Journal 2 - 2001
Mythos Frau

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Pnina Navè Levinson
Debora - ein politischer Mutter-Mythos

Bekanntlich legen wir Hebräisch-Denkenden großen Wert auf die Bedeutung von Namen. Dewora ist "die Biene". Sie schafft Honig und wehrt sich bei Bedrohung. Ein männlicher Spruch lautet: "Gib mir weder Stachel noch Honig!" Das Bild drückt die Ängste aus, die sich bei Männern so leicht entwickeln.

Männliche Ängste führten zu der Aussage, daß die Gabe der Prophetie vorübergehend von Debora genommen wurde, weil sie sich in ihrem Liede rühmte: "[all dieses Unheil herrschte vor], bis ich aufstand, Debora, bis ich aufstand, eine Mutter in Israel!" Der Tadel befindet sich im Talmudtraktat Pessachim (66b), der ein Beweis dafür ist, daß die häufige Lesart "bis du aufstandest" nicht dem gängigen jüdischen Verständnis entspricht. Handelt es sich hier um eine bourgeoise vermeintliche Ehrenrettung der jüdischen Prophetin vor dem Anwurf des Selbstbewußtseins, das man so ungern an Frauen sah? Es gibt eine ganze Reihe solcher Entschärfungen, u.a. in den Übersetzungen des Hohelieds sowie im großen Frauenlob am Ende des Buches der Sprüche: dort machte man aus der ebenbürtigen starken Frau gern "ein tugendhaftes Weib".

Im Lied heißt Debora "eine Mutter in Israel". Wir hören zwar beiläufig den Namen ihres Mannes, Lapidot, - aber es werden keine Kinder genannt. Was macht die jüdische Bibeldeutung aus diesem ungewöhnlichen Umstand?

Eine exegetische Methode der Rabbinen ist der philologische Vergleich. Die Frage lautet hier: finden wir einen Sprachgebrauch für "Mutter in Israel" in einem nicht-biologischen Sinn? Einen solchen Text gibt es in 2. Sam. 20. Dort geht es um die Bluttaten bei einem Aufstand gegen König David. Der Feldherr befiehlt, eine Stadt zu zerstören. Während der Belagerung verhandelt eine weise Frau mit ihm, erinnert ihn an die bedeutsame Rolle der Stadt und ruft ihm zu (19): "Du willst töten eine Stadt und Mutter in Israel."

"Mutter in Israel" bezeichnet hier die integrative Bedeutung. So ist es also auch bei Debora eine Anzeige ihres politischen Amtes. Die aramäische Bibel-Paraphrase zur Stelle lautet entsprechend: "Öde waren die unbefestigten Orte des Landes Israel, gefangen und verschleppt ihre Einwohner, bis ich gesandt wurde: ich, Debora, wurde gesandt, zu prophezeien über das Haus Israel".

Aber, so fragten einige Männer der Spätantike, weshalb sandte Gott denn eine Frau und nicht einen damaligen gottnahen Mann? Um Namen waren sie nicht verlegen. Darauf erwiderte ihnen ein feministischer Kollege: "Ich rufe mir Himmel und Erde zu Zeugen, daß die ruach hakodesch [heiliger Geist], auf den Menschen je nach ihren Taten ruht - ob Nichtjude oder Jude, Mann oder Frau, Knecht oder Magd." (Midrasch Elija Rabba, Kap. 9)

In Deboras Fall handelt es sich allerdings um eine besonders starke gesellschaftliche Position. Im frühen Israel um 1200-1000 v.u.Z. gab es nacheinander zwölf Stammesführer mit dem Titel "Richter". Die elf Männer waren Heerführer in Notlagen. Keiner von ihnen war Prophet. Debora übte alle drei Ämter aus, und zwar nicht nur für ihren Stamm, sondern als Richterin für ganz Israel (Ri. 4,5). Es war eine Zeit der Unterdrückung durch die hochtechnisierten kanaanäischen Nachbarn, die über ein bedrohliches Overkill-Potential verfügten: gegenüber den altertümlichen Handwaffen der Israeliten besaßen sie 900 eiserne Streitwagen (Ri. 4,7). Außerdem wohnten sie oben im Gebirge.

Debora wird so geschildert, als sei sie ein zweiter Mose oder eine neue Mirjam, ohne die Mose nicht hätte wirken können. Wie bei der Befreiung aus dem ägyptischen Sklavenjoch versinken die zahlenmäßig und an Rüstung überlegenen Bedroher im Schlamm, und das eben noch vom Tode bedrohte Israel erfährt eine Gotteserscheinung (Ri. 5,4-5; 20-22). Das Land hat für 40 Jahre Ruhe (31), und dazu das überzeitliche Trostwort: "Die Gott lieben, sind wie die Sonne, die mächtig aufgeht." (5,31) - 40 bedeutet biblisch: "lange Zeit" und ist nicht wörtlich zu nehmen.

So wurde die kinderlose Frau zur Retterin, ebenso wie einst die unverheiratete, kinderlose Mirjam, der nach unserer Tradition Israel während der 40 Jahre in der Wüste den lebenserhaltenden Brunnen verdankte.

Zu Deboras Wohnort heißt es im Text: "Sie saß unter der Debora-Palme zwischen Rama und Bet-El im Gebirge Efrajim" (Ri. 4,5). Dazu blieb eine Frauentradition erhalten: die Palme wuchs auf dem Grab einer anderen Debora, die etwa 600 Jahre vor ihr lebte, in der Zeit der Stammütter und -väter. Dies war Debora, die Amme und Vertraute der Mutter Rebekka. Als Rebekkas Sohn Jakob nach langen Jahren in seine Heimat zurückkehrte, baute er einen Altar an der Stelle in Bet-El, wo er einst den Traum von der Engelsleiter hatte. Im nächsten Vers heißt es: "Da starb Debora, Rebekkas Amme, und sie wurde begraben unterhalb von Bet-El, unter einer Steineiche, und man nannte sie die Träneneiche" (Gen. 35,8). Für die Frauen, die es erzählten, wuchs dort jene Palme, die das Sinnbild beider Deboras wurde.

Hierzu eine frauengeschichtliche Anmerkung: "Rebekkas Amme" wurde eine vertraute Gegenwart für Juden des 17. Jahrhunderts, denn so hieß ein verbreitetes Ethikbuch in jüdisch-deutscher Sprache. Die Autorin, Rebekka Tiktiner, Tochter eines Rabbiners, wirkte um 1520 und starb um 1550. Ihr Manuskript wurde 1609 in Prag gedruckt (24. Auflage Krakau 1618). Der Herausgeber hofft, daß jede Frau, die hineinschaut, das Buch kaufen wird, weil etwas Neues geschehen ist: "eine Frau hat aus ihrem Kopf ein Buch erdacht, mit Bibelversen und Predigten", es möge "ihr sein zum Gedächtnis und allen Frauen zu Ehren, daß eine Frau auch Autor sein kann von Ethiklehren und guten Deutungen genau wie ein Mann."

Zurück zur Richterin "unter der Palme". Nach einer Meinung jüdischer Kommentatoren befand sich dort ihr Haus; nach einer anderen war dort ihr Gericht: im Freien, um zweideutige Situationen zu vermeiden, die sich beim Alleinsein mit fremden Männern im Haus ergeben könnten.

Wie stand es eigentlich um die Gehaltsfrage in biblischer Zeit? Das Annehmen von Geldern konnte zu Korruption führen, das Mitleid mit den Armen zu Einseitigkeit. Vor beidem warnen die Gebote der Tora. In den Vorschriften für den Rechtsspruch heißt es (Lev. 19,15): "Handelt nicht ungerecht bei Prozessen! Bevorzuge nicht den Geringen, erhebe nicht den Großen! In Gerechtigkeit richte deinen Nächsten!"

Von Debora sagen die Rabbinen, daß sie unentgeltlich wirkte. Das entspricht ganz der jüdischen Tradition, in welcher bis zur Neuzeit Tora-Gelehrte sich höchstens für den Zeitverlust entschädigen ließen, da die Arbeitszeit für den anderweitigen Brotberuf ausfiel. Große Meister waren stets Handwerker, Ärzte, Kaufleute, Winzer, Gutsbesitzer - und Familienväter! Sie lebten in keinem mönchischen Elfenbeinturm.

Entsprechend wurden die kurzen Angaben zu Debora ausgefüllt, von der es heißt, daß sie "zwischen Rama und Bet-El im Gebirge Efrajim" wohnte. Sie wurde unter die Großgrundbesitzerinnen eingereiht, die seit biblischer Zeit geschildert werden. So ist sie in der aramäischen Bibelparaphrase beschrieben, die eine Handreichung für Prediger war, und so übernahm es Raschi in seinem volkstümlichen Kommentar. Er lebte im 11. Jahrhundert in Troyes, Champagne, hatte ein Weingut und gründete eine Hochschule, die älter war als die Sorbonne (ggr. 1253). Seine Studenten kamen aus ganz Mitteleuropa, arbeiteten im Weingut mit und konnten so Kost, Logis und Studium im Gegenzug erhalten. Sie waren auch seine Assistenten und wirkten in vielen jüdischen Gemeinden im deutschen und slawischen Sprachkreis. Wenn Raschi und seine Schule über Ackerbau sprachen, war das keine graue Theorie.

Im Raschi-Kommentar zu unserem Vers Ri. 4,5 lesen wir: "Sie wohnte in der Stadt Atarot und ernährte sich von ihrem Eigentum. Sie besaß Palmen in Jericho, Zitrushaine in Rama, Olivenbäume mit gutem Öl im Bekaa-Tal, bewässerte Gemüsefelder in Bet-El, feine Tonerde in Tur-Malka"; für letzteres bietet Raschi eine Variante an: "Weißgemüsefelder": Spargel, wie er ihn kannte und schätzte? Debora war unabhängig von Gehalt oder Ehemann. So ist sie dem klassischen Judentum Vorbild, auch für die vielseitige, umsichtige, unabhängige Berufstätige.

"Debora, die Frau des Lapidots" (Ri. 4,4) - nach einer exegetischen Meinung ist er identisch mit ihrem Kampfgefährten Barak, denn dieser Name bedeutet Blitz, und Lapidot - Fackeln. Vielleicht war Barak sein Beiname. Andere Erklärer deuten den Lapidot völlig weg. Das hebräische Eschet Lapidot wird nicht als "Fackels Frau" verstanden, sondern als "Fackelfrau". In einem Volkskommentar des 18. Jahrhundert in der gängigen hebräischen Bibel mit Kommentaren heißt es: "So nennt man eine tatkräftige und geschickte Frau, sie ist 'feurig wie eine Fackel'". Daneben befindet sich die weniger harmlose Deutung des Philosophen Gersonides (Provence, 14. Jhr.): "Sie erlangte solch hohe Stufe der Prophetie, daß Feuerschein um sie war, wenn sie prophezeite, wie es die Tora von unserem Meister Mose berichtet".

Das steht in einer ähnlichen Tradition der Verehrung wie ein Ausspruch der Mystiker: "Komm und schaue: zwei Frauen gab es in der Welt, die sprachen Lobpreisungen für Gott, wie sie alle Männer in der Welt nicht so machen konnten! Wer sind sie? Debora und Hanna. Und all dies, weil die Männer sich in der Sünde befanden, und sie waren nicht würdig, daß der Geist in der Heiligung auf ihnen ruhte, wahrlich". (Sohar 3, 19b)

Als enge Verbündete erscheint Jael, die Frau des Kain-Nachkommen Heber. Den Gegenpol bilden die Mutter des feindlichen Feldherrn und ihre Fürstinnen. Sie stellen die Welt der Götzendiener dar, und um Israels Widerstand zu verstehen, beginne ich mit ihnen. Hazor war einer der mächtigsten Stadtstaaten an den frühen Handelswegen. Vielleicht gehörte er wie Jericho, die Mondstadt, zu einer Gruppe von Völkerschaften, die den Mond besonders verehrten. Jedenfalls befindet sich im Israel-Museum in Jerusalem ein ausgegrabenes kleines Heiligtum aus Hazor, dessen mittlerer Stein zwei betende Hände und die Mondsichel zeigt. Im Debora-Lied werden die, die Gott lieben, mit der Sonne verglichen; im Schöpfungsbericht wird die Größenordnung herausgehoben (Gen. 1,16). Hier prallten zwei Religionen aufeinander. Aus Ugarit bei Sidon kennen wir gut die kanaanäische Dichtung, ihre Götterdramen und Psalmen. Wir hören von der blutrünstigen Kriegsgöttin Anat und ihrem Bruder-Gatten. Vielen galt das als gottgefällig.

Wie also war es bei den Kanaanäerinnen? Ihnen ging es nicht um Wasser und Nahrung bei diesem Überfall auf die Halbnomaden. Sie waren sich ihrer Hochkultur und ihrer Waffen sicher. Aber die Mutter ahnt dennoch das Unheil: Weshalb ist der Sohn noch nicht zurück, wo bleibt sein siegreicher Panzertank?

"Die weiseste ihrer Fürstinnen antwortete ihr: Sie müssen erst die Beute verteilen, jedem Mann ein-zwei Uterusse, viele schöne Farbgewänder, vielen Halsschmuck!" (Ri. 5,25-30). Hier spiegeln sich die bitteren Erfahrungen der Jüdinnen wider, die so oft davongeschleppt und als Sklavinnen entrechtet und vergewaltigt wurden. Daher gibt es in der Tora das Gesetz zum Schutz der schönen Kriegsgefangenen, deren Frauenwürde gewahrt werden muß (Deu. 21,10-14): eines der vielen Gebote der Nächstenliebe gegenüber Frauen. Es wurde im Laufe der Geschichte so oft angewandt, daß ein großer Teil der heutigen Juden die Nachkommen von gekauften und freigelassenen Sklavinnen sind, die ins Judentum aufgenommen wurden: schwarze, gelbe und weiße Frauen.

Und das bringt uns zu der Nichtjüdin Jael: sie rettete gemeinsam mit Debora die israelitischen Nordstämme. Es liegt im Auge des Beschauers, ob sie Verräterin oder Retterin ist. Nicht anders als bei der Hure Rahab von Jericho, die sich für Israel entschied. Jael war stammesverwandt mit der nichtjüdischen Frau des Mose (Num. 10,29). Sie entschied sich, den fliehenden Feldherrn zu töten, so daß endgültig die Macht von Hazor gebrochen, die Gefahr abgewendet war. Ihr Mann war der Verbündete jener Stadt. Aber ihre Loyalität galt Debora.

Die jüdischen Meister kamen zur Überzeugung, daß Jael in Notwehr handelte, als sie Sissera umbrachte. Das entnehmen sie dem Text in Ri. 5,7: die dort gebrauchten sieben Verbformen sind: knien, liegen, fallen, zwischen ihren Beinen. Daher die Meinung: "Der Schurke hat sie siebenmal vergewaltigt". (Bab. Talmud, Jewamot 103a) Andere sagen: Gott selbst bezeugt, daß sie sich rechtzeitig wehrte. (Midrasch Levitikus Rabba 23,10) Sie ist gesegnet "mit" oder "durch" oder "mehr als die Frauen im Zelt" (Ri. 5,21): das sind die Matriarchinnen Israels. Ihnen wird Jael als würdig zugesellt. Anstelle der verlorenen Ehre der Jael - Kainsochter - spricht diese Midrasch-Tradition von einer, die den Weg zu Israel gefunden hat, in jener "unkritischen Solidarität" (Barbara Just-Dahlmann), deren die Bedrohten noch nach Jahrtausenden dankbar gedenken.

Auszüge eines Vortrags zur Tagung "Frauengestalten der Bibel", Hohenheim, Dezember 1991. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rabbiner Prof. Dr. Nathan Peter Levinson.

Prof. Dr. Pnina Navè Levinson, geboren 1921 in Berlin, geflüchtet zusammen mit ihrer Familie nach Palästina 1935, erwarb 1952 als erste Frau an der Jerusalemer Fakultät für Jüdische Studien den Doktorgrad. Zunächst in Israel Redaktionsmitglied der Encyclopaedia Hebraica und Mitbegründerin der ersten Liberalen Synagoge, kehrte sie in den 60er Jahren nach Deutschland zurück und lehrte insbesondere an der Universität und Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Neben ihrem Engagement im christlich-jüdischen Dialog widmete sich Pnina Navè Levinson vor allem dem jüdischen Feminismus und war lange Zeit die einzige namhafte jüdisch-feministische Theologin in Deutschland. 1998 starb sie in Jerusalem. Zu ihren wichtigsten Werken gehören: "Einführung in die rabbinische Theologie" (1982), "Was wurde aus Saras Töchtern? Frauen im Judentum" (1989), "Eva und ihre Schwestern. Perspektiven einer jüdisch-feministischen Theologie" (1992), "Esther erhebt ihre Stimme. Jüdische Frauen beten" (1993).

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