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Journal 2 - 2001 |
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Toby Axelrod Ki Teze oder Jesaja 54, ist für mich eine besonders wichtige Haftara [Prophetenlesung am Schabbat]. Sie war die Haftara bei meiner Bat-Mizwa im Jahre 1969. Und ich habe von ihr Besitz ergriffen, geahnt, daß dieser poetische Text auserkoren war, mir in Zukunft zu helfen. In diesem Text sagt Gott zu einer kinderlosen Frau: "Zahlreicher sind die Kinder der Einsamen als die Kinder der Vermählten." Als ich dreizehn Jahre alt war, wußte ich nicht, daß ich mein derzeitiges Lebensalter ohne eine eigene Familie erreichen würde. Den richtigen Mann zu finden und mit ihm Kinder zu haben, war das ultimative Ziel meines Lebens. Für manche ist das überhaupt kein Ziel. Ich achte die Entscheidungen anderer, aber für mich ist es eine schmerzhafte Erfahrung, ohne eigene Familie zu sein. Es ist eine Situation, mit der zu leben ich lerne, obwohl ich noch immer hoffe, daß meine Träume sich eines Tages erfüllen werden. Nein, es ist nicht meine Entscheidung, keine Kinder zu haben. Nicht direkt, nicht um jeden Preis. Ich bin eine von denen, die in einer Zeit voller widersprüchlicher Botschaften heranreifte. Ich habe (und tue das noch immer) an Romantik und Unabhängigkeit geglaubt. Mein idealer Ehemann sollte ein Freund, Liebhaber und Partner im Leben sein. Ich glaubte daran, sexuell und sinnlich, aber kein Sexobjekt zu sein. Ich glaubte daran, jüdisch zu sein und gleichzeitig keinen Beschränkungen zu unterliegen (inzwischen sehe ich diese Beschränkungen nicht mehr als diskriminierend an). Ich wollte vier Kinder haben - zwei ältere, zwei jüngere und zwei in der Mitte. Und ich habe nicht auf die Uhr geachtet. Wer dachte schon, daß die modernen Ziele - Karrierefrau zu sein, die einem von Gott gegebenen Fähigkeiten zu entwickeln und finanzielle Unabhängigkeit zu sichern - der Suche nach Beziehungen so viel Zeit entziehen würden? Wer dachte, daß so viele junge Männer noch immer nach traditionellen Frauen suchen würden? Und wer dachte, daß die zweideutige Botschaft unseres liberalen Milieus - liebe deinen Nachbarn und heirate einen Juden - sich als eine solche Herausforderung erweisen würde? Und wer hätte gedacht, daß sich die ultimative Warnung, die von der Synagogenkanzel herab verkündet wurde - "Vollendet nicht das Werk Hitlers! Ihr müßt jüdische Kinder haben!" - als derart paralysierend erweisen würde? Wenn ich heute zurückschaue, dann sehe ich, daß unsere Generation auf einer neu errichteten Brücke stand. Wir waren die Postholocaust-Generation, und die Botschaft war klar. Wir sollten die dezimierte jüdische Nation wieder aufbauen. Kind für Kind. Aber für diejenigen unter uns, die nicht vom Stetl-artigen Kokon der Ultraorthodoxie umgeben waren, wo "Himmlische Hochzeiten" von Eltern hier auf Erden arrangiert werden, blieb die gewaltige Herausforderung, unseren Weg zu Familie und Karriere gleichermaßen zu finden - in einer Gesellschaft, die neue Möglichkeiten und Verantwortungen bot, wo es jedoch nicht genügend Vorbilder gab, die den Weg wiesen. Die Unabhängigkeit, die wir ererbten, ist befreiend und fordernd. Sie verlangt nach Disziplin gegenüber großer Nachsicht. Unsere Gesellschaft ermutigt uns indirekt, uns selbst für unsterblich zu halten, durch die Ablenkungen des materiellen Wohlstands, Aussehens und Vergnügens - alles, was für Geld gekauft werden kann. Und in der Zwischenzeit werden wir älter. Ich sage "wir", weil ich euch alle um mich herum sehe, in Deutschland und den USA: heterosexuelle Frauen in ihren späten Dreißigern bis Fünfzigern, die nach einem Mann Ausschau halten, mit dem sie ihr Leben teilen und eine Familie gründen wollen. Ich kenne kaum so viele Männer in der gleichen Situation. Laßt uns unsere Ziele nicht länger hinausschieben. Und, falls wir selber physisch keine Kinder zur Welt bringen können, dann laßt uns nach neuen Wegen suchen, jene Träume zu erfüllen, fruchtbar zu sein, wenn wir es wollen. Und dabei zu helfen, "jüdische Kontinuität" zu sichern - jedoch nicht, um zu vermeiden, als Komplizinnen Hitlers bezeichnet zu werden. Der sehr poetische Text Ki Teze enthält einige mögliche Antworten für Männer und Frauen, die die Partner, nach denen sie suchen, noch nicht gefunden haben, die nach Wegen suchen, ihre schöpferische Rolle zu erfüllen. Ki Teze handelt davon, daß eine verlassene Braut erneut "aufgelesen" wird und daß die Liebe Gottes "nicht von dir weichen und das Band meines Friedens nicht wanken wird". Der Text klingt liebevoll und zärtlich, trotz des Bildes, daß die Frau von ihrem Ehemann oder von Gott abhängig ist, um Erfüllung zu erhalten. Eine übliche Interpretation des Textes ist, daß die Frau das Volk Israel repräsentiert, und daß Gott verspricht, es zu voller Blüte zu erwecken. Aber man kann ihn auch als die Darstellung schöpferischer Erfüllung für jene, die ohne Kinder sind, verstehen. Dies beinhaltet dennoch das Aufziehen einer neuen Generation, die Art von Erneuerung und Inspiration, die Kinder mit sich bringen. Es schließt das Bedürfnis ein, daß viele von uns fühlen: jenen zu helfen, sie zu schüzen und zu führen, die es brauchen. Es schließt auch unser Verlangen ein, unsere Spiritualität durch Musik, Kunst, Schreiben, durch das Schaffen von Medizin und Maschinen, die das menschliche Leben verbessern, auszudrücken. So handelt die Haftara Ki Teze von der Schöpfung. Aber es geht nicht um nur eine Form von Schöpfung. Indem wir sagen, wir sind im Ebenbild Gottes geschaffen, heißt das, wir sind schöpferische Wesen. Wir sehen nicht aus wie Gott, aber wir haben die Fähigkeit, wie Gott zu handeln. Nicht, indem wir über andere bestimmen, nicht, indem wir etwas aus dem Nichts schaffen, sondern indem wir etwas aus uns selbst heraus machen, das über uns hinaus geht, um andere positiv zu beeinflussen. Eine uns innewohnende gottähnliche Schöpfungsqualität, einmal entstanden, führt ein Eigenleben. Jede unserer Schöpfungen hat die Fähigkeit zur Schöpfung. Ich kann noch immer die ersten vier Zeilen von Ki Teze aufsagen, ohne in den Text sehen zu müssen. Meine Bat Mizwa war die erste in unserer Familie, welche, zumindest auf väterlicher Seite, sehr traditionelle Wurzeln hatte. Es wurde nie infrage gestellt, daß ich eine Bat Mizwa haben würde. Mein Großvater väterlicherseits, ein orthodoxer Rabbiner, kam zum Gottesdienst, und er ging sogar zur Bima und sprach - über die traditionelle Rolle jüdischer Frauen. Ihr könnt jetzt vermuten, ich hätte aufgepaßt, aber ich war zu sehr mit meinen Füßen beschäftigt, die schmerzend in kleinen, weißen, hochhackigen Schuhen steckten. Stattdessen wanderten meine Gedanken zur kleinen Schul [Synagoge] meines Großvaters , wo Frauen und Männer getrennt saßen, aber die Kinder frei herumtobten, frei, um die Geheimtür zu öffnen, wo das Schofar [Widderhorn] versteckt war, frei, um den Samt des Toravorhangs zu fühlen. Es muß irgendwo stehen, daß Kinder in der Synagoge frei sein sollen. Sie erinnern an das wichtigste Wort am Anfang von Ki Teze: Jubele! Und sie erinnern an die fröhliche Aufsässigkeit der Schöpfung. Wenn ich auf die Worte meiner alten Haftara schaue, dann sehe ich viele Bilder der Fruchtbarkeit. Die Tage der Ernte kommen kurz nach den Tagen der Erlösung. Wenn wir für sie bereit sind, gibt es viele Früchte, an denen wir teilhaben können, und viele Wege, auf denen die Früchte unserer Arbeit anderen Erfüllung bringen können. Wie es in Ki Teze heißt: Gott ist "der Gott der Liebe für alle Heerscharen seiner Schöpfung." Toby Axelrod ist die deutsche Korrespondentin der Jewish Telegraph Agency. Sie lebt seit Oktober 1997 in Berlin. |
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