Journal 2 - 2001
Jüdischkeit

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Lori Klein und Irene Reti
Oral History - spirituelles Bezeugen

Irene Reti: Ich bin die Tochter von Holocaust-Flüchtlingen aus Deutschland und Ungarn, die versucht haben, mich vor ihrem Trauma zu schützen, indem sie mir nicht sagten, daß sie Juden waren. Mein Lebensweg besteht in der Wiedergewinnung meiner Familiengeschichte aus dem Schweigen. Es hat mir geholfen, meine Familie zu interviewen, um die Bruchstücke unserer Geschichte in meinen Erinnerungen The Keeper of Memory wieder zusammenzusetzen. Ich trat durch das Tor der Oral History und begab mich auf eine spirituelle und kreative Reise. Das ist auch der Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz.

Was ist Oral History? Es ist gesprochene Erinnerung von historischer Bedeutung. Sie erhellt, wie wir sowohl Geschichte machen als auch durch Geschichte gemacht werden. Oral History ist so jung wie das Tonbandgerät und die Videokamera, und so alt wie die Geschichten, die am Feuer gewispert wurden. Denn Oral History ist keine Konversation, es ist eher ein gelenkter Monolog.

Was unterschied unsere Familien von anderen Familien? Was sind die wichtigsten Erinnerungen, mit denen wir aufgewachsen sind? Wer wurde in unseren Familien ausgegrenzt? Wie hat uns die Schoa geprägt? Was ist die Geschichte der Geschlechterrollen in unseren Familien? Schließlich, wie definieren wir Familie? Definieren wir sie biologisch, oder denken wir uns die Mitglieder einer Gemeinschaft als Familie?

An einem regnerischen Nachmittag in Berlin gingen zwölf jüdische Frauen durch das Tor der Oral History und wurden füreinander zu Zeugen. Nach einer Stunde nahmen wir Anteil an manchem von dem, was wir gehört hatten. Einige von uns hatten solche Intimität noch nie erlebt. Bevor der Workshop zu Ende war, gab es Tränen. Frauen, die einander nie zuvor getroffen hatten, getrennt durch Land oder Ursprung, durch Sprache, Alter, sogar durch Kontinente, waren überrascht, wie viel Geschichte uns gemeinsam ist.

Lori Klein: Ich gehöre der zweiten bis dritten Generation amerikanischer Juden an, deren Eltern und Großeltern stolz ihre kulturelle Identität als Juden betonten, sich jedoch vom religiösen und spirituellen Bekenntnis meist abwendeten. In den letzten zehn Jahren war ich sehr damit beschäftigt, kreative Rituale zu entwerfen. Für mich kann jede Gelegenheit, eingeschlossen ein Workshop zu Oral History, von tiefer Spiritualität sein.

Den heiligen Rahmen unseres Workshops bildeten zu Beginn das Schema und am Ende das heilige Feuer aller Buchstaben der Tora. In der Tora-Rolle sind der Buchstabe Ain am Ende des Wortes Schema (Höre) und der Buchstabe Dalet am Ende des Wortes echad (eins) größer gedruckt. Zusammen bilden sie das Wort "ed" oder "Zeuge". Auf diese Weise lernen wir, daß Zuhören, Zeugnis ablegen, für uns eine heilige Pflicht ist.

Nachdem wir mehr als eine Stunde damit verbracht hatten, uns gegenseitig unsere Geschichten zu erzählen, war die Luft voll von weißem Feuer, welches das schwarze Feuer der Buchstaben der Tora umgab.

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