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Journal 2 - 2001 |
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James R. Baaden Historisch gesehen ist die Entwicklung jüdischer Einstellungen zur Frage der Konversion bemerkenswert unterschiedlich und, wie ich meine, diskontinuierlich. Es gab Zeiten, in denen die Konversion ein allgemeines Phänomen in der jüdischen Landschaft darstellte und Zeiten, in denen mysteriöserweise nichts darüber zu hören war. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war eine Konversion beispielsweise noch relativ auffällig und mit Risiken verbunden. Jetzt ist sie fast überall Teil des Lebens in der jüdischen Gemeinschaft. Immer mehr Jüdinnen und Juden sind Nachfahren von Konvertiten oder selber welche. Das gilt selbst für viele in meiner eigenen Berufsgruppe, dem Rabbinat - das selbst ein Zeichen für die radikalen Veränderungen setzt, die stattgefunden haben. Wenn heute kontroverse Debatten über Konversion ausbrechen, wird vergessen, daß in den letzten Jahrzehnten in der jüdischen Gemeinschaft der ganzen Welt enorme Veränderungen vonstatten gegangen sind. Früher gingen Jüdinnen und Juden gern davon aus, daß alle irgendwie miteinander "verwandt" seien, daß alle von gemeinsamen Vorfahren abstammten. Das war jedoch eine Illusion: Indische, polnische und äthiopische Juden wußten beispielsweise nichts voneinander und waren daher nicht genötigt, ihre offenkundigen Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen. Dennoch existierte in jeder dieser Gemeinschaften in gewißer Weise die Vorstellung, alle ihre Mitglieder seien durch Verwandtschaft und Abstammung miteinander verbunden. Diese von allen geteilte Annahme muß jedoch für ein neues Verständnis der Natur der jüdischen Verwandtschaft beiseite geräumt werden. Und das ist nicht einfach. Eine andere Perspektive, der geographische Raum, springt mir ins Auge, wenn ich die beiden Länder miteinander vergleiche, die ich am besten kenne: Großbritannien und Deutschland. In Großbritannien hat die überwiegende Mehrheit der Konvertierenden eine prägende Begegnung mit dem Judentum durch die Beziehung zu einem einzelnen Juden erfahren, für gewöhnlich dem Lebenspartner. Folglich wird jemand von "außen" durch eine persönliche Beziehung Teil des jüdischen Volkes. Dieser allgemeine Kontext erhält die Familie, die Verwandtschaft. Wenngleich meine Einblicke ziemlich impressionistisch sind, glaube ich, daß die Situation in Deutschland eine andere ist, schon allein wegen der verschiedenen historischen und sozialen Gegebenheiten. Ein faszinierender Aspekt bei Konversionen in Deutschland, der mir aufgefallen ist, könnte man als Konversion aus reiner "Überzeugung" bezeichnen: Menschen, die sich für das Judentum entscheiden, weil diese Religion sie anspricht, nicht aber wegen irgendeiner Bindung zu einem jüdischen Menschen. Einige haben mir erzählt, daß sie bis zu ihrer Entscheidung für das Judentum keinen einzigen Juden kannten. Außerdem scheinen viele mit dem Hintergrund eines aktiven Engagements innerhalb der Kirche und einer starken Identifikation mit dem Christentum ihre Wahl getroffen zu haben. Nicht wenige haben christliche Theologie studiert. Sie haben nicht nur etwas gewählt, sondern auch etwas abgelehnt. Gleichzeitig beobachte ich, daß diese Menschen teilweise mit Mißtrauen oder Unsicherheit von anderen Jüdinnen und Juden in Deutschland betrachtet werden und sie sich daher als Opfer von Benachteiligung, Vorurteilen und Diskriminierung empfinden. Dennoch, wann man einige Schritte Abstand nimmt und die Umstände aus einer breiteren Perspektive wahrnimmt, dann wird klar, daß die ganze Situation ungewöhnlich und eigentümlich für Deutschland ist. Indes ist sie nicht so absonderlich... Auch anderswo gibt es Übertritte aus "Überzeugung". Es lassen sich viele historische Beispiele aufzählen: seien es die Sklaven und römische Damen in der Antike oder die Bauern aus San Nicandro in Italien, die den römischen Katholizismus verließen und das Judentum wählten, nachdem einer von ihnen in den zwanziger Jahren spirituelle Visionen von Abraham hatte! Vielleicht ungewöhnlich, sogar sonderbar, aber der Weg der "reinen individuellen Überzeugung" hat einen Ehrenplatz in der Geschichte der Konversionen zum Judentum. Es läßt sich auch herausstellen, daß solche Konvertiten oft mit ihrem Leben zahlten: Hier in England gibt es das Beispiel des Dominikanermönches Robert of Reading, der im Jahr 1275 mit dem Tod bestraft wurde, weil er konvertierte. Wie ein solches Beispiel zeigt, haben wir es hier mit einem Phänomen zu tun, das nicht nur außergewöhnlich für die jüdische Geschichte ist, sondern gleichzeitig explizit religiöse Leidenschaft mit einschließt. Und deshalb sollten die Ängste "geborener Jüdinnen und Juden" als verständlich akzeptiert werden. Ihre mißtrauischen Reaktionen sind nicht Ausdruck von Vorurteil oder Diskriminierung, sondern schlicht eines Kampfes um das Verständnis für eine neue und unvertraute Erscheinung in der jüdischen Gemeinschaft. Und mit Rückblick auf die deutsch-jüdische Erfahrung des 20. Jahrhunderts haben sie das Recht, dies als Kampf zu erleben. James R. Baaden ist Rabbiner der South London Liberal Synagogue. |
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