behalten zu dürfen. In diesem Moment wußte ich, daß es meine Aufgabe ist, Liturgien zu verfassen. Ich habe viel gelernt seit jener erschöpfenden Nacht zwischen dem Ende des öffentlichen Jom-Kippur-Gottesdienstes und dem privaten Begräbnis eines totgeborenen Kindes. Ich habe gelernt, eine Liturgie zu schreiben, die fließt und die Gebete trägt, ebenso biblische Verse kreativ einzusetzen, so daß sie in neuem Lichte erscheinen und doch die alte Patina noch haben. Aber vor allem lernte ich eines: Der alte Spruch »Worte, die von Herzen kommen, gehen zu Herzen« drückt eine elementare Voraussetzung beim Gestalten von Liturgie aus. Vier Seiten, getippt auf einer uralten Schreibmaschine, dazwischen geklebte Textausschnitte und handschriftliche Anmerkungen in Hebräisch und Englisch wurden zu einem Gottesdienst, zu einem wirklichen jüdischen Gebet. Phasen beim Schreiben n Im Workshop bei Bet Debora haben wir uns mehrere der Liturgien, die ich seitdem verfaßt habe, angesehen: einen Simchat-Bat-Gottesdienst für Töchter, analog zur Brit Mila-Feier, den Beerdigungsgottesdienst für das Baby und mehrere Texte, an denen ich noch arbeitete, wie etwa Gebete für Frauen, die abtreiben oder sich mit einer Brustamputation auseinandersetzen müssen. Sie werden demnächst in einem Liturgiebuch erscheinen (»Taking up the Timbrel«, Hg. Sylvia Rothschild und Sybil Sheridan, SCM Press) und können dort nachgelesen, benutzt oder nach Bedarf angepaßt werden. Wir sprachen im Workshop über die verschiedenen Phasen beim Schreiben einer Liturgie. Der Auslöser kann ein unmittelbares Ereignis wie das oben beschriebene sein, es kann aber auch eine längere Zeit dauern, bis die Liturgie in der Schreiberin herangereift ist. So verfaßte ich z.B. aufgrund regelmäßiger Anfragen von Kollegen eine Liturgie für eine Frau, der eine Abtreibung bevorstand. Ich war zunächst jedoch vollkommen unfähig, so etwas zu schreiben. Doch jedes Mal, wenn die Haftara zu »Machar Chodesch« (1. Sam. 20) gelesen wurde, wußte etwas in mir, daß dieser Abschnitt die notwendigen Zutaten enthielt, und jedes Mal, wenn ich ihn hörte, fügte sich ein weiteres Mosaiksteinchen dazu. Er enthielt das Thema des Neumondes, eine besondere Zeit für jüdische Frauen, und eins, das den Menstruationszyklus andeutet. Dann gab es da noch das Thema des »Rodef« des Anklägers: Zwischen dem Individuum und dem Tod liege nur ein Schritt. Und dann das von einem, der vermißt wird, da sein Platz bei Familienereignissen immer leer bleibt, und das von der Einsamkeit und der Isolation. Ich sah mir auch die Schwangerschaftserfahrungen biblischer Frauengestalten an die überlieferten Geschichten von den Matriarchinnen im Buch Genesis, Hannas Gebete bevor und nachdem sie Mutter wurde. Auch die Erfahrungen von Vätern zog ich in Betracht, insbesondere die von David, der mehr als einmal um seine Söhne trauerte. Ich las, wie er Batschewa tröstete. Mir fiel dabei der Text auf, der uns von dem Kind erzählt, das sie später zusammen hatten. Trauer und Enttäuschung, Kampf und Hoffnung waren Themen, die ich im Buch Jeremia und in den Geschichten von Elijahu und Jona wiederfand. Langsam fügte sich in meinem Kopf die Struktur der Liturgie zusammen: Ich würde anfangen mit den fürchterlichen Gefühlen wegen der getroffenen Entscheidung mit einem Stück, welches das Thema des »Rodef« aufgreift, desjenigen, der dich um deines Leben willen verfolgt, in Verbindung mit den Themen Wut, Versöhnung mit Gott, aber auch Selbststärkung. Danach würde ich Gebete bringen, die Schuldgefühle und Schmerz ansprechen, die Angst vor der Zukunft, ebenso aber ein Element der Versöhnung und Vergewisserung enthalten. Danach folgt die Trauerzeit, festgesetzt auf sieben und dann 30 Tage, im Anschluß würden Texte von Machar Chodesch gelesen und Gomel gebenscht (Gebet nach der Genesung). Am Ende schließlich kommt das Untertauchen in der Mikwe zum Neumond, dem Neubeginn des Zyklus. Keine Rituale für viele Erfahrungen n Es war eine Herausforderung. Aber sie begann, sich als richtig anzufühlen als eine Möglichkeit, das Judentum sogar in die trostlosesten Situationen zu tragen und Frauen zu helfen, sich etwas weniger allein zu fühlen bei der wohl einsamsten Entscheidung, die jemand treffen kann. Sie eröffnete einen Weg, das reale Leben von einem religiösen Gesichtspunkt aus anzusprechen und auch eine religiöse Antwort zu schaffen. Unser Gebetbuch hat für eine große Bandbreite von Lebenserfahrungen keine Rituale: keine Gebete für das Verlassen des elterlichen oder des ehelichen Hauses, eine für Organspenden oder gegen Depressionen, beim Verlust eines Kindes oder dem Eingeständnis der Unfruchtbarkeit, für die Menarche oder Menopause die Liste ist endlos. Ich habe den Eindruck, daß Rabbinerinnen begonnen haben, vor allem Liturgien für die Erfahrungen von Frauen zu schreiben. Dies ist die wichtigste Erneuerung, die sowohl Männern als auch Frauen einen Anstoß für das Schreiben neuer Liturgien gibt, zumal wir uns gewahr werden, daß wir dies können und mehr noch, daß wir dies brauchen. Zwölf Jahre nach dem schrecklichen Begräbnis des Babys kann man die verschiedensten GottesdienstLiturgien bekommen, und man kann sie den jeweiligen Erfordernissen anpassen. Alle diese Liturgien sind verschieden, aber alle tun sie dasselbe: sie verbinden Judentum mit gelebter Erfahrung. Indem sie uns helfen, mit dem zu leben, was geschieht, beleben sie unsere jüdische Religion. Übersetzt aus dem Englischen von Jessica Jacoby Sylvia Rothschild wurde 1957 in Bradford West Yorkshire geboren. Sie studierte Psychologie und arbeitete als Sozialarbeiterin in der Psychiatrie, bevor sie ihre Ausbildung am Leo Baeck College begann. Seit ihrer Ordination 1987 ist sie Rabbinerin der Bromley und District Reform Synagoge. Außerdem ist sie Mitvorsitzende der Rabbinerkonferenz der Reformsynagogen von Großbritannien. Zahlreiche Veröffentlichungen zu jüdischer Ethik, jüdischen Positionen zum Tod und Sterben, neuen Liturgien. Sie ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn. |
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