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Journal 2 - 2001 |
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Intergenerationelle Folgen EsRoG, Austria Ein Aspekt gerät in der Diskussion um die jüdische Identität von Menschen mit jüdischen Vätern und nichtjüdischen Müttern (im folgenden der Kürze halber "Vaterjuden" genannt) immer wieder in den Hintergrund: die intergenerationellen Folgen. Mit diesem Fokus habe ich im vergangenen Jahr zehn Interviews mit Vaterjuden in Wien sowie drei Gespräche mit Rabbinern geführt. Egal welchem sozialen Hintergrund Vaterjuden entstammen, sei es daß sie kommunistische Eltern hatten, in einem säkularen Elternhaus oder mit einer anderen Religion aufgewachsen sind oder aber von einer "jüdischen Kindheit" sprechen - sie alle teilen eine Erfahrung: die Abwehr anderer Juden, wenn sie sich öffentlich, ohne "Koscherstempel", ebenfalls als Juden definieren. Fremdzuschreibung und Selbstzuschreibung stehen in diesem Moment einander gegenüber. An diesem sensiblen Punkt werden Erfahrungen der Ausgrenzung generiert und mit all ihren Konsequenzen an die nachfolgende Generation weitergegeben. Für letztere erhöht sich die Schwelle, sich dem Judentum wieder anzunähern, um eine weitere Stufe. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das unbewußte schlechte Gewissen der Väter, durch die Heirat mit einer Nicht-Jüdin das Judentum "nicht richtig" weiterzugeben. Zugleich wird auch von offizieller jüdischer Seite der Beitrag der Mutter am Aufwachsen des Kindes abgewertet, da sie ja der Grund für die "fehlende Jüdischkeit" sei. Und das trotz der Tatsache, daß eine Beziehung mit einem Juden - in welcher Form und aus welchen Gründen auch immer - eine zumindest psychische Begegnung mit der Schoa bedeutet. Vaterjuden tragen als Nachkommen im gleichen Maße an den Folgen der Schoa wie Kinder jüdischer Mütter. Berichte von einschlägigen jüdischen Betreuungseinrichtungen und Studien, insbesondere von Gabriele Rosenthal, zeichnen hier ein klares Bild. Gerade in Familien mit traumatischen Erfahrungen ist die Wahlfreiheit der Kinder, Enkel und Urenkel in ihren Lebensentwürfen und -entscheidungen eingeschränkter, als der gegenwärtige, eher an ökonomischen Richtlinien orientierte "liberale Zeitgeist" glauben machen will. Bei aller Diskussion um Zugehörigkeit ist der sogenannte "emotionelle Selbstbedienungsladen", mittels dessen man sich die im Moment gerade passend erscheinende Identität zurechtbasteln könnte, eine Fiktion. Die besondere Tragik für Vaterjuden ist daher die Ignoranz des offiziellen Judentums gegenüber der Tatsache, daß sie durch die Schoa mit den gleichen intergenerationellen Bewältigungsaufgaben innerhalb ihrer Familien konfrontiert sind wie Mutterjuden. Insbesondere die Rabbiner und Rabbinerinnen zeigen nicht genügend Sensibilität für das besondere Problem von Vaterjuden. Daß sie diese meist als Kandidaten für eine "normale" Konversion behandeln, wird seitens der Vaterjuden oft als demütigend, weil ihrer Situation inadäquat empfunden. Dadurch entgehen den Gemeinden unter Umständen jedoch potentielle hochmotivierte Mitglieder. Lösungen könnten auf beiden Seiten der "Definitionslinie" gefunden werden: seitens der Gemeinden sollte einem ausreichend entwickeltem Problemverständnis eine inkludierende Haltung gegenüber Vaterjuden folgen. Ideal wäre eine eigens dafür zuständige Ansprechperson innerhalb der Gemeinde sowie besondere Konversionskurse, die auch ein zeitökonomisches Eingehen auf die spezielle Situation von Vaterjuden erlaubt. Möglicherweise ist es an der Zeit, daß Vaterjuden eigene Interessengruppen gründen, um ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen, die psychischen Auswirkungen abzufedern, aber auch ihre Anliegen in Form von Forderungen öffentlich einzubringen. Die Schoa mag vielleicht Vergangenheit sein - ihre Folgen jedoch wirken in den Leben der Nachkommen weiter. Wenn in talmudischer Zeit eine weitreichende Neudefinition der jüdischen Abstammung - nämlich nach der Mutter - möglich war, sollte dies spätestens heute - angesichts der enormen intergenerationellen Tragweite - ein weiteres Mal möglich sein. |
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