Journal 2 - 2001
Jüdischkeit

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Natalja Sharandak
Der jüdische Großvater

Jede Familie hat ihre Geheimnisse. In unserer Familie war die Herkunft meiner Mutter ein solches Geheimnis. Wer war mein Großvater? Ein Dieb oder gar Mörder? Nein, er war einfach nur - Jude. "Das Unglück aber hast du, weil du den Stern trägst", schreibt Ilja Ehrenburg über das ewige jüdische Schicksal. Auf meine Mutter fiel so die Hälfte dieses Unglücks, auf mich nur ein Viertel.

Dieser Essay soll Versuch sein, die Geschichte der Familie meines Großvaters zu rekonstruieren. Ebenso soll die Frage beantwortet werden, wie es dazu kam, daß sich so mancher in der Sowjetunion - einem Staat, der die Gleichberechtigung aller Nationen verkündet hatte - in der Situation wiederfand, seine Herkunft verleugnen zu müssen.

Wie die Mehrzahl der Juden Osteuropas stammt auch der Vater meiner Mutter, Oskar (Ojzer) Berljand (*1887) aus einem Stetl, in dem Juden das Recht auf Ansiedelung hatten. Sein Großvater, mein Ururgroßvater, Schimon war ein Vertreter der jüdischen Aufklärung, der Haskala, der sich für die Zulassung der jüdischen Bevölkerung zum europäischen Schulwesen eingesetzt hatte.

Die Ansichten von Schimons Sohn Semjon, meines Urgroßvaters, waren ebenso progressiv. Alle seine Söhne erhielten eine solide Ausbildung - trotz der berüchtigten Zulassungsbeschränkung zu Hochschulen für die jüdische Bevölkerung.

Die Existenz der Familie Berljand, wie auch die vieler anderer ähnlicher jüdischer Familien, wurde jedoch durch den zügellosen Antisemitismus zu Zeiten der Regentschaft Zar Nikolaj II. empfindlich gestört. Höhepunkte der antijüdischen Kampagne wurden die vom Zar angeordneten Pogrome während der ersten russischen Revolution im Jahr 1905.

Mein Großvater Oskar Berljand und sein Bruder Alexander, genannt Sascha (Isril, *1890 ), der nach dem Tode Oskars meiner Mutter den Vater und mir den Großvater ersetzte, - die beiden jüngsten der Familie - waren unzertrennlich. Für einige Zeit jedoch trennten sich ihre Wege, Oskar studiert in Moskau, Sascha beginnt sein Studium an der Fakultät für Chemie und Pharmazie der Kiewer Universität, das er im russischen Schicksalsjahr 1917 beendet. Mein Großvater und sein Bruder interessierten sich nur wenig für Politik. Wie so viele andere versuchten sie während der Zeit von Revolution und Bürgerkrieg einfach nur zu überleben. Doch gerade für Juden war das Überleben unter diesen Umständen nicht sehr leicht. Eine fürchterliche Welle von Pogromen erfaßte die gesamte Ukraine.

Die sowjetische Macht gewährte der jüdischen Bevölkerung zunächst den Zugang zu Bildungsanstalten und gesellschaftlichen Bereichen, die ihr früher verschlossen waren. Oskar ergibt sich seiner Neigung zum unsteten Leben. Sein Beruf bringt ihn nach Petrograd, wo ihn das Schicksal mit meiner Großmutter zusammenführt, einer jungen Estin namens Lilian, Bibliothekarin von Beruf. Alexander beendet sein Studium am Institut für Medizin, schreibt seine Promotion und Habilitation, wird Professor für Medizin.

Bald jedoch schon zeigte sich, daß der Antisemitismus keineswegs verschwunden war. Der Kampf gegen die Gefahr der "jüdischen Vorherrschaft" wird zur Generallinie der Partei und der sowjetischen Machthaber; doch dieser Kampf wurde schweigend geführt, mit Hilfe geheimer Direktiven und Befehle. Die Selektion wurde erleichtert durch den 1932 als "fünfter Punkt" des überall vorzulegenden Personalbogens und des Passes eingeführten Paragraphen der "Nationalität", wobei "jüdisch" in der Sowjetunion als Nationalitätszugehörigkeit aufgefaßt wurde.

Alexander Berljand hatte in der Lotterie des Lebens ein gutes Los gezogen. Er überlebte nicht nur, sondern konnte auch seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, ohne jedoch seine Prinzipien zu opfern. Er hatte angesehene Posten inne und war doch bis zum Lebensende nicht Parteimitglied, was in jenen Jahren nicht eben einfach, sondern überaus verdächtig war.

Der Krieg begann. Anfang Herbst 1941 droht Kiew die Okkupation durch die Deutschen. Das Medizinische Institut, an dem Alexander der Allgemeinmedizinischen Fakultät vorstand, bot ihm die Evakuierung an. Wer weiß, ob er und die Kinder seines Bruders Oskar, meine Mutter und mein Onkel, sonst nicht auch am Abgrund der Schlucht Babi Jar gestanden hätten.
Im Jahr 1948 kam ich zur Welt. Ich erlebte eine glückliche Kindheit. Erst Jahre später habe ich verstanden, daß diese für mich so ungetrübte Zeit für die sowjetischen Juden "dunkle Jahre" waren. Der Gipfelpunkt der von Stalin entfachten Verfolgung der Juden wurden die Ärzte-Prozesse.

Als die Hexenjagd begann, trat Alexander Berljand selbst an die Direktion seines Instituts heran und bot die Kündigung seiner Tätigkeit an, man antwortete ihm jedoch, er könne seine Arbeit weiterführen. Einige seiner Patienten zogen es vor, die Dienste des verdächtig gewordenen jüdischen Arztes nicht mehr in Anspruch zu nehmen.

Abschluß der antisemitischen Kampagne sollte die Ausweisung der Juden aus den europäischen Teilen der Sowjetunion werden (obwohl eine Reihe von Wissenschaftler diese Version anzweifeln). Doch ein Wunder sollte die Juden retten. Dieses Wunder war der Tod des Diktators.

Zwei Jahre darauf starb Onkel Sascha. Einige Zeit später wurden jüdische Gräber des Friedhofes, auf dem er begraben ist, geschändet. An seinem Grabstein wurde die Nase seines Relief-Porträts abgeschlagen. Meine Mutter sah dies als Anlaß, zur Verteidigung überzugehen. So begann die Geschichte der "Psychose" meiner Mutter, die langsam aber sicher auch mich erfaßte.

Die Entwicklung unserer "Psychose" wurde durch den aggressiven Antisemitismus der Breschnew-Ära ermöglicht. Im Streben, ihrem Kind die "Behinderung" bezüglich des "fünften Punktes" zu ersparen, ließen Eltern mit Kindern aus "Mischehen" in die Geburtsurkunde die vorteilhaftere Nationalität des nicht-jüdischen Elternteils eintragen.

Ich hatte Glück mit den Lehrern. Sie schafften uns Kindern eine menschliche Atmosphäre. Schon früh jedoch begannen meine jüdischen Klassenkameraden zu begreifen, daß sie in dem Land, das sie für ihre Heimat hielten, nur Stiefkinder waren. Ihr "Versagen" bei den Aufnahmeprüfungen zur Universität oder anderen prestigevollen Instituten war von den Bewahrern der sowjetischen Wissenschaft vorherbestimmt, die das "Eindringen jüdischer Kräfte" zu verhindern wußten.

Was meinen jüdischen Altersgenossen unmöglich war, wurde für mich Wirklichkeit. Ich konnte ein Studium an der Kunst-Akademie in Leningrad beginnen. Es gab jedoch immer noch Anlaß genug, meine Familiengeschichte wenn möglich zu verheimlichen. In dem Museum, in dem ich lange Jahre arbeitete, waren genügend offene oder versteckte Antisemiten.

Eines Tages jedoch wollte ich nicht mehr von den Antisemiten als eine der ihren verstanden werden, denn ich begriff, daß kein Grund besteht, mich meiner jüdischen Herkunft zu schämen. So entstand die Idee, in einem Buch die Biographie meiner Familie zu erzählen, woran ich zur Zeit arbeite.

Aus dem Russischen von Ursula Keller

Natalja Sharandak, geboren in Kiew, ist Kunstwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Filmemacherin. Sie lebt in Berlin.

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