Journal 2 - 2001
Herausforderungen

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Elizabeth Tikvah Sarah
Schwul-lesbische Kidduschin

In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist lesbisches und schwules Leben sichtbarer geworden - jedenfalls in der westlichen Welt. Und in dem Maße, in dem die gleichgeschlechtlichen Beziehungen aus dem Schatten herausgetreten sind, klagt heute eine wachsende Zahl von lesbischen und schwulen Paaren die öffentliche Anerkennung ihrer Beziehung ein.

Es ist wichtig, diese Entwicklung im Kontext zu sehen. Die Veränderung von Geschlechterrollen in den vergangenen dreißig Jahren hat dazu geführt, daß auch heretosexuelle Ehen anders wurden. In gewisser Weise sind die Unterschiede zwischen heterosexuellen Ehen heute und solchen aus pre-feministischen Zeiten so groß wie die zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen. Viele heterosexuelle "Ehen" passen heute nicht mehr ohne Weiteres in das Konzept der Ehe, das von religiösen Institutionen und vom Staat verkündet wird. Aber nicht nur, daß die Ehe sich verändert, sie ist auch immer weniger verbreitet. In einem Klima, in dem immer weniger Heterosexuelle heiraten, wird die Entscheidung für die Ehe zunehmend als eine Wahlmöglichkeit betrachtet und nicht als eine unvermeidbare Existenzgrundlage für alle erwachsenen Heterosexuellen. Und in diesem Klima beobachten wir das Aufkommen der lesbischen und schwulen Ehe.

Natürlich wählen nicht alle Schwulen und Lesben die Ehe. Für manche ist es in der Tat wichtiger, daß Lesben und Schwule anders leben und nicht in eine heterosexuelle Institution eingebunden werden. Diese Ansicht gefällt natürlich den heterosexuellen Kritikern, die das Heiraten als ihr ausschließliches Vorrecht ansehen, als ewiges Zeichen des höherwertigen Status von heterosexuellen Beziehungen.

Die traditionelle Grundlage der jüdischen Eheschließung (Kidduschin) als ausschließliches Vorrecht heterosexueller Paare wurzelt in der Vorstellung, daß die Menschheit in zweierlei Gestalt geschaffen wurde, als Mann und Frau, damit sie sich zum Zwecke der Reproduktion und Partnerschaft vereinen. Diese bipolare Lesart richtet sich auf die anatomischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie sie im ersten Schöpfungsbericht umrissen werden, wo die Worte männlich (sachar) und weiblich (nekeva) verwendet werden (Genesis 1:27). Sie ignoriert die Tatsache, daß sowohl Männer als auch Frauen als zwei Erscheinungsformen des menschlichen Wesens (adam), als "Ebenbild Gottes", geschaffen worden sind und daß in der zweiten Schöpfungsgeschichte die Ähnlichkeit zwischen den beiden Geschlechtern durch Verwendung der Worte Frau, Ischa, und Mann, Isch, unterstrichen wird. Beide leiten sich von der Wurzel Alef, Nun, Schin ab - was soviel wie Mensch-Sein bedeutet (2:23).

Obwohl das jüdische Konzept der Heiligkeit, Keduscha, mit der Idee von Trennungen verbunden ist, was sich im Ritual der Trauung (Erusin - Kidduschin) widerspiegelt, wenn die Braut für den Bräutigam abgesondert wird, ist die Heiratszeremonie insgesamt ziemlich paradox: Während die Braut im ersten Teil der Zeremonie dem Bräutigam geweiht und der Unterschied zwischen ihnen betont wird, werden sie andererseits im einzigartigen Bild der Menschheit (adam) in Eden mit sieben Segenssprüchen (Scheva Berachot) vereint, die im zweiten Teil der Zeremonie vorgetragen werden.

Die Menschheit ist sowohl eins als auch verschieden. Obgleich die Schöpfungsberichte einfach die Verschiedenheit in bipolaren Termini postulieren, wird zunehmend deutlich, daß die Unterschiede innerhalb der Menschheit weitaus komplexer sind. Gleichgeschlechtliche Paare mögen zwar das gleiche Geschlecht haben, aber dieses verschieden wahrnehmen und sich voneinander in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Heterosexuelle Paare können sich durch die äußeren "Geschlechtsmerkmale" unterscheiden, aber ähnliche Neigungen und Lebenseinstellungen teilen. Eine Zeremonie, die die Verschiedenheit der betreffenden Individuen unterstreicht, ritualisiert deren Hingabe füreinander, feiert deren Vereinigung und ist für alle Paare gleichermaßen relevant. Eine jüdische Heiratszeremonie, die solche Elemente einschließt, ist Kidduschin.

Nicht nur ist es möglich, Kidduschin in einer Art und Weise neu zu definieren, daß die Heiligung und Feier gleichgeschlechtlicher Verbindungen einbezogen ist - es geschieht tatsächlich. Es ist schon längst Wirklichkeit, daß viele jüdische Lesben und Schwule sich gemeinsam mit anderen schwulen und lesbischen Paaren dafür entscheiden, ihre Beziehung zueinander zu formalisieren und zu feiern. Es ist an der Zeit, daß religiöse Institutionen und der Staat diese Realität im positiven Sinn annehmen und ihr Verständnis der "Ehe" auf gleichgeschlechtliche Beziehungen ausdehnen. Referenzen (engl.)

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Irene Runge

Rabb. Elizabeth Tikvah Sarah: Soziologiestudium an der London School of Economics und Rabbinatsstudium am Leo Baeck Collge in London. Seit ihrer Ordination (1989) Tätigkeit als Gemeinderabbinerin, Programmdirektorin der Reform Synagogues of Great Britain, stellv. Direktorin des Sternberg Centre und freischaffende Rabbinerin. Gegenwärtig arbeitet sie Teilzeit als Dozentin für Hebräisch und Spiritualitiät und rabbinische Tutorin am Leo Baeck College, wo sie auch das rabbinische In-Service Training Team leitet sowie als Rabbinerin an der Brighton and Hove Progressive Synagogue. Sie hat drei Bücher herausgegeben und eine Reihe von Artikeln und Gedichten veröffentlicht.

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