Journal 2 - 2001
Mythos Frau

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Valérie Rhein
Derselbe Text und doch ganz anders

"Und als die Wolke von dem Zelte gewichen war, siehe, da war Mirjam aussätzig, weiss wie Schnee" (Num. 12,10). Verwunderung, Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Jahr für Jahr, beim Lesen von Parscha Beha¹alotcha, diese Ungerechtigkeit, das kann doch gar nicht sein, die haben doch beide, Mirjam und Aharon, beide haben sie sich doch bitterlich beklagt, waren voller Neid auf den kleinen Bruder Mosche und gehässig gegen die fremd wirkende Schwägerin. Weshalb also wird nur Mirjam bestraft, verbannt aus der Gemeinschaft und geschlagen mit dieser furchtbaren Krankheit, die allen droht, die ihre Zunge nicht in Schacht halten? Verwunderung, Enttäuschung, Wut und Unverständnis.

Bis, endlich, eines Tages, beim Durchblättern der "Legends of the Jews", eine Stelle auftaucht, die erläutert, fassbarer macht, einige der brennenden Fragen zu klären vermag: Beide, Mirjam und Aharon, seien aussätzig geworden. Bei Aharon jedoch, so Louis Ginzberg in seiner Midraschim-Sammlung, sei die Krankheit schon nach einem kurzen Moment wieder verschwunden, denn seine Schuld sei kleiner gewesen als jene Mirjams, die als erste damit begonnen habe, sich über den Bruder zu beklagen ("Miriam¹s Punishment" in: Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1947, Vol. III, S. 259). Mirjam wird zwar auch hier als Hauptschuldige hingestellt, aber, immerhin, Aharon trägt ein kleines Stückchen der Last mit.

Eine weitere Lücke gefüllt, einen Raum neu belebt, den Figuren für Augenblicke Stummheit und Unbeweglichkeit genommen. Jedes Mal dasselbe Staunen, Welten, die sich auftun, Puzzleteile, die sich ineinander fügen, das Bild farbiger und lebendiger gestalten. Derselbe Text. Und doch ganz anders.

Derselbe Text. Die Tora. Patriarchal wie die Zeit, in der sie entstanden ist. Das Leben, das Handeln und die Rolle der Frauen galten da nur selten als erwähnenswert. Das lässt sich nicht ändern. Die Tora lässt sich weder neu schreiben noch ändern. Aber immer wieder von neuem lesen. Jahr für Jahr, mit neuem Blick, mit individuellem Verständnis und Hintergrund, wieder und wieder lesen. Und Lesende können Fragen stellen, den Inhalt hinterfragen, nach Antworten suchen, diskutieren, Kommentare beiziehen und die Texte neu interpretieren. Lesen, fragen, hinterfragen und neu interpretieren dafür gibt es einen Namen und eine jahrhundertealte Tradition: Midrasch.

Midraschim sind Teil der rabbinischen Literatur und beinhalten Interpretation und Auslegung biblischer Texte. Sie machen Unverständliches verständlicher, füllen Lücken, verleihen biblischen Figuren eine Stimme.
Auch den Frauen.

Mirjam zum Beispiel. Mirjam, die Prophetin, die älteste der drei Geschwister, die von Gott mit der Aufgabe betraut wurden, eineinhalb Millionen Männer, Frauen und Kinder aus Ägypten herauszuführen und während der 40 Jahre dauernden Wüstenwanderung zu begleiten. Ein eingespieltes Team, mit klar verteilten Rollen und Kompetenzen. Mosche, der Jüngste, als Chef und als Verbindung zwischen Mensch und Gott. Aharon als Priester und Sprecher. Mirjam als Hüterin des Wassers, dieses kostbaren Guts, dieser Quelle des Lebens, Mirjam, auf die geduldig gewartet wird, als sie, aussätzig, eine Woche lang ausserhalb des Lagers weilt. Unverzichtbar für die Emigrantinnen und Emigranten, die, am Berg Sinai mit der Tora beschenkt und zum Volk geworden, ihrer neuen Heimat entgegenstreben. Und dann doch nicht alle Einlass finden in das Land, in welchem Milch und Honig fliessen.

Denn die Männer, die aus Ägypten ausgezogen waren, starben während der 40-jährigen Wanderung, und nur ihre Kinder und Enkel, eine neue Generation, gelangten nach Israel. Die Frauen hingegen durften mit Ausnahme von Mirjam alle den Fuss über die Grenze setzen. Als Dank für ihr Verhalten während des nicht endend wollenden Wartens auf Mosche, der mehr als 40 Tage und 40 Nächte in den Höhen des Sinai weilte. Die rund 600Œ000 Frauen hatten sich damals geweigert, ihren Schmuck für die Erschaffung des Goldenen Kalbes herzugeben (Ex. 32,3). Nicht etwa, weil es sie gereut hätte. Sondern aus Überzeugung und Glauben. Die Frauen spielten das Spiel der Männer nicht mit, sie wollten mit der Schaffung eines Götzen nichts zu tun haben. Unter den Frauen befand sich auch Jochewed, die betagte Mutter von Mirjam, Aharon und Mosche, bei der Ankunft in Israel 250 Jahre alt.

Ein Teil dieser Geschichte steht in der Tora. Ein anderer stammt aus einem Midrasch ("The Daughters of Zelophehad" in: Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1947, Vol. III, S. 393). Dieselbe Geschichte. Und doch ganz anders.

Midraschim, erzählt und niedergeschrieben im Laufe von Jahrhunderten, widerspiegeln den Geist der Zeit, in der sie entstehen. Das gilt auch für die Midraschim des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Rad muss aber nicht neu erfunden werden. Vielmehr lässt sich anknüpfen an eine jahrhundertealte Tradition. Das trifft auch auf viele andere Bereiche des jüdischen Lebens zu. Auf die Rolle der Frau im täglichen Gebet zum Beispiel. Einzelne praktizierende und gebildete jüdische Frauen hat es schon immer gegeben. Frauen wie die biblische Michal etwa, die Tefilin legte. Oder Frauen wie die Gelehrte Berurja, von der im Talmud berichtet wird.

Seit vielen Generationen aber lernen und leben Frauen das Gegenteil, das Nicht-Dürfen. Und nur langsam beginnen Frauen und Männer zu erfahren, zu verstehen und zu verinnerlichen, dass alle Jüdinnen und Juden ab Bat- und Barmizwa-Alter am religiösen Alltag aktiv teilnehmen dürfen. Allmählich, noch immer zaghaft zwar, aber immer spürbarer öffnen sich auch hier neue Welten, wird an Altes angeknüpft, durchbrechen Frauen die während Jahrhunderten praktizierte Tradition des Nicht-Dürfens. Dieselbe Tora. Dasselbe Judentum. Und doch ganz anders.

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