Journal 2 - 2001
Herausforderungen

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Lynn Feinberg
Alleinerziehende Mutter in einer orthodoxen Gemeinde

Die traditionelle jüdische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, ist tief im jüdischen Selbstbild verankert. In dieser Vorstellung spielt der Vater eine bedeutende Rolle. In der Tat habe ich als alleinerziehende Mutter mein Familienleben oft als amputiert erfahren. Eine jüdische alleinerziehende Mutter muß viele Rollen übernehmen, die traditionellerweise dem Vater zugeschrieben sind, wie Kiddusch und Hamozi sagen [Segen über Wein und Brot]. Im Prinzip provozierte ich in zweierlei Hinsicht: durch meine Entscheidung, zum einen anders als die Mehrheitskultur zu leben, und zum anderen Rollen auszufüllen, die in der jüdischen Tradition noch nicht ausgeformt sind. Manchmal fühlte ich mich dabei sehr einsam.

Der Besuch unserer Synagoge in Oslo mit meinen Kindern erwies sich als die größte Herausforderung. Als Frau mußte ich oben auf der Galerie sitzen, wo man nur von den vorderen Reihen aus sehen kann, was während des Gottesdienstes vor sich geht. Meine Söhne wollten bei den anderen Kindern sein, die mit ihren Vätern unten saßen. Bis zu ihrem 9. und 10. Lebensjahr war mein Vater, ihr Großvater, noch am Leben und bei den Gottesdiensten immer in der Synagoge. Er erfüllte ersatzweise die Rolle des Vaters. Die Schabbatfeiern mit ihm und seiner zweiten Frau nahmen mir das Gefühl, für keine "richtigen" Familienzusammenkünfte sorgen zu können. Doch in der Synagoge war mein Vater während der Gottesdienste oft mit praktischen Dingen beschäftigt, so daß er nicht immer Zeit hatte, meinen Söhnen das fehlende Elternteil zu ersetzen. Mich frustrierte, daß ich von meinen Söhnen getrennt sitzen mußte, was meinen Einfluß hinsichtlich ihres Verständnisses der Gottesdienste stark einschränkte.

Dies machte mich für die Judentum innewohnenden Geschlechterfragen bewußt und spornte mein Interesse an, etwas zu unternehmen. Irgendwann schloß ich mich unserem Synagogen-Kinderchor an (ich war eine von zwei erwachsenen Frauen, einigen Männern, der Rest waren Kinder), damit meine Kinder aktiver an den Gottesdiensten teilnehmen würden. Doch die Frauen und Mädchen müssen oben auf der Galerie singen, nur die Jungen stehen unten auf der Bima [Synagogenpodium].

Obgleich es in der norwegischen Gesellschaft ziemlich üblich ist, daß Kinder mit nur einem Elternteil aufwachsen, war das in unserer jüdischen Gemeinde vor 16 Jahren nicht der Fall. Damals war ich die erste alleinerziehende Mutter, später gab es einige mehr, doch die normative Familie bestimmt weiterhin das Bild, selbst wenn beide Elternteile nicht zwingend jüdisch sind. Unter diesen Bedingungen empfand ich als Alleinerziehende meine Verletzbarkeit in der Gemeinde besonders stark. Die heutigen Väter spielen eine wichtige Rolle im Leben der Kinder. Als alleinstehende Mutter fiel ich bei bestimmten Gelegenheiten auf. Zum Beispiel dann, wenn ich meine Kinder zu den jüdischen Wochenend-Camps fuhr oder sie zum wöchentlichen Cheder-Unterricht [Religionsunterricht] brachte, was meist meist die Väter tun. Alleinerziehend zu sein bedeutete, beide Rollen, sowohl der Mutter als auch des Vaters, auszufüllen, was oft eine schwere Belastung war.

Meine Söhne haben beide jüdische Namen, aber keinen jüdischen Vater, das heißt, sie werden als Söhne mit meinem jüdischen Namen zur Tora aufgerufen, was ihren und meinen Status unterstreicht. Als sich meine Söhne auf die Bar-Mitzwa vorbereiteten, war ich ihre Tutorin - traditionell eine typische Aufgabe des Vaters - und wie die meisten Mütter war ich dafür zuständig, das Fest zu organisieren, Gäste einzuladen, das Essen vorzubereiten usw. Meinen Söhnen bei der Vorbereitung ihrer Bar Mitzwa zu helfen, machte mir Spaß. Indem ich zusammen mit ihnen lernte, eignete ich mir das Lejnen [traditioneller Toragesang] an. Doch bei der eigentlichen Bar Mizwa hatte ich meinen Platz oben auf der Galerie, und sie waren unten.

In unserer Gemeinde ist es üblich, daß die Familie des Bar-Mizwa-Knaben nach dem Schabbat-Morgengottesdienst einen Kiddusch mit Kaffee und Kuchen im Gemeindezentrum ausrichtet. Meine Rosch-Chodesch-Gruppe hatte dies freiwillig für mich übernommen. Ohne deren Hilfe hätte ich noch eine zusätzliche Last auf meinen Schultern getragen. Dies zeigt aber, daß ich als alleinerziehende Mutter dennoch von der Gemeinde akzeptiert werde. Mein Status hat mein Bewußtsein für Geschlechterfragen geschärft. Letztlich fand ich einen Weg, mich in meiner Tradition wohl zu fühlen. Dabei war es für mich wichtig, mich sowohl mit der "männlichen" Seite als auch mit der Rolle der Frauen im Judentum auseinanderzusetzen. Ich habe versucht, dieses Wissen mit anderen jüdischen Frauen in den zwei Rosch-Chodesch-Gruppen zu teilen, die ich mit gegründet habe. Paradoxerweise werde ich heute in unserer Gemeinde auch für diese Leistung geachtet.

Ich habe Probleme damit, wie die Tradition interpretiert und den Kindern und Erwachsenen in einem orthodoxen Rahmen vermittelt wird. Ich verwahre mich dagegen, daß das Judentum seine Gelehrten von früher als unanfechtbare Autoritäten darstellt, als hätten sie alles zu sagen, und zugleich behauptet, daß unsere heutigen Auffassungen wertlos seien. Da die sogenannten Weisen alle Männer waren, die unter ganz anderen sozio-ökonomischen Bedingungen lebten, habe ich Grund genug, ihre absolute Gültigkeit in Frage zu stellen. Aus meiner Sicht enterben wir uns selbst mit jener Art und Weise, die Vergangenheit zu ehren. So habe ich als alleinerziehende jüdische Mutter die Tradition nicht nur anders sehen gelernt. Ich wurde auch herausgefordert, mich mit der Tradition tiefergehend auseinanderzusetzen. Noch habe ich mehr Fragen als Antworten.

Lynn Feinberg, wurde in Oslo geboren, wo sie heute lebt. Sie ist eine alleinstehende Mutter, Aktivistin innerhalb der orthodoxen Jüdischen Gemeinde, in der schon ihr Vater eine führende Rolle spielte. Sie ist Feministin, Gründerin von zwei Rosch Chodesch Gruppen und setzt sich für experimentelle Wege in der Religion und mehr spirituelle Inklusivität ein. Derzeit hat ihre Magisterarbeit in Geschichte der Religionen über Gender in Beziehung zum Gebet und zur rituellen Reinheit geschrieben.

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