Journal 1 - 1999
Reaktionen und Programm

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Yaacov Ben-Chanan, Angela Schoschana Reinhard, Rainer Krokat, Judith Kessler, Malin Kundi, Angelika Levi, Hartmut Bomhoff, Gloria Kraft-Sullivan
Kritik und Reaktionen

Yaacov Ben-Chanan

Zu Gast in Deboras Haus

Ich habe Beten nie gelernt, wenn man unter »beten« die Anrufung eines Gottes versteht. Niemand betete bei uns zu Hause. Und als ich, fast erwachsen, in eine Familie von Betern und Beterinnen aufgenommen wurde, blieb ich unter ihnen einsam. Ich kannte kein DU jenseits des menschlichen DU. Für mich war und ist Gott die Summe aller Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste, die Menschen, so lange es sie gibt, durchlebt und in der Anrede an ein DU gebündelt haben. In diesem Sinne ist »Gott« für mich Realität, und in diesem Sinne lese ich im Siddur und fühle mich darin in meinem jüdischen Haus geborgen.

Ich weiß nicht wie Männer beten. Ich bin ein Mann, aber ein bisexueller und ein androgyner. »Anders« zu sein, hat immer Heimatlosigkeit zur Folge. Darum bin ich unter Männern nicht zu Hause. Ich bin es aber auch nicht unter Frauen. Als Mann grenzen sie mich oft aus – gerade Frauen, die auf der Suche nach eigener Identität, Souveränität und nicht zuletzt Spiritualität sind.

In die Synagoge zog mich über Jahrzehnte nichts. Die Männer im Gottesdienst hatten keine erkennbare innere Beziehung zu den Worten, sie erledigten ein Ritual. Sie unterhielten sich über Wirtschaft und Fußball und riefen an der richtigen Stelle »Amen«, »Baruch hu« oder auch nur »Schmo!«. – Das war eine artistische, keine spirituelle Erfahrung. In Berlin stieß ich auf eine andere Variante männlichen Betens: steife, zeremonielle Feierlichkeit, eine liturgische Höflichkeit, aber keinerlei Aufleuchten auf den Gesichtern, keine spontane Regung der Körper. Alles geschah »ordnungsgemäß«.

Eines Tages besuchte ich dann einen kleinen jüdischen Kreis, der fast nur aus Frauen bestand und sich alle drei Wochen in der Oranienburger Straße traf. Hier war alles anders: Es gab kein »oben« und kein »unten«. Alle saßen um einen Tisch, die meisten Frauen mit Kippa, etliche im Tallit. Eine hatte die Liturgie vorbereitet, und alle sangen, lasen oder beteten, jede und jeder, wie er und sie konnte, aus einem selbst zusammengestellten Siddur. Die Parascha wurde aus mitgebrachten Bibeln von allen abschnittsweise reihum gelesen, hebräisch, deutsch, englisch, wie es sich ergab. Jemand hatte sich vorbereitet und gab eine kurze Einführung, an die sich immer ein langes und lebhaftes Gespräch anschloß. Wenn man nach dem gemeinsamen Kiddusch schließlich nach Hause ging, hatte man das Gefühl, etwas von den anderen mitzunehmen. Zum erstenmal fühlte ich mich bei einem Gottesdienst zu Hause und blieb. Es war nicht nur das »Egalitäre«, das mich hier einwurzeln ließ, das Fehlen jeden hierarchischen Elements. Es war auch das Freie, Ungezwungene, Spontane, das nie ins Banale und Geschwätzige abglitt. Es war eine geistige Erfahrung, die das Weibliche in mir stärkte, ohne das Männliche zu beschämen, die also mein ganzes Wesen erfaßte, es nährte und beglückte.

So kam ich zum Schabbatgottesdienst von Bet Debora. Da war eine große Gemeinde versammelt, ganz wenige Männer – obwohl Männer durchaus eingeladen waren! – und viele Frauen. Vieles, was mir aus dem »egalitären Minjan« schon vertraut war, fand ich hier wieder: Spontanität, Offenheit, Heiterkeit, die innere Sammlung nicht ausschloß, sondern eher erhellte und ein unverkrampfter Umgang mit dem »Heiligen«. Am meisten bewegte mich, daß die Torarolle nicht wie ein Kult-objekt behandelt und von denen »da oben« verwaltet wurde. Nein, sie wurde von Hand zu Hand durch die ganze Ge-meinde gegeben, und ich durfte sinnlich auf meiner Haut erfühlen, daß ich ein Glied in der langen Kette der Überliefernden und Weitergebenden bin. Im Lachen und Lächeln der Nachbarn, die sie mir gaben und von mir nahmen, ging mir etwas von jener höheren Freundlichkeit auf, die die Frommen »Chen, Chesed und Rachamim« nennen. Es war für mich eine unvergeßliche Erfahrung von Religion, von Transzendenz, ohne daß ich an meiner atheitischen Überzeugung etwas zu ändern brauchte. Ich erlebte, daß ich mitsamt dieser Überzeugung dazugehörte, und war wiederum zu Hause.


Angela Schoschana Reinhard

Ob meine Mutter stolz auf mich wäre? Während des G'ttesdienstes am Schabbat-Morgen habe ich zum ersten Mal an einer Alija in einer Gruppe teilgenommen. Als ich dort vor der Bima stand und mein Blick über die Dächer der umliegenden Häuser glitt, dachte ich folgendes: Jetzt stehst du hier, wo früher in der Neuen Synagoge die Frauenempore war. Wenn dich jetzt deine Urgroßmutter oder Großmutter sehen könnten, wären sie stolz auf dich? Meine Mutter ist be-stimmt stolz auf mich, daß ich meinen Weg zurück zum Judentum gefunden habe. Zum ersten Mal spürte ich in mir eine Antwort, während ich im Kreis der anderen Frauen stand. Als ob mein Wunsch, den Faden der jüdischen Tradition meiner Vorfahren, durch Assimilation unterbrochen, wiederaufzunehmen, von »Schechina« mit einem »jetzt gehörst du wieder dazu« beantwortet wurde. Tief berührt kehrte ich an meinen Platz zurück. Wichtig ist für mich geworden, daß ich diese Erfahrungen mit anderen im »egalitären« G'ttesdienst der Oranienburger Straße vertiefen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.


Rainer Krokat

Ein ehrenamtlicher Goj unter lauter Rabbinerinnen

Der Begriff Bet Debora war mir so fremd wie eine wissenschaftliche Formel und dennoch habe ich es »gewagt« mit dabeizusein. Meine Kenntnisse vom Judentum waren bis dahin gleich Null. Diese Konferenz gab mir die Gelegenheit, engagierte, emanzipierte, jüdische Frauen kennenzulernen. Was mir als erstes auffiel, war der große Einsatz und die Euphorie der drei Organisatorinnen, die es schafften, eine neue Idee in die Wirklichkeit umzusetzen. Davor ziehe ich auch jetzt noch meinen Hut, sorry: die Kippa.

Meine Arbeit im Tagungsbüro schien im ersten Moment wie ein Sprung ins kalte, trübe Wasser. Aber schon nach kurzer Zeit fiel mir die Einzigartigkeit der Veranstaltung, der enorme Einsatz aller Helfer, und die große Geduld der meisten Teilnehmerinnen auf. Das machte es mir leichter, sehr schnell meine Aufgaben zu finden. Die vielen Frauen aus unterschiedlichen Ländern machten für mich die Arbeit total spannend. Manchmal nervten zwar die überzogenen Ansprüche einzelner Teilnehmerinnen an uns, aber durch Gespräche (meist in den Pausen) mit verschiedenen Teilnehmerinnen, wurde ich wieder entschädigt. Vor allem die Unterhaltungen mit den »Älteren« waren so interessant, daß ich alles Negative schnell wieder vergaß. Aber was soll’s, auch unter Juden gibt es Menschen, die sich zuviel Raum nehmen müssen. Zum Abschluß möchte ich noch sagen, daß diese Konferenz für mich etwas Besonderes war. Trotz megastressigen Zeiten hatte ich den Eindruck von »Wir haben es sehr gut gemacht« bekommen, und das ist für mich das größte Ziel, das wir erreichen konnten. Darum möchte ich auch das nächste Mal wieder mit dabei sein, dann aber auch inhaltlich mehr von den Veranstaltungen mitbekommen.


Judith Kessler

Arroganz und Ignoranz

Trotz der vielen schönen und versöhnlichen Worte möchte ich hier noch etwas Banales hinzufügen, im Namen der Helfer bei dieser Konferenz. Wir Helfer und Organisatoren haben hier alle ehrenamtlich gearbeitet – unentgeltlich und in unserer Freizeit. Und wir waren fast alle zugleich auch Teilnehmer der Konferenz. Theoretisch. Denn anstatt die Veranstaltungen zu besuchen, hatten wir rund um die Uhr damit zu tun, schmutzige Teller aus Treppenaufgängen zu räumen, Berge von Vorlagen für Referentinnen zu kopieren, das Parkett zu wischen und die Speisesäle wieder in Ordnung zu bringen, die jeden Tag wie Schlachtfelder hinterlassen wurden. Bei einer Rabbinerkonferenz hätte ich nichts anderes erwartet.

Bei einer Rabbinerinnenkonferenz schon. Statt dessen haben wir eine Menge Arroganz und Ignoranz erlebt. Hier sind viele große Worte gemacht worden. Leider scheint das alles für die Kleinigkeiten und für das Alltägliche nicht zu gelten. Sonst hätten es wohl mehr Leute geschafft, sich solidarisch zu zeigen, und wenigstens die eigene Tasse oder den eigenen Teller wegzuräumen, statt die Tische zu verwüsten und Lebensmittel auf die Erde zu werfen.

Für die Frauen, die versucht haben, die Speisen schön herzurichten, war das sehr frustrierend. Ich bedanke mich bei den wenigen Teilnehmerinnen, die selbst auf die Idee gekommen sind, hier und dort mal mit anzupacken. Und ich bedanke mich bei allen Freiwilligen, die hier Tag und Nacht geschuftet haben und entschuldige mich dafür, daß sie dabei von einigen Teilnehmern und Referentinnen wie Dienstboten behandelt oder angemotzt wurden, wenn mal was nicht ganz so geklappt hat. Wir haben das hier alle zum ersten Mal gemacht; es war sicher nicht perfekt, aber wir haben uns Mühe gegeben.


Malin Kundi

Jüdin in verschiedenen Welten

Das Konzept einer europäisch-jüdischen Identität ist für mich fraglich. Das europäische Judentum gibt es nicht, jedoch gibt es Juden überall in Europa. Ich denke, daß diejenigen, die sich tatsächlich freiwillig dafür entschieden haben, jüdisch zu sein vielleicht sogar denen einen großen Schritt voraus sind, die in eine jüdische Gemeinschaft hineingeboren wurden, für die Jüdischsein selbstverständlich ist und für die sich die Frage der Freiwilligkeit eigentlich nicht stellt. Für mich bedeutet Jüdischsein, die verschiedenen Seiten meiner Identität miteinander zu verweben, sie in den verschiedenen »Welten«, in denen ich lebe, sichtbar zu machen.

Ich möchte wissen, wie es andere geschafft haben, ihr Jüdischsein mit ihrer freiwilligen Identität als Linke, Antifaschisten, Lesben oder Schwule zu vereinbaren, mit ihrem jüdisch-christlichen oder jüdisch-moslemischen Hintergrund umzugehen. Ich interessiere mich für die individuellen Strategien, denn ich weiß auch, daß viele daran gescheitert sind, diese sich teilweise scheinbar widersprechenden Identitäten zusammenzubringen. Sie verleugnen einen Teil von sich, können verinnerlichten Antisemitismus und Homophobie nicht überwinden.


Angelika Levi

Am Ende der Wüste n Auf der Tagung ist mir die Dimension der Wüste klar geworden, die mich seit klein auf, als Kind einer überlebenden Jüdin und eines evangelischen Pfarrers, begleitet.

Gott gab Moses die Schrifttafeln… Ich hielt sie plötzlich in der Hand und dachte, ich bin doch eine Levi – wenn auch eine weibliche. Unbeholfen stand ich da, besorgt, die Torarollen könnten mir aus der Hand fallen. An diesem Wochenende in Berlin war ich maßlos erstaunt und aufgeregt über die Vielfalt eines für mich neuen, offenen Judentums, gelebt und diskutiert von Frauen aus West- und Osteuropa, ohne Ausschließungsdebatten, mit viel Verständnis für die jeweiligen Unterschiede. Der Begriff des »freiwilligen Jüdischseins« von Diana Pinto und das Nachdenken über die Konstruktion von jüdischer Identität waren für mich wichtige Punkte.

Eben weil sie der eindimensionalen Enge widersprechen und eine Vielheit von Identitäten im Judentum zulassen. Einer der Gründe, die mich lange davon abhielten, mein eigenes Jüdischsein zu outen, war die Erfahrung, auf vielen Seiten marginal zu sein, allein mit dem Judentum verbunden durch die Verfolgung und Vernichtung eines Teils der Familie. Die »Freiwilligkeit«, wie Diana Pinto sie formuliert, fordert ein aktives Engagement und bewußte Entscheidung, gerade weil nichts von der Traumatisierung durch die Schoa im privaten Bereich freiwillig ist oder war. Die Herausforderung eines pluralistischen, multikulturellen, jüdischen Raums ist durch Bet Debora sichtbar geworden. Ich freue mich schon auf die nächste Tagung.


Hartmut Bomhoff

Wir-Gefühl

Was Bet Debora ausmachte, war das »Wir-Gefühl«, die Aufbruchstimmung und das Wissen um das eigene Potential – erwartete Larmoyanz und der Rückzug in ein selbstgefälliges Dissidententum blieben aus. Autoritätsgebaren, hierarchisches Denken und Konkurrenz brachen unterdessen in ganz unvermuteten Situationen durch. Keine Frage, das Austauschen von Erfahrungen und Wünschen war wichtig für Herz und Kopf. Doch ob dieses grundsätzliche und konfessionsübergreifende Gemeinschafts-gefühl über längere Zeit trägt, müssen künftige Projekte erst noch zeigen. Bet Debora hat aber bewiesen, daß eine Gruppe von »minderem Status« sehr wohl auch mit Blick auf das religiöse Establishment initiativ und integrativ wirken kann.


Gloria Kraft-Sullivan

Die Tora ergreifen n Rabbinerinnen – Kantorinnen – Rabbinisch gelehrte Jüdinnen und Juden! – Der barock anmutende Untertitel der Tagung kann schon einschüchtern, wenn man sich nur zu den »interessierten« Jüdinnen und Juden zählt. Blamieren werde ich mich! Doch das Tagungsprogramm weckt Neugier: »Frauen stehen gleichberechtigt mit Männern auf der Bima« heißt es dort. Vor Jahren haben meine Töchter Bat Mizwa gefeiert. Sie hatten Tora gelernt, traten gemeinsam mit ihrem Vater auf die Bima und durften ihre Stimme erheben. Eine Initiation, ein großer Tag, darauf angelegt, den Eintritt in die Erwachsenenwelt zu markieren. Doch auch ein Tag mit Folgen, die dazu nicht passen wollen: im Bewußtsein, nicht zu »zählen«, würden sie von nun an in Passivität auf die Empore verbannt sein.

Nun war ich neugierig, Frauen zu begegnen, für die eine aktive, sichtbare und hörbare Teilhabe am Gottesdienst selbstverständlich ist. Ich war bereit, mich auf Neues einzulassen. Die warme und professionelle Atmosphäre kam mir dabei entgegen: Emotionalität war gestattet, ohne das intellektuelle Bedürfnis zu vernachlässigen. Die emotionale Seite trat für mich am deutlichsten bei dem später so kontrovers diskutierten Schabbatgottesdienst zutage. Natürlich ist es ungewohnt, gleich eine Gruppe von Rabbinerinnen und Kantorinnen amtieren zu sehen – Beehrungen müssen sorgsam gestreut werden, hierin unterscheidet sich die weibliche Psyche in nichts von der männlichen. Natürlich irritiert es, wenn die Zahl der Aufgerufenen enorm erweitert wird. Dennoch ist uns allen dieses Vorgehen vom Simchat-Tora-Gottesdienst vertraut und wir kennen seinen Sinn: aus Freude und Dankbarkeit sollen wenigstens bei diesem besonderen Anlaß alle die Tora ergreifen – und von ihr ergriffen werden. Zutiefst ergreifend empfand ich den Moment, als die Ehrengäste zur Tora aufgerufen wurden. Ich sah in ihnen meine eigenen Ahnmütter verwirklichen, was ich meiner jüngsten Tochter bei ihrer Bat Mitzwa mitgegeben habe: »Ergreife auch du die Tora«.

Ein Gottesdienstelement hatte mich zunächst auch verwirrt und in Verlegenheit gebracht: das Weitergeben der Torarolle von Arm zu Arm. Ich sah es mir zuerst nur an, vor dem inneren Auge wieder die Bilder der Männer an Simchat Tora. Dabei schien mir ein Unterschied augenfällig: das Bild von der Torarolle als Kind, das zärtlich in den Arm genommen wird, ist zwar durchaus nicht neu; doch zu meiner Überraschung wurde dieses »Kind« nicht aufrecht wie ein Kleinkind, sondern liegend wie ein Säugling von Frau zu Frau weitergereicht – eine Bewegung von schlafwandlerischer Sicherheit und großer Behutsamkeit. Wer darin einen respektlosen Umgang mit der Tora sehen wollte, muß blind für Körpersprache sein.

Hier wurde das symbolische Ergreifen der Tora in einer weiblichen Ausdrucksform in Handlung umgesetzt, getragen von Achtung und Verantwortung für das Anvertraute. Ich hatte dann auch den Mut, die Torarolle entgegen zu nehmen und sie meiner Freundin in den Arm zu legen.

Meine Befürchtung vorab, mich im Kreise von Frauen mit so viel umfassenderer jüdischer Bildung nur blamieren zu können, war gegenstandslos. Was ich im kleinen Rahmen des Workshops erfuhr, läßt sich auf Bet Debora, wie ich es insgesamt erlebte, übertragen. Ein solches Lehrhaus der Frauen für Männer und Frauen, die nach Wegen suchen, jüdische Tradition in einer sich stets und immer schneller wandelnden Gegenwart zu leben, ist notwendig.

 

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