Journal 2 - 2001
Mythos Frau

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Bente Groth und Lynn Feinberg
Familienleben im frühen Israel

Die Archäologie hat nachgewiesen, daß sich die Zahl der Siedlungen in den Hochlandgebieten Kanaans zwischen 1200 und 1000 v.d.Z. fast verhundertfachte. Dieser Zeitraum scheint mit der biblischen Epoche der Richter zusammenzufallen. Es gibt jedoch keine archäologischen Belege dafür, daß die neuen Bewohner fremde Einwanderer gewesen seien. Architektur und Kunstgegenstände sind eindeutig kanaanäischen Stils. Sehr viel körperliche Arbeit war erforderlich, um das Land nutzbar zu machen, Terrassen zu bauen und Zisternen zu graben, die das Überleben gewährleisteten. Forschungen zeigen, daß es Hungersnöte, Seuchen und Kriege gab, Beweise hierfür finden sich auch in den frühen Geschichten der Hebräischen Bibel.

Ein Blick auf die mögliche Familienstruktur läßt uns die grundlegenden Vorstellungen von häuslichem Leben in der Hebräischen Bibel leichter verstehen. Die Menschen, besonders die Frauen, hatten nur eine niedrige Lebenserwartung. Der Nachdruck lag auf großen Familien, zumal Kinderarbeit als eine Notwendigkeit galt. Daß die Hebräische Bibel der Fruchtbarkeit und Fortpflanzung der Bevölkerung eine besondere Wichtigkeit bemißt und eine Ideologie begünstigt, die der Unfruchtbarkeit entgegenwirkt, scheint nur allzu verständlich. Die Gesetze, die sich in der Hebräischen Bibel auf das sexuelle Verhalten beziehen, sollten möglicherweise die Fortpflanzung sicherstellen.

Der Ort der Macht war die häusliche Sphäre. Die Menschen lebten in großen Haushaltseinheiten, in zusammengesetzten Familien, die offenbar autonom waren. Solche zusammengesetzten Familien unterstreichen die harten Lebensumstände, denn diese Lebensweise erhöhte die Chance zu überleben. Da Männer regelmäßig in den Krieg zogen, mußten Frauen vermutlich viel Landarbeit selbst leisten, neben ihren Aufgaben im Haushalt und die Sorge um Wasser und Nahrung. Die in den Zehn Geboten enthaltene Forderung, beide, Mutter und Vater zu ehren, spiegelt wahrscheinlich jene Gesellschaftsform wider, in der die Macht der Frauen ebenso wichtig war, wie die der Männer.

Die Geschichten von Miriam, Debora oder den Frauen von Tekoa, die als militärische und religiöse Führerinnen auftraten, zeigen, daß Frauen hoch angesehen waren und einige von ihnen tatsächlich Führungsmacht erlangen konnten. Aber welche Art von religiösem Glauben hatten Frauen? Die Bibel vermittelt kein klares Bild von der religiösen Praxis von Frauen.

Wenn, wie anzunehmen, die antiken Israeliten keine homogene Gruppe bildeten, die mit einer sehr eigenen, deutlich anderen Wüstenreligion nach Kanaan gelangt waren, wäre der Glaube an den einen Gott, JHWH, längst nicht so vorherrschend gewesen, wie die Hebräische Bibel uns Glauben machen will. Die Einführung des einzigen und einzig wahren Gottes JHWH kann keine leichte Sache gewesen sein, wie die vielen Geschichten zeigen, die Menschen dafür verurteilen, daß sie sogenannten "fremden Dienst" betrieben. Wissenschaftler hinterfragen mittlerweile, ob solche Berichte ein reales Bild abgeben. Die Vorstellungen der Ägypter und Kanaanäer, u.a. die Anbetung von Göttinnen, könnten auch Teil des Lebens der meisten Israeliten gewesen sein - und die Entwicklung hin zu dem einzigen und einzig transzendenten Gott das Ergebnis eines langen und mühsamen Prozesses.

Archäologen haben in israelitischen Siedlungen eine große Anzahl "fremder" Symbole und Kunstgegenstände gefunden. Sie entdeckten an Schauplätzen aus der Zeit der Könige viele Siegel in Form des ägyptischen Skarabäus, die hebräische Namen, verbunden mit ägyptisierten Symbolen, wiedergaben, besonders solche, die mit weiblicher Macht zu tun haben. Einige Siegel gehörten offenbar Hofbeamten in Jerusalem.

Vor der kultischen Reform Josias im Jahr 622 v.d.Z. gab es im ganzen Land Heiligtümer, die der Verehrung von JHWH gewidmet waren. Ausgrabungen brachten jedoch in den letzten vierzig Jahren auch Kultstätten ans Licht, in denen unterschiedliche Praktiken ausgeübt wurden. Von besonderem Interesse ist dabei der sogenannte Ort E 207 in Samaria, wo 27 weibliche Figurinen entdeckt wurden, darunter die Figur der Isis mit dem Horus-Kind. In einer Jerusalemer Höhle, nur 300 Meter vom Tempelberg entfernt, wurden 16 weibliche Figuren gefunden, die vermutlich 800 Jahre v.d.Z. entstanden. Einige Gräber zeigen auch, daß die Judäer einen ausgeprägten Beerdigungskult praktizierten, der aber nicht in der offiziellen Religion verankert ist. Die Toten wurden mit Haushaltsgegenständen und Arbeitsgeräten beerdigt. Die Schädel der Toten wurden oft auf eine Art "Kissen" gelegt, das an die Flügel der Hathor oder an das Omega-Zeichen, das für die Wiedergeburt steht, erinnert.

In Kuntillet Arjud im nördlichen Sinai, einer israelitischen Siedlung um 800 v.d.Z., entdeckte der Archäologe Zeev Meshel 1968 zwei große Terrakotta-Vasen, versehen mit Inschriften, die Segenssprüche im Namen von "JHWH und seiner Aschera" enthalten, umgeben von typisch westsemitischen ikonographischen Symbolen. Dasselbe Bekenntnis wurde später an den Wänden eines Grabes in Khirbet El Qom in Judäa gefunden. Viele Gelehrte glauben heute, daß JHWH über einen langen Zeitraum mit der Göttin Aschera verbunden war - in der einen oder anderen Weise.

Aschera wird vierzig Mal in der Hebräischen Bibel erwähnt. Einige meinen, das Wort verweise nicht auf die Muttergöttin der Kanaanäer, sondern auf ein kultisches Symbol des JHWH in Gestalt eines Kissens oder eines heiligen Ortes. Andere glauben, daß zu JHWH Vorstellungen von weiblicher Partnerschaft gehört haben, aber daß diese Partnerschaft keine unabhängige Göttin, sondern eine Art Ergießung des Lichtes von Gott selbst gewesen sei.

Kleine Tonfigurinen, als kleine weiblicher Figuren mit friedfertigen Ausdruck, mandelförmigen Augen, großen Brüsten und einem Unterleib in Form eines Kissens, wurden überall in Judäa gefunden. Ausgrabungen in der Stadt Davids ließen erkennen, daß ein prozentual großer Teil der Familien Judäas eine solche Figur besessen hatte. Viele Wissenschaftler verbinden diese Kissenfiguren mit der Göttin Aschera.

Vielleicht ist die Überlegung nicht zu weit gegriffen, daß Frauen in einem Gott wenig Trost finden konnten, der ihnen der Bibel zufolge nur die schmerzhafte Geburt ihrer Kinder versprach, anstelle von Unterstützung und Hilfe wie es die antiken Göttinnen des Gebärens taten. Wäre es überraschend, wenn sich Frauen weiterhin an Fruchtbarkeits- oder Muttergöttinnen während der Schwangerschaft, Geburt und Krankheit wendeten, auch wenn der einzige und alleinige männliche Gott im Tempel eine solche Praxis verboten hatte? Ist es Zufall, daß es meist Frauen waren, die der sogenannten heidnisch-religiösen Handlungen bezichtigt wurden, solche wie das Weben von Tempel-Kunstgegenständen für Aschera (2.Kön. 23:7), für das Backen von Kuchen für die Königin des Himmels (Jer. 9:16-17) und das Weinen um Tammus (Ezek.8:14)? Die Autoren der Bibel definierten das alles als fremde Kulthandlungen.

Neue Entdeckungen und neue Sichtweisen auf antike Texte und Kunstgegenstände legen nahe, daß der endgültige Durchbruch der Auffassung von einem gänzlich transzendenten, männlichen Schöpfer das Ergebnis der traumatischen Erfahrung des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v.d.Z. gewesen ist, obgleich die Idee lange zuvor von den Propheten befördert wurde.

Bente Groth ist Religionswissenschaftlerin an der Universität Oslo mit dem Schwerpunkt Ursprünge der Religionen im Nahen Osten.

Lynn Feinberg studierte Geschichte der Religionen.

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