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Journal 2 - 2001 |
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Elizabeth Tikvah Sarah Das Familienleben hat sich verändert und zu einem heterogenen Phänomen gewandelt - aber was ist mit dem jüdischen Familienleben? Es sieht so aus, als gäbe es an der ultra-orthodoxen Front, besonders in der chassidischen Welt, seit den Tagen des Stetl kaum Veränderungen. Was aber ist mit den Juden, der übergroßen Mehrheit, die nicht abseits der Mehrheitsgesellschaften leben? Die Geschichte des ersten Gemeindeseders [rituelles Mahl zum Pessachfest] in meiner Synagoge gibt eine lehrreiche Antwort auf diese Frage. Es war eine nette, lebendige Feier, begangen von einer sehr unterschiedlichen Gruppe von Mitgliedern, Freundinnen und Freunden der Gemeinde unterschiedlichen Alters: geborenen Jüdinnen und Juden und zum Judentum Übergetretenen, nichtjüdischen Partnern und Familienmitgliedern, Kernfamilien, erweiterten Familien, Alleinstehenden, Paaren - darunter nicht weniger als eine lesbische Familie und zwei lesbische Paare. Zu dieser Mischung gehört auch eine Gruppe von Stammgästen, die zu den Feiertagen in die Synagoge kommen - einige behinderte Erwachsene mit Lernproblemen, die an dem ehrenamtlichen jüdischen Projekt "Tikva" teilnehmen, das in dieser Gegend arbeitet. Wie wir in England sagen: "Alle hatten eine gute Zeit". Aber der Subtext zu diesem glücklichen Treffen ist komplexer. In dieser großen Nacht des Fragens wurde ich mir meiner eigenen Fragen gewahr: Was taten wir hier an dieser ersten Pessachnacht? Warum waren die Anwesenden nicht zu Hause und leiteten ihre eigenen Sedarim? Warum nahmen sie nicht an einem häuslichen Familienseder bei jemand anders teil? Natürlich mußten die Antworten auf diese Fragen genauso unterschiedlich ausfallen wie die Zusammenkunft selber, und das führte dazu, daß ich weitere Fragen erwog: Fehlte es einigen an notwendigem Wissen und Selbstvertrauen, um einen eigenen Seder zu organisieren? Hatten andere ganz einfach keine Familie, die sie einladen oder zu der sie gehen könnten? Da ich meine Fragen nicht laut aussprach, konnte ich die möglichen Antworten nur vermuten. Aber eins war klar: Aus vielerlei Gründen hatten sich 70 Menschen - ungefähr 25 Prozent der Gemeinde - dafür entschieden, in die Schul [Synagoge] zu kommen und hier den Seder gemeinsam zu feiern. Tatsächlich, das zeigte die Liste der Anmeldungen, hätte das Treffen noch größer ausfallen können, doch wir waren nicht in der Lage, mehr als 70 Menschen im Synagogensaal unterbringen. Meine Bemerkungen über die Vielfalt bei diesem Treffen sind vielleicht ein wenig irreführend. Obgleich Kinder anwesend waren, gab es insgesamt nur zehn Jugendliche insgesamt, und wenngleich die Altersspanne bis über 80 Jahre reichte, zeigte sich eine deutliche Kluft in den Altersgruppen zwischen zwölf und Dreißig-Plus. Meine Beobachtungen zur der Altersstruktur führten zu einigen weiteren unausgesprochenen Fragen: Feierten die jungen Kernfamilien, die nicht gekommen waren, den Seder zu Hause oder mit anderen Kernfamilien? Waren die jungen Erwachsenen, die beim Gemeindeseder fehlten, bei ihren Familien oder feierten sie vielleicht anderswo Pessach? Als ich jung war, gab es kaum Gemeindeseder - und noch seltener einen Gemeindeseder am ersten Abend. Was also hat sich in den letzten dreißig oder mehr Jahren geändert? Lassen Sie mich vom zweiten Pessachabend erzählen, den ich in der zweiten Pessachnacht geleitet habe und den die vor fast dreißig Jahren gegründete jüdische lesbisch-schwule Gruppe in London organisiert hat. Dieser Seder wurde speziell veranstaltet, um einen Raum für jüdische Lesben und Schwule zu schaffen, die oftmals von ihren Familien ausgeschlossen, ignoriert oder marginalisiert werden, um gemeinsam - im Geiste von Pessach - als freie Menschen zu feiern. Aber dieser Seder war mehr als das. Wie ein Sprecher der Gruppe es in einem Artikel im "Jewish Chronicle" ausdrückte: "Wir betrachten unsere Gruppe als eine Familie... Unser Seder untermauert die Tatsache, daß wir eine alternative Familie sind." Innerhalb der letzten dreißig Jahre, seitdem lesbische und schwule Juden begannen, aus den versteckten Winkeln und Ritzen ihrer ansonsten "normalen" jüdischen Familien herauszukommen, sind die entstehenden Gemeinden jüdischer Lesben und Schwuler alternative Familien geworden, die Liebe, Unterstützung und ein tiefes Gefühl von Verwandtschaft bieten. Der interessanteste Aspekt bei dieser Entwicklung ist , daß der Familiensinn in dem Maße größer wurde, wie die Vielfalt der jüdischen schwul-lesbischen Gemeinde sichtbarer geworden ist. Im Gegensatz zu dem, was vermutet werden könnte, war dieser zweite Sederabend eine sehr heterogene Gesellschaft. Jüdinnen und Juden aller und keiner Richtung waren dabei, Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, Alleinstehende und Paare - und auch zwei Kinder. Genauso deutlich wie die Kontraste waren die Ähnlichkeiten zwischen den Zusammenkünften am ersten und zweiten Abend: Während einerseits an beiden Sederabenden mehr Erwachsene als Kinder teilnahmen und Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Zwanzigern und Dreißigern fehlten, hatten andererseits bei beiden Sederabenden Individuen sich bewußt dafür entschieden, dabei zu sein, und es gab spürbar das Gefühl von einer vielschichtigen Gruppe, die gemeinsam als Familie feierte. Individuen treffen bewußt eine Wahl, verschiedene Gruppen feiern gemeinsam als Familie. Ich möchte diese zwei Konzepte, diese zwei Realitäten, in unserem Bewußtsein festhalten, damit wir die Auswirkungen dieser auf den ersten Blick eher unwahrscheinlichen Kombination betrachten könnte. Das Einhalten von Pessach durch die Generationen hindurch und die Beachtung aller Praktiken, die jüdisches Leben definieren, wurzelt in der Verpflichtung, Gott zu dienen, der unser Volk aus ägyptischer Sklaverei befreit hat. Das bedeutet natürlich, daß die Verpflichtung, Pessach einzuhalten, in gewisser Weise die Verpflichtung beinhaltet, unsere Existenz als jüdisches Volk zu definieren. Die Tora zitierend, legt die Haggada [Erzählung vom Auszug aus Ägypten] diese Verpflichtung in eindeutiger Weise fest: "Du sollst deinem Kind an diesem Tage erzählen, daß dies um dessen willen geschieht, was der Ewige für mich getan, als er mich aus dem Lande Ägypten herausführte" (Deut. 6:23). Jedes Elternteil ist verpflichtet, dies seinem Kind zu erzählen - das ist das Modell. Aber jetzt haben wir ein neues Phänomen: Individuen treffen Entscheidungen, Individuen wählen, gemeinsam mit anderen zu feiern, mit denen sie ein Gefühl von Verwandtschaft verbindet, das nicht auf biologischen Wurzeln beruht. Und selbstverständlich sind jene, die entscheiden, am Gemeindeseder teilzunehmen, nicht die einzigen, die eine Wahl treffen. Es gibt auch solche, die weiterhin zu Hause feiern oder bei Verwandten oder Freunden. Und es gibt diejenigen, die es vorziehen, nicht zu feiern. Manche der sich Entscheidenden fühlen sich ohne Zweifel noch immer verpflichtet, nichtsdestotrotz treffen sie ihre Wahl. Und es liegt in der Natur des Wählens, daß eine Entscheidung nicht für alle Zeiten gilt. Es ist ein dynamischer Prozeß. Wir können uns - was die Teilnahme an einem Seder angeht - verschieden entscheiden. Und das gleiche gilt für die biologischen Verbindungen, die wir schaffen und brechen, für die alternativen Familien, denen wir uns anschließen und die wir verlassen. Trotz einer feststehenden Tradition, die von den frühen Rabbinern vor fast 2.000 Jahren kodifiziert worden ist, liegt mit der Familie - ledor vador, von Generation zu Generation - die Fortsetzung jüdischen Lebens in den Händen wählender Individuen. Das aber bedeutet nicht, daß die jüdischen Gemeindestrukturen überflüssig sind. Aufgrund meiner Erfahrungen ist mir bewußt, daß der Gemeindeseder nicht nur eine Metapher für das heutige jüdische Leben ist und ein Schauplatz, auf dem die Veränderungen der jüdischen Familienmuster für alle sichtbar dargestellt werden. Er veranschaulicht auch dramatisch, wie sich die Gemeinden selber in Reaktion auf die Veränderungen innerhalb der jüdischen Familien wandeln. Weil das Heim für eine wachsende Zahl von Jüdinnen und Juden nicht mehr Fundament jüdischen Lebens ist, weil die biologische Familie für viele nicht mehr der Ort starker jüdischer Bezüge ist, wenden sich Individuen, Paare und Familien Gemeinden, Gemeinschaften und Chawurot [Freundeskreise] zu, um diese nährenden und verbindenden Funktionen zu füllen. Und so werden Synagogen, deren Aktivitäten sich traditionell auf "Gebet", "Lernen" und "Zusammenkünfte" beziehen, jetzt herausgefordert, neue Rollen als erweiterte Familien und jüdische Heime für ihre Mitglieder, Freundinnen und Freunde zu entwickeln. Das bedeutet, daß die Forderungen an die Gemeinden nach Familie und Heim weitreichender sind als ein jährlicher Gemeindeseder. Eines der besten Beispiele aus meiner Erfahrung ist die Entwicklung von Erew [Abend]-Schabbat-Gottesdiensten und gemeinsamen Mahlzeiten- die nicht nur in der Synagoge, sondern auch in den Wohnungen von Mitgliedern stattfinden. Ich weiß von einer wöchentlichen Zusammenkunft innerhalb meiner Gemeinde, die Alleinstehende und Paare, die älter als sechzig Jahre sind, umfaßt. Jede Woche findet es in einer anderen Wohnung statt, und jede Person, die teilnimmt, bringt etwas zu essen mit. Nicht nur, daß sie das Erew-Schabbat-Essen miteinander teilen, sie unterstützen sich gegenseitig. Oder, wie jemand zu mir sagte: "Wir sind füreinander da, wir sind wie eine Familie - so, wie eine Familie sein sollte." Natürlich sind es nicht nur Gemeinschaften, Gemeinden und Chawurot, die damit beginnen, neue Formen der jüdischen Familie und des jüdischen Heims zu entwickeln. Sogar eine eher weniger verwurzelt erscheinende Struktur wie die von Bet Debora schafft einen Zusammenhang, in dem neue Bindungen, neue Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Individuen mit verschiedenen Vergangenheiten und persönlichen Umständen geschmiedet werden. Weil die Wirklichkeit jüdischen Familienlebens heute bedeutet, daß jenseits der Reparatur gebrochener Familien Jüdinnen und Juden in vielfältigen Familienformen leben und schaffen. Wie meine Bemerkungen deutlich machen, haben die vielen, vielen Familientypen - biologische, nichtbiologische - und eine Mischung aus beiden - wie auch ein Phänomen wie Bet Debora - wesentliche Merkmale gemein: Jede Familie - unabhängig von ihrem Profil - geht Beziehungen miteinander ein. Jede bildet einen Ort für geteilte Sorge, für gegenseitige Unterstützung und für Zugehörigkeit, jede einzelne bringt jüdischen Leben hervor. Die jüdische Familie ist nicht verschwunden. Sie hat sich zu zahllosen Formen gewandelt. Einzig für immer verloren gegangen ist - das hoffe ich - der Mythos, daß die Familie, jüdisch oder auch nicht, ein monolithischer Block sei. So können wir meiner Meinung nach mit Zuversicht sagen: Die jüdische Familie ist tot. Es leben die jüdischen Familien! Rabbinerin Elizabeth Tikvah Sarah arbeitet als Dozentin am Leo Baeck College, wo sie das rabbinische In-Service Training Team leitet, sowie als Rabbinerin an der Brighton and Hove Progressive Synagogue. Zahlreiche Veröffentlichungen. |
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