Journal 2 - 2001
Herausforderungen

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Rochelle Allebes
Gewalt in der jüdischen Familie

"Die jüdische Familie - Mythos und Realität" lautete der Titel der 2. Bet Debora Tagung. Es drehte sich vieles um "dazugehören" oder "ausgeschlossen werden", um Definitionsmacht darüber, wer jüdisch ist und wer (noch) nicht. Die grosse jüdische Gemeinschaft und die kleine jüdische Familie wurden als sehr begehrenswerte Orte dargestellt. Verständlich, dass bei soviel Begehren wenig Platz für eine andere Realität, die der Gewalt in der jüdischen Familie, war.

Laut amerikanischen Untersuchungen ist es wahrscheinlich, das Gewalt in jüdischen Familien soviel vorkommt als in anderen Familien. Ein Unterschied besteht darin, dass jüdische Frauen seltener und weniger schnell Hilfe von aussen suchen. Sie bleiben 5 bis 7 Jahre länger in Beziehungen, in welchen sie Gewalt erleiden. Die starken Mythen um die jüdische Familie spielen dabei eine grosse Rolle.

Die Mythen.

Ein starkes, prägendes Bild ist das des "Shalom Bayit", des häuslichen Friedens. Frauen und Mütter fühlen sich für diesen Frieden sehr verantwortlich. Wenn er nicht zu realisieren ist, wie sie sich das vorstellen oder auch gelernt haben, fühlen sie sich schuldig, schämen sich und sehen sich als schlechte Frauen und Mütter.

Jüdische Familien werden auch durch die nicht jüdische Aussenwelt als warm, verbunden und friedlich wahrgenommen. Es ist schwierig, mit einer Gewaltproblematik nach aussen zu treten und alle diese inneren und äusseren Bilder und Erwartungen zu zerstören. Ausserdem bringt frau so eine Schande (shanda) über die Familie.

Ein anderer starker Mythos ist der des sanften, friedfertigen und eher passiven jüdischen Mannes. Wenn sich im Alltag dieses Bild in ein Schreckensszenario verwandelt, muss es auch auf verschiedene Ebenen "bekämpft" werden. Es dauert lang, bis eine Frau das Verhalten ihres Mannes als gewalttätig definiert. Zuerst wird sie alle mögliche Erklärungen und Entschuldigungen vorbringen und akzeptieren, oft ist sie auch bereit die Ursache für die Gewalt bei sich selber zu suchen. Meistens fängt Gewalt in einer Beziehung nicht mit körperlicher Gewalt an, sondern mit Kontrolle (über Geld, wo die Frau hingeht, mit wem sie Kontakt hat), Isolierung (verhindern von Aussenkontakten, Verbot, Kurse zu besuchen) und Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit (u.a. mittels Auferlegen von sog. religiös begründeten Ge-und Verboten).

Am Anfang kann dieses Bedürfnis des Mannes, seine Frau zu kontrollieren sich als ritterliches Verhalten tarnen: Er begleitet sie überall hin, bringt und holt sie... Erst wenn sie das erste Mal wieder etwas alleine machen möchte, ist die Hölle los. Wenn die Frau in diesem Moment nicht an ihren Wünschen und Bedürfnissen festhält sondern versucht, ihren Mann zu verstehen und ihm nachgibt, hat sie möglicherweise einer schleichenden Gewaltspirale in ihrer Ehe die Tür geöffnet.

Vor allem für eine unerfahren Frau ist es schwierig zu formulieren, was in ihrer Beziehung abläuft, bis sie zum ersten Mal geschlagen wird : Schlagen passt nicht in ihr Bild einer Ehe. Es können aber jahrelang andere Formen von Misshandlung und Missbrauch im Spiel sein, bevor es so weit kommt.

Der letzte Mythos ist das Selbstbild der Frau. Oft ist es das Bild einer starken, gebildeten Frau, die den Alltag ihrer Familie in den Griff hat. Eine Frau, die Verantwortung für das Wohlergehen aller ihrer Angehörigen trägt, ob sie ausserhaus noch arbeitet oder nicht.

Auch dieses Selbstbild kommt in einer Wechselwirkung von Zuschreibungen von aussen und innen zustande, die sich gegenseitig verstärken. Es ist nicht leicht, sich und anderen einzugestehen, dass dieses Bild nicht stimmt, zugeben zu müssen, das sie sich in dem Mann getäuscht hat, den sie als Partner und Vater ihrer Kinder gewählt hat (oder der für sie gewählt wurde).

Selbstrespekt und Selbstvertrauen werden durch das manchmal jahrelange Leben in einer von Erniedrigungen und Gewalt geprägten Beziehung untergraben. Diese Verunsicherung wiederum macht es schwierig, nach aussen zu treten und Hilfe zu suchen. So laufen viele Frauen Gefahr, immer passiver eine sich langsam eskalierende Lebenssituation zu erdulden. In vielen Fällen fühlen sich Mütter erst zum handeln gezwungen, wenn sie sehen, dass auch ihre Kinder, direkt oder indirekt, betroffen sind.

Als Formen innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder werden allgemein folgende Unterscheidungen gemacht: körperliche und psychische Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Vernachlässigung. Alle diese Formen kommen, laut Untersuchungen aus den USA, auch in jüdischen Familien vor. Vermutet wird, dass psychische Gewalt ("Gewalt mit den Händen auf dem Rücken") in jüdischen Familien häufiger ist als körperliche Gewaltausübung.

Gibt es spezifische gefährdende Faktoren in diesen Familien? Es gibt solche Faktoren, obwohl sie nicht immer nur für jüdische Familien gelten.

Es ist bekannt, dass es für viele Überlebende des zweiten Weltkriegs sehr schwierig war, ihre Aufgaben als Eltern "gut genug" zu erfüllen. Nicht selten arteten ihre Erziehungsschwierigkeiten in Formen von emotionaler aber auch körperlicher Misshandlung aus. Einige Kinder der sog. 2. Generation, die "Kinder des Holocaust" haben diese Familien aus ihrer Sicht beschrieben. Weil sie als Kinder sehr viel Verständnis für ihre Eltern haben (mussten!), muss man zwischen den Zeilen lesen um zu sehen, dass sie nicht selten von Misshandlungssituationen berichten.

Die Palette ist sehr breit: Kinder, die nie jemand mit nach Hause nehmen oder in anderen Familien gehen durften - Eltern, die so ängstlich waren, dass sie ihren Kindern jegliche Bewegungsfreiheit zu unterbinden versuchten - Eltern, die dauernd über ihre Kriegserfahrungen erzählten oder, im Gegenteil, Eltern die nicht imstande waren ihren Kindern zu erzählen, wieso keine Verwandte mehr da waren - Eltern, die ihre Kinder mit Methoden bestraften, die sie im KZ erlebt hatten (von die Kinder anbrüllen, extrem disziplinieren bis zum Peitschen). Die so geschädigte Kinder der 2. Generation haben es wiederum sehr schwer, ihren Kindern zu geben, was sie selber nie bekommen haben.

(Um Missverständnisse vorzubeugen muss ich anfügen, dass ich sicher nicht der Meinung bin, dass die ganze 2. Generation traumatisiert ist.)

Wenn Juden in einer Umgebung leben, in der sie eine Minderheitsgruppe sind oder sogar die einzige jüdische Familie, sind auch gefährdende Faktoren vorhanden. Kinder werden z.B. gezwungen, sich immer perfekt zu benehmen oder ihre jüdische Identität geheim zu halten. Diese Kinder stehen durch die Angst, sich und die Eltern zu gefährden unter Druck. Die Angst der Eltern erzeugt in diesen Familien immer wieder eine Spannung, die einen Nährboden für Ausschreitungen bilden kann.

Stressfaktoren, zu viele Belastungen im Alltag, sind eine allgemein bekannte Gefährdung. Familien mit vielen Kindern, in zu engen Wohnverhältnissen, mit Geldsorgen, sind mit der Alltagsbewältigung schnell überfordert. Die Kinder müssen früh stark diszipliniert werden und Verantwortung übernehmen, die ihrem Alter nicht entspricht. Mütter in solchen Familien sind oft dauernd überfordert,beide Eltern verlieren schnell einmal die Geduld.

Die speziellen jüdische Nottelefondienste in den USA berichten von einer deutlich erhöhten Anzahl der Notrufe um die jüdischen Feiertage.

Eine chronisch konflikthafte Paarbeziehung ist ein anderer bekannte Stressfaktor, der eine Gefährdung für das Kindeswohl darstellt. Auch ohne direkte Gewalt den Kindern gegenüber ist sie für diese sehr belastend.

Die religiösen und traditionellen Vorschriften und Gebräuche können in der Familie missbraucht werden, um Kontrolle auszuüben, zu drohen und Frauen und Kinder unnötig in ihrer Bewegungs-und Verhaltensfreiheit einzuengen. Es kommt bekanntlich vieles auf die Auslegung dieser Vorschriften an, und in der Torah lässt sich immer ein Abschnitt finden, der die eigene Haltung unterstützt.

Shabbat und Feiertage können so zu Horrormomenten für die Familie werden.

Wenn eine Frau sich überlegt wegzugehen, kann ihr Mann drohen, ihr keinen Get zu geben. Die ganze Problematik um den Get ist eine Form struktureller Gewalt, die die Situation von betroffenen Frauen noch verschlimmert.

Die Position von Frauen im Judentum birgt mehrere Aspekte in sich, die das Dulden von Misshandlungen fördern. Eine Frau zählt erst wirklich mit, wenn sie verheiratet ist. Alle Rituale, in welchen Frauen eine Rolle spielen, beziehen sich auf Frauen in der Familie. Der Status einer Single (und das gilt auch für single Männer) oder einer geschiedenen Frau ist im Rahmen einer jüdischen Gemeinde nicht einfach.

Die Rolle der Frau im Judentum spielt sich beinahe ausschliesslich innerhalb der Familie ab. In der Synagoge ist sie, ausser in den liberalen Gemeinden, meistens nicht aktiv am Gottesdienst beteiligt und schon rein von der Architektur her eher geduldet als erwünscht. Das heisst, dass eine jüdische Frau "ihre" Religiosität erst wirklich als verheiratete Frau und Mutter leben kann. Dieser Status ist für Frauen deshalb sehr wichtig und gibt Männern viel Macht über Frauen. Es braucht persönliche Stärke, Mut und die Unterstützung anderer Frauen, um diese starken Prägungen zu überwinden. Gewaltprävention in der jüdischen Gemeinschaft sollte sich, aufgrund oben erwähnter Erkenntnisse, u.a. mit folgenden Themen befassen:

xxxxxxxxDie Problematik um den Get: Hier liegen schon einige Lösungsmodelle vor...
xxxxxxxxRabbiner und andere wichtige Vertrauenspersonen in den Gemeinden müssen geschult werden, Anzeichen von xxxxxxxxxGewaltsituationen in Familien wahrzunehmen. Sie müssen lernen Frauen, die über solche Situationen berichten, xxxxxxxxxernst zu nehmen und mit diesem Thema so umzugehen, dass betroffene Familien nicht unnötig leiden.
xxxxxxxxDer Zwang, viele bis zu viele Kinder zu bekommen, müsste stark relativiert werden. Die vorhandene Ressourcen xxxxxxxxxeines Paares, sowohl materielle als auch emotionale und konstitutionelle, sollten eine grosse Rolle spielen.
xxxxxxxxEs müssten niederschwellige, telefonische, ambulante und stationäre Möglichkeiten vorhanden sein, die Beratung xxxxxxxxxund konkrete Hilfe anbieten können. Diese Hilfe müsste unkompliziert und anonym, sowohl für Frauen als auch für xxxxxxxxxPaare und Familien zugänglich sein. Der Ort solcher Stellen sollte neutral, d.h. nicht innerhalb einer Gemeinde sein xxxxxxxxxund die MitarbeiterInnen sollten nicht von irgendeiner Gemeinde kontrolliert werden.
xxxxxxxxPrävention von Gewalt ist auch, wenn Frauen und Männer offene Ohren und Augen haben und hilfsbereit sind, wenn xxxxxxxxxim eigenen Umfeld eine Familie in Schwierigkeiten ist und Entlastung braucht.
xxxxxxxxDie jüdische Gemeinschaft kann sowohl ein Ort von sozialer Kontrolle und so eher gefährdend als auch ein Ort von xxxxxxxxxsozialer Unterstützung und Offenheit sein. Dann trägt sie aktiv dazu bei, dass Schwierigkeiten in Familien nicht bis xxxxxxxxxzu Gewalt eskalieren müssen und dass Opfer von Gewalt schneller Hilfe bekommen. Eine gute Integration von jetzt xxxxxxxxxeher Aussenstehenden wie Menschen, die single, geschieden, mit nicht jüdischem Partner zusammen, lesbisch xxxxxxxxxoder schwul sind, wäre ebenfalls ein wichtiger Beitrag. Wenn leben in einer Familie eine frei wählbare Form unter xxxxxxxxxanderen Möglichkeiten ist und es für jede und jeden innerhalb einer Gemeinschaft oder Gemeinde möglich ist, xxxxxxxxxwirklich dazu zu gehören, muss der Ausstieg aus einer privaten Gewaltsituation nicht mehr so teuer bezahlt werden.

Die erwähnte Untersuchungen:
Pamela Druckerman: "Domestic Violence Among Jews", in "The Jewish Advocate", 1994;
Betsy Giller, Ellen Goldschmidt: "All in the Family: A Study of Intra-Familial Violence in the Los Angeles Jewish Community", University of Southern California and Hebrew Union College, 1980;
"What is Family Violence?" Study by the Jewish Family Service in Fort Lauderdale, Florida, 1994.

Rochelle Allebes, geboren 1951 in Leiden (Niederlanden), lebt heute in Zürich und ist Sozialarbeiterin, Supervisorin und Therapeutin. Zunächst Mitarbeit in einem Frauenhaus und seit elf Jahren im Elternnotruf, einer privaten Institution mit einem Beratungs- und Therapieangeboten bei familiärer Gewalt und Erziehungsproblemen. Aktive Auseinandersetzung mit jüdischer Identität, Judentum, Grenzen und Möglichkeiten in der Einheitsgemeinde. Verheiratet, zwei Söhne (14 und 10). Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zu Erziehungsthemen und Gewalt in der Familie.

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