![]() |
![]() |
![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Alice Shalvi Der Topos der "unfruchtbaren Frau" erscheint immer wieder in unserer Literatur, besonders in Genesis, dem Buch unserer Vorfahren und Vorfahrinnen, der Patriarchen und Matriarchinnen. Ironischerweise ist die ursprüngliche Unfruchtbarkeit das vielleicht auffälligste Merkmal der Stammütter. Es ist göttliche Intervention nötig, bevor Sarah, Rebekka und Rachel die lang ersehnten Söhne gebären, die Gott ihren Ehemännern versprach. Die einzig wirklich Fruchtbare, die keine Schwierigkeiten mit der Empfängnis hat, ist Lea, die "ungeliebte" Frau, die Jakob fälschlich zugeschoben wurde, und die meinte, daß sie dank der Geburt von Söhnen die Liebe ihres Ehemannes gewinnen werde. Das ist der andere erwähnenswerte Punkt: es sind Söhne, die erwünscht sind, und zwar um der Tradition der männlichen Erbfolge willen - nicht, wie man vermuten könnte, wegen des Erstgeborenen, sondern um des "Erwählten" willen, für gewöhnlich des Jüngeren (d.h. Isaak nicht Ismail; Josef, nicht seine älteren Brüder; Efraim, nicht Manasse). In Genesis entdecken wir erstmals auch die Praxis der Ersatzmutterschaft. Sara schlägt ihrem Ehemann Abraham vor, er möge, da sie kinderlos sei, ihre Magd Hagar nehmen. Und sie verwendet ein interessantes Wort: ulaj ebane mimenah. Wörtlich übersetzt bedeutet das: "Vielleicht werde ich durch sie gebaut werden". Aber die Wurzel des Wortes ebane - Ich werde gebaut sein - ist ben, was "Sohn" bedeutet. Interessant ist, daß etymologisch gesehen die Wurzel des Wortes "bauen" "Sohn" [bet, nun] ist. Und später haben wir dann Rachel und Lea, die ihre Mägde Bilha und Zilpha an Jakob geben, damit diese ersatzweise Kinder für sie gebären. Übrigens habe ich es immer traurig gefunden, daß, wenn wir die Stammütter in unser Gebet einfügen und avot ve'imahot [Väter und Mütter] sagen, nur von Sara, Rebekka, Rachel und Lea sprechen. Ich persönlich würde gern damit beginnen, Bilha und Zilpha hinzuzufügen, zumal sie mehrere von Jakobs Söhnen geboren haben. In den späteren Büchern finden wir die Geschichte von Hanna, von der das Judentum das Konzept des Betens ableitet, und es gibt Naomi und Ruth, wo das "Happy End" durch die Geburt eines Sohnes gesichert wird. Aber interessant ist, daß Ruths Sohn von den Nachbarn bereits als Sohn von Naomi wahrgenommen wird - jolad ben le'naomi. Es ist Naomis "Tun", das bewirkt, daß Ruth ein Kind hat - ein Ereignis, das den Verlust ihrer Söhne, über den im Eingangskapitel berichtet wird, ins Gegenteil verkehrt. So also finden wir die Tradition in den biblischen Quellen. Im rabbinischen Recht ist die Unfruchtbarkeit der Frau ein Scheidungsgrund. Die Tatsache, daß die Unfruchtbarkeit oft beim Manne liegt, ist von den Rabbinern nicht hinreichend herausgestellt worden. Teilweise ist der Zwang zum Gebären auf die Notwendigkeit zurückzuführen, einen Erben zu haben, der die familiale Fortsetzung des Landbesitzes sichert. In diesem Zusammenhang sind ein sehr interessantes feministisches Beispiel in unserer Literatur die fünf Töchter von Zelofchad, die aufstanden und erklärten: "Soll der Name unseres Vaters verloren gehen, nur weil er keine Söhne hat? Gib uns das Land, welches anderenfalls den Söhnen unseres Vaters zugestanden hätte." Das ist einer der wenigen Fälle, wo Moses, der für gewöhnlich eine Antwort auf alles hat, die Antwort nicht kennt. Aber Gott sagt: "Gerecht haben die Töchter Zelofchads gesprochen!" Also erhalten sie das Land, aber später erfahren wir, daß sie Leute vom gleichen Stamm heiraten mußten, weil das Land ansonsten verloren gegangen wäre. Mit anderen Worten, sie erhielten gewisse Rechte, aber diese waren noch immer beschränkt. Zum Teil ist der Zwang zur Mutterschaft die Erfüllung der Funktionsteilung, die Gott nach dem Sündenfall vorgab: Evas Verurteilung, "Kinder mit Schmerzen zu gebären", ist das Gegengewicht zu Adams Aufgabe, mittels körperlicher Arbeit sein Brot "im Schweiße seines Angesichts" zu erwerben. (Es ist wahrscheinlich angemessen, daß auf Englisch das Wort für beide Fälle "labour" ist. [Für Gebären und die körperliche Arbeit, d.Ü.]) Heute jedoch, wo die Frage des Landbesitzes nicht mehr aktuell ist und die strenge Teilung sozialer und wirtschaftlicher Funktionen gleichermaßen unwichtig geworden sind, obliegt der Frau noch immer die Pflicht, Kinder zu gebären. Eine Frau, die kein Kind geboren hat, wird oft eine Frau angesehen (sowohl durch sich selbst als auch durch andere), die sich selbst noch nicht verwirklicht hat, als eine, die ihre raison d'etre als Frau noch nicht erfüllt hat. Insofern beobachten wir heute einen enormen Zuwachs an bewußt alleinerziehenden Müttern und lesbischen Paaren mit adoptierten Kindern oder die Anwendung künstlicher Befruchtung als auch Adoption durch heterosexuelle Paare. Das ist heute besonders in Israel der Fall. 1998 haben alleinstehende Mütter 5.900 Kinder zur Welt gebracht, 1999 hat sich diese Zahl um 15 Prozent auf 7.000 erhöht. Es gibt weitere gegenwartsbezogene historische Tatsachen, die in ihrer Kombination jüdische Frauen dazu bringen, Kinder zu gebären. Einer dieser Faktoren ist der Holocaust, der das Bedürfnis verschärft hat, jene zu ersetzen, die verschwunden sind. Eine bemerkenswerte Erscheinung waren die vielen Hochzeiten und Geburten in den DP-Lagern [displaced persons], wo man Umstände hätte annehmen können, die der Förderung jedweder Aktivität abträglich seien. "Am jisrael chaj - Das jüdische Volk lebt!" und "Jede Geburt ein Sieg!" waren - und sind noch immer Losungen, die zum Gebären von Kindern als nationale Pflicht aufrufen. In Israel haben wir zudem eine nationale Paranoia, hervorgerufen aus Angst vor Vernichtung, vor Auslöschung durch einen Krieg - eine Angst, die dadurch verstärkt wird, daß Palästinenser die Leiber ihrer Frauen als "Waffen" sehen, mit denen sie Israel zwangsweise überrollen werden. Die durchschnittliche Geburtenrate beträgt bei jüdischen Frauen 2,8. Das ist mehr als in allen anderen entwickelten Ländern, aber sie ist nur halb so groß wie die der arabischen Frauen in Israel und weit geringer als die der Palästinenserinnen. Erwähnenswert ist weiterhin, daß es die höchste Geburtenrate in der Gemeinschaft der Haredi [Ultra-Orthodoxen] und in den Siedlungen auf der Westbank und im Gaza-Streifen gibt. Israels Regierungspolitik unterstützt große Familien durch großzügige Familienförderungen, bezahlten Mutterschaftsurlaub und relativ preisgünstige oder subventionierte Kinderbetreuungsmaßnahmen. Israels Verteidigungskräfte demobilisieren weibliche Soldaten, wenn diese während ihres zwanzig Monate andauernden Dienstes heiraten. Verheiratete Frauen sind (noch) vom Reservedienst ausgenommen. Überraschenderweise - und beschämend zugleich - ist, daß die Krankenversicherung die hohen Kosten für die Behandlung der Unfruchtbarkeit bis hin zur zweiten erfolgreichen Geburt übernimmt, doch Empfängnisverhütung und Familienplanung nicht finanziert. Die künstliche Befruchtung wird staatlich subventioniert und unfruchtbare Frauen können Samen von staatlich bezahlten Spendern erhalten. Religiöse Autoritäten ermutigen Frauen, mindestens zehn Kinder zu bekommen. Rabbiner Schach erklärte einmal: "Es liegt ein Segen auf allen guten Dingen der Natur, die dazu beitragen, eine weitere Seele nach Israel zu bringen". Einige Rabbiner sollen sogar Fruchtbarkeitspillen an solche Frauen weitergegeben haben, die Probleme mit der Empfängnis hatten, nachdem sie bereits mehrere Geburten hinter sich hatten. Die Abtreibung ist legal, jedoch nicht für körperlich und geistig gesunde Frauen zwischen 17 und 40 Jahren. Dennoch weist die gegenwärtige Forschung trotz all dieser Anregungen und Anreize auf eine gegenläufige Erscheinung hin, die das Resultat der aktuell prekären Sicherheitslage in Israel ist. Frauen haben Angst, Söhne zur Welt zu bringen. Somatische Störungen zeigen sich bei Müttern, deren Söhne im Militär dienen, und es existiert ein sichtbarer Konflikt zwischen der Sorge um die Sicherheit der Kinder und der traditionell (jüdischen) Einstellung, die Söhne bevorzugt. Tatsächlich ist die Mutterschaft ein politisches Instrument geworden, nicht nur bei den Siedlern und den Palästinensern in- und außerhalb Israels, sondern auch in der Friedensbewegung. Die "Vier Mütter" haben Anteil am Rückzug aus dem Libanon. Aus den "Müttern für Frieden" sind später die "Eltern für Frieden" geworden. Orthodoxe Frauen haben sich als "Frauen für die Heiligkeit des Lebens" organisiert. Mit anderen Worten stellen Frausein, Mutterschaft und der Diskurs über das Mütterliche eine Herausforderung an die Regierungspolitik und das Militär dar. Jüdische Frauen werden in die Lage versetzt, ihre "natürlichen" mütterlichen Gefühle mit der Opposition gegenüber einer Regierungspolitik zu vereinbaren, die auf Aggression und Besetzung gerichtet ist (die bedauerlicherweise von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt wird), ohne dabei unpatriotisch zu erscheinen. Feministinnen gelingt es folglich, subversiv zu sein, indem sie auf die altmodische Karte des "Zwangs zur Mutterschaft" setzen. Ihnen gebührt alle Ehre! Prof. Dr. Alice Shalvi, geboren in Essen/ Deutschland 1926, gründete das Israel Women's Network und war bis vor kurzem Rektorin des Rabbinerseminars Solomon Schechter Institute of Jewish Studies in Jerusalem. |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| nach oben | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||