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Journal 2 - 2001 |
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Guy Hall Eines der Probleme, mit dem sich heute alle Religionen auseinandersetzen müssen, ist, wie ererbte Traditionen in Einklang mit den Bedürfnissen der Gemeinden gebracht werden können. Die meisten Glaubensrichtungen gehen davon aus, daß sie all das Wissen schützen müssen, das durch göttliche Offenbarung, kulturelle Entwicklung und historische Erfahrung gewonnen worden ist. Von den Menschen erwartet man, dem zu entsprechen oder ihr Verhalten dahingehend zu ändern, daß sie sich in die ererbte Praxis einfügen, obgleich die Tradition selbst niemals eine statische war, sondern sich immer weiter entwickelt hat. Die Bemühungen, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen, haben im Judentum zwei Haltungen hervorgebracht. Zum einen gibt es die orthodoxe Einstellung. Diese zielt darauf ab, die sich selbst regulierenden, selbst erhaltenden und von selbst fortwährenden Gemeinschaften der Vergangenheit nachzuahmen. Sie rühmt solche Juden, die sich dem anschließen und äußert sich kaum über andere, die dies nicht tun. Doch wie schon das Musical "Fiddler on the Roof" zeigte, waren die traditionellen Werte sogar im Stetl von nur begrenzter Bedeutung, wenn etwa die Töchter darauf bestanden, sich ihre Ehemänner selbst auszusuchen. Zum anderen gibt es die liberale Haltung, die darin besteht, Tradition und Brauchtum zu reformieren, wobei eine größere Flexibilität gezeigt wird. Aber auch das hat seine Grenzen. Eine dritte Möglichkeit wäre es, die soziologische Wirklichkeit in eine religiöse Herausforderung zu verwandeln. Das Judentum hat in seinen kreativsten Zeiten immer versucht, die wichtigsten Momente im Leben der Menschen zu heiligen. Judentum war immer dann am besten, wenn es der Wirklichkeit am nächsten kam. Dies wurde erreicht, indem man den neuen und tatsächlichen Situationen, in denen Menschen sich befanden, Heiligkeit verlieh. Man brachte Verständnis auf, statt zu verdammen. Doch einige Praktiken erscheinen aufgrund von Konvention und Gewohnheit gegenwärtig als derart inakzeptabel, daß es schwierig geworden ist, von Neuem über sie auch nur nachzudenken und zu überprüfen, ob sie immer noch passen. Oft gehen die Einstellung, ein Tabu und die damit verbundenen Sanktionen aufrechtzuerhalten, und die Gründe, die es ursprünglich einmal gerechtfertigt hatten, weit auseinander. Die Weisen und Autoritäten der antiken Vergangenheit helfen in der Gegenwart jedoch nicht immer weiter. Die Erkenntnisse heutiger, außerhalb des Judentums stehender Wissenschaften, waren ihnen unbekannt. Einige der Dilemmas, vor denen die gegenwärtige Gesellschaft steht, sind jenseits dessen, was im rabbinischen Schrifttum in Betracht gezogen wurde. Nicht alles, was aus der Vergangenheit ererbt ist, läßt sich heute anwenden. Es ist uns erlaubt, unsere Intelligenz und unser Bewußtsein einzusetzen, wenn wir Moralität und Ethik entwickeln. Rituale und Tradition haben nur dann Wert, wenn sie in einem Kontext stattfinden, der das geistige und gemeinschaftliche Leben derer einschließt, die sie betreffen. Viele der Erklärungen, die heute von religiösen Führern geäußert werden, wie inspirierend oder verdienstvoll sie auch sein mögen, haben nur wenig Auswirkung. Vielmehr spiegeln sie den Graben zwischen religiösen Idealen und menschlicher Realität wider. Dieses Mißverhältnis führt möglicherweise auf beiden Seiten zu Unzufriedenheit und Enttäuschung. Rabbiner können sich nicht einerseits über Leute beschweren, die ihre Synagogen nicht besuchen, wenn man andererseits von ihnen nicht das Gefühl vermittelt bekommt, daß sie auf die religiösen Bedürfnisse ihrer Gemeinden eingehen. Es überrascht kaum, daß Menschen aufhören, Synagogen zu besuchen, wenn sie sich (ob zu Recht oder zu Unrecht) abgewiesen und beleidigt fühlen, oder wenn es keinerlei Hilfsbereitschaft gibt, die Wahl ihres Lebenspartners religiös zu feiern. Die meisten Rabbiner fühlen sich durchaus in die Notlage gemischt-religiöser Paare ein. Sie sind bewegt, doch bestenfalls bieten sie eine Konversion an, oder aber sie schicken solche Paare fort. Für einen erheblichen Teil der Gemeindemitglieder ist jedoch nicht allein die rabbinische Interpretation der jüdischen Gesetze das Kriterium, mit welchem sie ihre religiöse Identität ausdrücken. Sie beziehen sich vielmehr auf eine Mischung von Erinnerung, Symbolen und Solidarität. Der Haupteinwand gegen gemischt-religiöse Ehen ist, daß sie eine Bedrohung für die Fortexistenz des jüdischen Volkes seien. Das Überleben ist für die Nach-Holocaust-Generation eine besonders große Sorge. Doch die Angst, ob die Eltern jüdische Enkel haben werden, ist wenig hilfreich. Sie bedeutet, Kinder zu haben, sei bereits die Definition für eine erfolgreiche Ehe. Das mag in der Vergangenheit gestimmt haben, doch heute zählt in erster Linie die Qualität der Beziehung zwischen den Partnern. Großeltern geht es oft mehr darum, daß die Enkelkinder - egal welcher Religion - gesund und glücklich sind und daß sie in einer geschützten Umgebung aufwachsen können. Hier hat das Judentum sicherlich eine Rolle zu spielen, aber es verfügt nicht über das Monopol. Selten sieht man in jüdischen Medien Einzelheiten, Bilder oder Ankündigungen von gemischt-religiösen Hochzeiten. Doch diese finden statt, sie sind die Nachricht, aber es wird nicht darüber berichtet. Sogar innerhalb rabbinischer Vereinigungen oder Gemeindeorganisationen ist es ein zu schwieriges Thema, um offen und ehrlich darüber zu diskutieren. Es wird, zumindest nach meiner Erfahrung, auch nicht ernsthaft als Teil der rabbinischen Ausbildung behandelt. Bei einer Rate von 40 Prozent gemischt-religiösen Paaren in Großbritannien, kann man sich jedoch fragen, wie viele interkonfessionellen Paare noch nötig sind, bevor sich die Einstellung ändert. Wie lange kann Theologie der Demographie widerstehen? Viele Paare wünschen sich eine religiöse Zeremonie, bei der es eine vertraute jüdische Präsenz gibt. Eine, bei der ein Rabbiner amtiert, die aber Elemente enthält, in denen beide Familien ihre Herkunft wiedererkennen. Dies kann eine Hochzeit, eine Lebenspartnerschaft-Zeremonie, ein Segen für ein Kind, eine Beerdigung oder eine Einäscherung sein. Wenn der interreligiöse Dialog ernst genommen werden soll, muß er größere Auswirkungen haben als gelegentliche Treffen, Bildungskurse und akademische Texte. Er muß sich in unserem Gebetbuch, Gemeindeleben und unserer Bereitschaft, gemeinsam mit anderen zu amtieren, niederschlagen. Dies schließt auch den Willen ein, die Glaubensrichtungen, Werte und Anliegen anderer Religionen oder jener, die keine haben, wertzuschätzen, und nicht nur unsere eigenen. Es bedeutet, die Vielfalt sexueller Entscheidungen anzuerkennen. Es gibt viele Stimmen im zeitgenössischen Judentum. Unter ihnen befinden sich das Bedürfnis nach und der Platz für einen Rabbiner in Europa, der bereit ist, öffentlich gemischt-religiöse Vereinigungen zu feiern, ebenso wie andere Zeremonien des Lebenszyklus. Solche Ereignisse stehen derzeit außerhalb des jüdischen Gesetzes, aber das bedeutet nicht, daß sie keinen Wert, keine Bedeutung oder keine Wichtigkeit haben. Die Mehrheit der Juden lebt nicht mehr in einem Ghetto. Wenn Juden sich dafür entscheiden, in freien, aufgeklärten und pluralistischen Gesellschaften zu leben, sind gemischt-religiöse Ehen eine der natürlichen und normalen Konsequenzen. Man kann nicht das eine ohne das andere haben. Guy Hall ist unabhängiger Rabbiner und einer der wenigen, die europaweit bei interreligiösen Trauungen amtieren. |
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