Journal 2 - 2001
Jüdischkeit

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Elisa Klapheck und Lara Dämmig
Horizonte


Nach der Haggada ist rühmenswert, wer seinen Kindern vom Auszug aus Ägypten erzählt. Das jüngste Kind fragt, die Eltern antworten. Jüdische Erfahrungen werden von Generation zu Generation weitergegeben - "Ledor Vador".

Wir sind beide Singles, ohne Kinder - und dies bislang aus freier Wahl. Ist es nicht merkwürdig, daß ausgerechnet wir eine Tagung zum Thema "jüdische Familie" veranstalten? Doch - auch wir gehören zur jüdischen Familie und sind auch ohne Kinder Bindeglied zwischen den Generationen! Auch wir haben einen Platz am Sedertisch. Auch wir haben Fragen und Antworten.

Das Pessachfest vereinigt nicht nur die Familie, seit jeher feiert man zusammen mit Verwandten und Freunden, sogar Bedürftige werden eingeladen. Im Ritual des Sederabends konstituiert sich Gemeinschaft über die biologischen Bande hinaus. Auch die Institution des "Minjan" fordert Verantwortung für die ganze Gemeinschaft.

Ist also Judentum tatsächlich so familienorientiert, wie der Mythos besagt? Die Gemeinden werden jedenfalls nur dann eine Zukunft haben, wenn sie der Realität der heutigen Gemeinschaft Rechnung tragen. Auch in der Vergangenheit reagierten sie auf veränderte Familienverhältnisse, richteten z.B. Kindergärten und Altersheime ein. Insofern ist die Entwicklung der Familie keineswegs eine Privatangelegenheit.

An wen aber richten wir unsere Forderungen? Wer ist die Gemeinde?
Wir sind die Gemeinde! Und dies verpflichtet uns, unsere Anliegen einzubringen. Wir sollten uns von Vorstellungen eines Nischendaseins als "Außenseiterinnen" ebenso verabschieden, wie von Bildern der Zuweisung, wie wir als jüdische Frauen zu leben hätten. Lassen wir uns von den vorgegebenen Strukturen nicht abschrecken!

Lassen wir auch von den Erfahrungen der Generation vor uns lernen. Die Beiträge der Müttergeneration zeigen, daß diese uns sehr wohl etwas zu sagen hat und dem jüdischen Leben im damaligen Kontext einen neuen Horizont eröffnete. Ebenso müssen wir uns einbringen, damit kommende Generationen sich daran reiben und ihre eigenen Standpunkte entwickeln können. Das heißt auch, daß wir nicht ewig nur Töchter und Söhne bleiben, ewig "nur" die Zweite Generation, d.h. die Nachkommen derjenigen, die in der Schoa gelitten hatten, sondern auch eine "erste Generation danach" bilden.

Als diese Generation haben wir das Recht, etwas Neues einzubringen, Frauenrollen, Familienmodelle, Machtverhältnisse in Frage zu stellen. Sicherlich können wir dabei viel von den Erfahrungen der amerikanischen Feministinnen lernen. Aber die unterschiedlichen historischen Bezüge in Europa zwingen uns, unsere eigenen Erfahrungen für uns und miteinander zu machen.

Ledor Vador - al jisrael - ve'al rabbanot - ve'al talmidotehon - ve'al kol talmidot talmidotehon - allen, die lernen und lehren, hier und überall, gib ihnen die Fähigkeit, Menschen zuzuhören, viele Meinungen gelten zu lassen, Zutrauen in sich selbst haben, Mut zu entwickeln, die eigenen Ziele umzusetzen!

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